Adler Modell 15, Bj. 1918 (26)

Baujahr: 1918
Mechanik: Vorderaufschlag mit Stoßstangen
Farbband: 16 mm auf eigenen Spulen
Sonderzubehör: Holzkoffer
Renoviert von: Heiko Stolten im April 2019

Über 2 Monate Verhandlungen

Am 6. Februar 2019 habe ich den ersten Kontakt zur Verkäuferin in Nordrhein-Westfalen aufgenommen. Gestern endlich, am 15. April, konnte ich die Adler 15 in Empfang nehmen. Eine kleine Odyssee neigte sich damit ihrem Ende zu. Aber was lange währt wird endlich gut, so heißt es. Und in diesem Fall stimmt es zu Einhundert Prozent.
Ich habe lange nach diesem Modell in diesem exzellenten Erhaltungszustand gesucht. Die Adler 15 wird nicht ganz so oft angeboten. Eine schöne Adler 15 zu finden ist schon nicht so einfach. Dazu noch eine die gut erhalten ist zu finden grenzt fast schon an ein kleines Wunder. Zumindest ist das meine Erfahrung.

Erstes Foto im
unangetasteten
Originalzustand.
Nahezu perfekt.

Alte Schreibmaschine von Adler. Ich verkaufe eine alte Schreibmaschine von Adler inklusive Holzkasten nur an Selbstabholer.
So lautete der gesamte Anzeigentext. Dazu ein paar Fotos die kein wirklich aussagekräftiges Urteil über ihren wahren Zustand zuließen, nur eine leise Ahnung davon das es sich um eine sehr schöne Maschine handeln muss. Eigentlich hätte ich sie vor dem Kauf selbst in Augenschein nehmen sollen, aber Selbstabholung wäre ein Wahnsinn.

Selbstabholung in Bergneustadt? Nun ja, 450 Kilometer um zum Abholort zu gelangen, und wieder zurück erschien mir dann doch etwas zu irrsinnig. Aber ich hätte die Adler Modell 15 schon ganz gerne, zumal ich schon lange erfolglos nach einem guten Exemplar gesucht hatte. Offenbar wird so ein Modell selten angeboten, und mit so einer habe ich ja schon so lange geliebäugelt. Und diese hier sah mir zumindest auf dem ersten Blick nicht so ramponiert wie manch andere aus. Anhand der Fotos scheint es eine gepflegte Erscheinung zu sein. Mit abschließbarem Holzkasten und einem schönen Papierhalter. Das findet man nicht so häufig. Also versuche ich zunächst meinen Charme spielen zu lassen, es handelt sich ja um eine Verkäuferin.

Leider scheint die Dame dagegen Immun zu sein. Schade! Über den Preis würde sie verhandeln wollen, aber das verpacken und versenden wäre eine zu große Herausforderung für sie. Und es käme auch die nächsten Tage jemand vorbei und würde sich die Maschine vor Ort ansehen wollen. Na so ein Glückskeks! Und zudem wären noch weitere Interessenten die die Maschine auch abholen würden und wohl auch den geforderten Preis überboten haben. Okay, da habe ich wohl keine Chance.

Wirklich ein schönes Stück.
Hier noch ohne
Schuhe.

Der erste Interessent kam wohl auch tatsächlich vorbei, hätte aber an der Maschine etwas auszusetzen gehabt und sie deshalb nicht gekauft. Da wäre angeblich etwas abgebrochen, und zwar am Papierhalter, schrieb mir die Verkäuferin. Und ob ich die Maschine denn trotz dieses erst jetzt festgestellten Mangels noch haben wolle? Sie würde sie jetzt doch, nachdem sie sich meine Homepage angesehen hatte, am liebsten an mich verkaufen, bzw. an mich verschicken. Sie würde zudem den Preis auch drastisch senken, sie wäre ja nun defekt, was ich aus der Ferne nicht beurteilen konnte. Ich müsse nur etwas Geduld aufbringen bis sie einen passenden Karton gefunden hätte, sagte mir die Dame. Das war etwa zwei Wochen noch dem Erstkontakt, und ich hatte die Adler zu diesem Zeitpunkt bereits längst abgeschrieben und die Konversation gelöscht. Hat mein Charme letztendlich seine Wirkung doch nicht verfehlt?

Die Schreibstube als letzte Zuflucht

Es ist jetzt schon das dritte mal, dass jemand sich meine Homepage anschaut und danach spontan entscheidet allen anderen potentiellen Käufern abzusagen und nur noch an mich verkaufen zu wollen.

Viele Verkäufer haben über die Jahre und Jahrzehnte eine ideelle Bindung zu ihrer alten Schreibmaschine, weil sie entweder den Eltern, Oma & Opa oder gar den Urgroßeltern gehörte. Das schöne Erbstück in der Schreibstube zu wissen, dort wo es weiter leben darf, sozusagen sein Gnadenbrot bekommt, ist für einige Verkäufer eine letzte sentimentale Liebeserklärung an die zu verkaufende Schreibmaschine die in ihrem Heim keinen Platz mehr findet. Das ist sozusagen das Beste was sie für das schöne Stück noch tun können. Und genau das freut mich. Nicht weil ich davon gewisse Vorteile habe, nein, sondern weil ich diese Sentimentalität nachfühlen kann und sicherlich genau so handeln würde.

