Stoewer Record 5, Baujahr 1913 (53)

Angekommen: 26. Mai 2020 aus Bamberg
Modell: 5, Version II
Herkunft: Bernhard Stoewer AG, Stettin, Deutschland
Seriennummer: 34922
Baujahr: 1913
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 15 mm auf eigenen Spulen ( 13mm geht auch)
Renoviert von: Heiko Stolten im Mai 2020
Besonderheit: Große Schriftart und Lyra Papierhalter

1912
Die Titanic sinkt –  Deutsche Archäologen stoßen auf eine Kalksteinbüste der ägyptischen Königin Nofretete – In München wurde erstmals der Preis für Strom samt Grundgebühr festgelegt.

Ankunft in der Schreibstube Krempe. Hier im Originalzustand

Überschrift der Annonce:
Alte Stower Schreibmaschine Deko & Sammlerstück.
Text der Annonce: „Schöne alte Schreibmaschine wie abgebildet“

Stower statt Stoewer! Vielleicht war es der unbeabsichtigte Schreibfehler des Inserenten der dafür verantwortlich zeichnete, dass so wenig Interesse an der Anzeige bestand. Eigentlich wechselt so eine Stoewer 5 mit dem schönem Lyra Papierhalter schneller ihren Besitzer wenn sie inseriert wird. Diese hier nicht. Vielleicht war es aber auch die Corona Kriese, oder gar beides. Egal, jetzt steht sie hier bei mir und ich freue mich so ein schönes Stück ergattert zu haben. Ich selbst fand die Anzeige auch erst nachdem sie schon 20 Tage online war.

Stoewer Record Modell 5 in der Version II mit Lyra Papierhalter

Etwas zur Stoewer Schreibmaschine

Das Modell 5 wurde 1908 auf den Markt gebracht. Bereits im Jahr 1900 wurde mit Nähmaschinen und Fahrrädern begonnen, und um 1903 herum die erste Schreibmaschine konstruiert. Aber erst mit dem Modell 5 kam der endgültige Durchbruch auf dem Markt für Schreibmaschinen.
Das Modell 5 wurde außerordentlich Erfolgreich und wurde mit etwa 95.000 Exemplaren bis 1930 gebaut. Dieses Exemplar einer Modell 5 in der Version II hat noch kein Eckiges Frontgehäuse wie die Version III und IV und wirkt im Ganzen noch runder. Ebenso haben die Farbbandspulen noch keine Ringförmige Abdeckungen.

Um 1925 kam die Firma in wirtschaftliche Schwierigkeiten weil die in- und ausländische Konkurrenz immer größer wurde, woraufhin die Produktion 1930 eingestellt wurde.

Die Stoewer kommt zu mir

Der schöne Papierhalter, er wird Lyra- oder Schmetterlings Papierhalter genannt, mit seinem Jugendstil-Design hatte es mir schon lange angetan. Diese Maschine, und zwar genau diese, die Version I oder II mit diesem Papierhalter stand schon länger auf meiner Wunschliste. Beides zusammen, der Lyra Papierhalter und die Maschine sind für mich optisch ein Hochgenuss. Ich weiß, die früheren Modelle einer Stoewer sind bei Sammlern begehrter, aber wen schert’s? Mich nicht!
Ich wollte genau diese, weil sie für mich, und zwar zusammen mit diesem Papierhalter, in der Form einer Lyra, die schönste Stoewer ist!

Mitte Mai 2020 hatte ich sie gefunden, im Online Anzeigendschungel.
„Gott sei es getrommelt und gepfiffen“, sie hatte das Prädikat „Versand möglich“, denn nach Bamberg wäre ich nun nicht gerade gefahren um sie abzuholen. Ich konnte es also mal wieder getrost den Hermes Götterboten überlassen, die mir bis jetzt jede Maschine im Tadellosem Zustand überbracht haben. „Danke Jungs, ihr seid Spitze“.

Auch von hinten sehr ansehnlich.

Ja, und da stand sie nun vor mir, direkt auf meinem Bildschirm, in neun (9) Bildern und dem nichtssagenden Text der Anzeige. Das Objekt meiner Begierde. Schon der Umstand das sie auf meinem Bildschirm erschien war mir eine Freude, und das der Inserent sofort bereit war mir alle meine Fragen zu beantworten war auch ein gutes Zeichen.
Das ich anhand der Fotos sehen konnte, dass der Aufzugfaden gerissen ist, hat ihn schon beeindruckt und anschließend zu einem Preisnachlass geführt.

Alle weiteren Antworten auf meine wohl für den Verkäufer quälenden Fragen bekundeten mir: Diese Maschine sollte wohl funktionieren und intakt sein. Optisch sind Fotos ja oft nicht wirklich Aussagekräftig. Die einen sehen oft schöner aus als die Realität. Aber manche zeichnen eben auch ein sehr viel schlechtes Bild, so wie in diesem Fall.
Das das Decal, also die Beschriftung, an der Front schon zur Hälfte weggerieben ist hat mich erst abgeschreckt. Ebenso ist am Frontblech und am Papierblech „Lackfraß“ zu erkennen.

Unter der obersten Schutz- und Glanzlackschicht hat sich Feuchtigkeit gebildet, daher diese grünlichen Flecken, ähnlich einer Flechte. Das hat mich vorerst auch zurück schrecken lassen, aber bei meiner Adler 16 hatte ich das selbe Problem und konnte es fast beseitigen. Also gehe ich davon aus das die Fotos das Problem durch den Blitz der Kamera schlimmer darstellen als es wirklich ist und überweise den geforderten Kaufpreis.

Und gestern, am 26. Mai 2020 war es soweit. Um 17 Uhr wurde sie mir Kontaktlos und ohne Unterschriftabgabe geliefert. Wie immer war der Karton unversehrt und ohne Beschädigungen. So soll es sein! „Jungs lauft nicht immer so schnell weg, sonst bekommt ihr kein Trinkgeld“.

Erster Fototermin und Begutachtung

Erstaunlich wie sauber und gepflegt sie nach 108 Lebensjahren immer noch ist. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine Sammler-Maschine. Nur etwas Staub und kaum nennenswerte Patina. Der Lack glänzt und sie würde, wäre das Zugband intakt sofort schreiben können.
15 Millimeter Farbband! Ohah, das hätte ich jetzt nicht gedacht.
„Schiete secht Fiete“, wo bekomme ich denn so eines her? Muss ich wieder nach Alternativen suchen? Eine Kappel hätte auch ein 15 mm Farbband lese ich.
Ein Farbband ist eingesetzt, sogar auf einer 15 Millimeter Farbbandspule einer Kappel (auf den Fotos ist das schon getauscht), das jedoch Furztrocken und unbrauchbar ist. Und was sehe ich? Es ist ein 13 mm Farbband. Also implantiere ich ihr vorerst einmal ein 13 Millimeter Band, und siehe da, es funktioniert.
Vorher, und natürlich vor dem ersten Schreibtest, muss das Aufzugbändchen erneuert werden. Gesagt, getan – Hinein mit der Nylonschnur! Danach schreibt sie sofort , als hätte sie nur darauf gewartet, wunderbar.
Sogar mit einer, ich bin begeistert, etwas vergrößerten Pica Schrift die etwas zusammengezogen wirkt, so wie eine Condensed Schrift, so nennt man eine schmal laufende Schrift im Schriftsatz.

Klasse, wieder eine neue Schriftart!!!

Nun müssen nur noch einige unwillige Typenhebel wieder zu dienstbaren Geistern gemacht werden. Einige kommen nur zögerlich zurück oder bleiben oben hängen. Klein Problem also!

Die Glocke ist gleichzeitig auch der drehbare Spannmechanismus für die Aufzugfeder. Sie Glänzt im Originalzutsand, so dass ich Mühe habe mich auf dem Foto nicht selbst zu spiegeln.

Einige Hebel sind mir noch nicht so ganz geläufig und ihre Funktion erschließt sich mir nicht sofort. Aber das ist normal bei einer neuen Maschine. Das kenne ich schon und wird schon noch werden!

Radier-Staub-Rinne

Hier ist die Rinne zu sehen die den Radierstaub davon abhalten soll in die empfindlichen Gelenke der Typenhebel zu bröseln.

Interessant ist der sogenannte „Radierstaubfänger“, geformt wie eine Rinne unter den Typenhebeln. Oben im Foto zu sehen. So etwas habe ich bisher noch bei keiner Schreibmaschine gesehen. Hatte man einen Tippfehler verursacht der radiert werden musste, fiel der Radierstaub in diese Rinne. Ohne diese Rinne läge der Radierabrieb irgendwann, wenn die Maschine nicht regelmäßig penibel sauber gehalten würde, inmitten der Typenhebelgelenke und würde diese lahm legen.
Bei der Stoewer 5 fällt der Staub und die Brösel auf diese Rinne oberhalb der empfindlichen Gelenke und die Maschine konnte so problemlos gereinigt werden. Naja, bei einem Preis von damals 380 Mark sollte schon ein wenig Luxus an Bord sein. 400 Mark kostete das Modell mit Farbbandumschaltung auf eine zweite Farbe. Aber die brauche ich eh nie, Einfarbig ist voll und ganz ausreichend.

Reinigen

Dazu gibt es jetzt nichts Großartiges zu berichten. Langweilig bis Öde möchte ich mal sagen. Sie wird nur entstaubt, poliert und die Metallteile bekommen ihren alten Glanz zurück. Die Typenhebel sind auch bald wieder gangbar und fliegen nur so dahin. Nichts was also in irgendeiner Form schwierig wäre.
Einzig das Papierblech und die Frontverkleidung bekommen eine Sonderbehandlung. Hier hat sich der Lackfraß, oder wie auch immer das heißt, eingenistet.
Und das passiert so!
Die schwarze Grund-Lackierung einer Schreibmaschine wurde nach dem trocknen mit einer weiteren Schicht Lack überzogen. einem hochglänzendem Klarlack. Zwischen beiden Schichten befinden sich die Abziehbilder mit den Beschriftungen, Logos und Verzierungen.
Bei manchen Maschinen löst sich nach einiger Zeit, meist aber erst nach vielen Jahren, die erste Lackschicht geringfügig ab. Das liegt oft an einer Mangelhaften Lackqualität und/oder an Feuchtigkeit. Das kann ich nach 108 Jahren allerdings nicht mehr reklamieren und muss mir selbst helfen. Die Garantie ist wohl abgelaufen, oder?
Luftfeuchtigkeit ist es die dann unter die Glanzlackschicht dringt und ihn aufquellen lässt. Problematisch wird es dann wenn der Lack an Stellen aufquellt an denen sich die Logos und Beschriftungen befinden. Nun ja, und das ist eben oft der Fall, genau so wie das Brötchen das immer Zielsicher auf die Marmeladenseite fällt.

Lackfraß beseitigen

Im I.F.H.B., dem geschätzten Sammlerverein dem ich angehöre, wurde das Thema Lackfraß und wie er am besten beseitigt oder wenigstens gemildert werden kann schon mehrfach diskutiert. Die Beste Methode ist, wie ich und andere auch festgestellt haben, ein Spiritus / Öl. Gemisch
Das Öl wird auf einen Baumwolllappen geträufelt und dann mit etwas Spiritus, der ebenso auf den Lappen geträufelt wird, vermischt.
Jetzt kommt die Fleißarbeit. Langsame, drehende Bewegungen auf den betroffenen Stellen. Das kann ganz schön Zeitraubend werden. Viel Arbeit an kleinen Stellen denen man hinterher nicht ansieht wie mühevoll sie gepflegt wurden. Zum Schluss mit Hartwachs versiegeln, aufpolieren – Fertig! Das Ergebnis sieht man an den beiden Fotos oben und unten.

Hallo Welt, ich erlebe meinen zweiten Frühling und schreibe wieder.

Große Schriftart

Das Polieren der vom Lackfraß befallenen Stellen war bei dieser Schreibmaschine die Hauptarbeit. Wäre sie nicht befallen gewesen hätte ich sie nur vom Staub befreien brauchen, bräuchte nur das Aufzugbändchen ersetzen, die Typen justieren, und hier und da etwas polieren. Damit wäre sie dann fertig gewesen. So durfte ich jetzt anstatt vielleicht drei Stunden Arbeit, ganze sechs Stunden mit ihr verbringen. Auch ganz schön. Aber es macht ja Spaß, wir lernen uns dabei kennen, können dabei ein wenig quatschen und uns aneinander gewöhnen. Ich denke mal, wir mögen uns.

Ich lese und höre immer mal wieder das es für so manchen Sammler eine besondere Freude, ja ein Highlight ist, eine alte Schreibmaschine zu ergattern die praktisch neuwertig ist.
Ich habe auch so eine, eine Klein Continental. Die ist über 80 Jahre alt und sieht samt Koffer so aus als wäre sie gerade eben erst gekauft worden. Wie neu und unbenutzt!
Zuerst hatte ich mich gefreut wie ein Schneekönig, aber im nachhinein stelle ich fest, ich habe gar keine richtige Beziehung zu ihr. Ich habe bisher wenig auf ihr geschrieben – wie Langweilig. Und selbst das tue ich mittlerweile auch nicht mehr. Ich habe sie nie auseinander genommen, sie nie poliert, nie ihr Innerstes gesehen. Ich denke die werde ich wieder verkaufen. Für mich sind nur die Maschinen Wertvoll die auch mit mir sprechen, nämlich solche die ich in und auswendig kenne weil ich sie demontiert hatte.

Somit war die Arbeit an der Stoewer Record 5 wohl etwas wenig, aber dafür wollte ich sie unbedingt haben, während ich die Klein Continental mitnehmen musste weil ich eine ganz andere haben wollte, diese aber nur bekam indem ich fünf weiter Maschinen, darunter die Conti, mitnahm. Die Conti wollte ich nie haben. Sie hat zwar eine kleine, feine Schriftart, deswegen habe ich sie noch, aber wir beide bekommen keine Verbindung. Bei der Stoewer ist das ganz anderes, ich finde sie Großartig.

Schriftart

Die oberen 3 Zeilen von der Stoewer geschrieben. Die unteren 2 Zeilen stammen von einer Maschine mit normal großen Pica Schrift.

Diese Stoewer brachte, ohne das ich es wusste, ein Geschenk für mich mit, eine elegante, tolle Schriftart. Eine etwas vergrößerte und leicht zusammengezogenere Schriftart als üblich. Diese hatte ich bisher noch nicht. Sie ähnelt der Kursivschrift meiner Adler 7 und der kleinen Senta, ohne jedoch kursiv zu sein. Also die gerade Variante dieser Schriftart.
Für mich ist nichts Langweiliger als eine „normale“ Schreibmaschinenschrift, es sei denn sie steckt in einer für mich unwiderstehlichen Maschine, einer Williams oder einer Kanzler vielleicht? Naja, man kann ja mal träumen.
Ich habe mir sagen lassen, dass die größeren Schriftarten, weil sie so elegant wirken, damals gerne von Kanzleien verwendet wurden. Wer weiß, vielleicht war die Stoewer einst eine Kanzlei-Schreibmaschine und ist deswegen so gepflegt und scheinbar wenig benutzt worden.

Fertig

Ein wahre Schönheit, wie ich finde.

Wenig Arbeit, viel Spaß und eine Menge Lust darauf sie wieder einzusetzen. Letzteres wird auch gleich geschehen, nachdem ich diesen Blogeintrag geschrieben habe. Dann werde ich die Stoewer ausgiebig testen und ein paar Seiten mit ihr tippen. Danach, wenn alles glatt gelaufen ist, hat sie sich ihren Platz in der Schreibstube redlich verdient und wird Teil des ganzen werden. So läuft das!

Sinnige Dämmung mit Passgenauen Filzmatten, da kann man auch mal auf die Gummifüße verzichten.

© 2020 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

3 Gedanken zu “Stoewer Record 5, Baujahr 1913 (53)

  1. Dieter K. fragt an:
    Habe auch eine Stoewer Nr. 58133 die sehr schön aussieht. Leider fährt der Papierwagen nicht zur Seite und auch wenn man den Wagen zurückfährt geht er nicht eine Zeile weiter. Es hängt hinten eine Schnur die an einem großen Zahnrad befestigt ist. Handelt es sich hier um das von Ihnen reparierte Aufzugsbändchen? Wäre super, wenn Sie mir einen Tipp geben könnten wie ich meine Stoewer wieder zum Leben erwecken könnte.

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  2. Hallo, Heiko, ich habe gerade Deinen Bericht übeine Stoewer Record Version 2 gelesen. Gratulation.Ich habe die gleiche Maschine, allerdings mit einer pneumatischen Papierwagenbremse. Hast Du darüber Informationen? Ich habe die Patentanmeldung, aber die stimmt nicht mit der Maschine überein? Viele Grüsse von Deinem IFHB Kollegen Lothar K. Friedrich

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