Lange Rede, kurzer Sinn! Es dauerte insgesamt über zwei Monate bis die Maschine bei mir unversehrt ankam. Aber das warten hat sich mehr als gelohnt gelohnt. Für mich weil ich eine sagenhaft gut erhaltene Maschine bekam, und für die Verkäuferin die ihr Erbstück bei mir in guten Händen wusste.

Das Wunder

Endergebnis war, die Dame fand keinen passenden Karton und bat die Maschine in ihrer Holzkiste, erst in Zeitungspapier und dann in Packpapier einwickeln zu dürfen. Gesagt – getan! Augen zu und durch!

Das würde bedeuten ich muss mindestens 5 Tage Blut und Wasser schwitzen ob die Paketzusteller auf die Aufschrift „Vorsicht Glas“ entsprechend reagieren.
Jetzt hatte ich ein paar Tage vor mir in denen ich überlegen konnte ob es wohl Sinnvoll wäre das beten zu erlernen. Beten das die Maschine unversehrt bei mir ankommen möge. Donnerstag ging sie auf Reisen, und Montag sollte sie bei mir eintreffen. Und wie das Schicksal es wollte bekam ich genau an diesem Wochenende eine saftige Grippe und hatte von nun an 12 Tage keine Infos darüber ob, und vor allem wie, die Maschine angekommen ist. Ich lasse mir Schreibmaschinen gerne an meinen Arbeitsplatz senden, so auch diese. Aber dann war es soweit.
Nach 12 Tagen Abwesenheit von der Firma stand die dicke Adler hübsch in Packpapier gewickelt, mit einer Schnur drumherum getüddelt, an meinem Arbeitsplatz. Dank den Hermes Götterboten blieb alles, der Holzkasten und die Maschine, völlig unversehrt. Ein kleines Wunder.

Zustand bei Lieferung

• Mit sehr schönem abschließbarem Koffer.
• Mit sehr schönem Papierhalter.
• Lack, Beschriftungen und farbige Zierlinien im fast perfektem Zustand.
• Ungewöhnlich sauber und gepflegt.
• Typen sehen wie neu aus, so als wären sie nie benutzt worden.
• Zwei Gummifüsse fehlen, bzw. sind zerbröselt.
• Das Aufzugband ist gerissen und der Einhänge-Nippel fehlt.
Gesamtnote: 1,5

Nachdem ich das Aufzugbändchen wieder eingehängt hatte schreibt die alte Lady mit dem auf den Original Adlerspulen aufgerolltem und intaktem Farbband sofort und munter drauf los. Alles läuft flüssig und geschmeidig. Probeweise habe ich die zwei Deckelbleche und das Frontblech abgenommen und poliert. Die sehen hinterher wieder wie neu aus. Hinter den Blechen sieht es ganz ungewöhnlich sauber aus. Kaum Staub, kein Dreck und, Jippijeh keine Nikotinablagerungen. Das ist eine ungewöhnlich gepflegte Maschine wie man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Und ich erwische eine ganz seltene, eine aus einem Nichtraucher Büro. So ein Glück hatte ich bisher nur einmal, und zwar mit einer Klein Continental. Die sah auch praktisch Neuwertig aus.


Innenansicht. Auch sauber! Sogar die Filzeinlagen sind tadellos erhalten.

So wie es aussieht habe ich an dieser Schreibmaschine kaum etwas zu tun. Lediglich wachsen und polieren ist hier angezeigt. Erstaunlich, selbst die Filzeinlagen zur Geräuschdämmung sind praktisch wie Neuwertig erhalten. Im Allgemeinen sind diese nach 100 Jahre hart, bröselig und müssen ausgetauscht werden. Diese nicht!

Darf ich vorstellen: Adler Modell 15

Die Typenstangen sind ziemlich lang, was der Größe der Maschine geschuldet ist. Allerdings sind sie auch ungewöhnlich groß, bzw. hoch, und beherbergen doch nur jeweils zwei Zeichen. Warum das so gemacht wurde? Keine Ahnung. Vermutlich um eine Vierreihige mit Stoßstangen konstruieren zu können die besonders groß und schwer ist. Eben einen richtigen Büro-Koloss, denn die Adler 15 war die erste Stoßstangen-Maschine aus dem Hause Adler mit einer Vierreihigen Tastatur.


Ziemlich großes Gebiss mit jeweils nur zwei Zähnen. Hier wäre noch viel Platz für weitere Zeichen.

Kleiner Zeilenschalthebel

Warum die Adler Konstrukteure daran festhielten bei einer derart großen Maschine den kleinen Zeilenschalthebel der Adler 7 zu verwenden ist mir schleierhaft. Wohl um günstig nach dem Baukastenprinzip produzieren zu können. Die Adler Modell 7 war zu diesem Zeitpunkt noch lange kein Auslaufmodell und wurde nach wie vor gebaut und erfolgreich in hohen Stückzahlen verkauft. Der Zeilenschalthebel ist jedenfalls etwas zu unterdimensioniert für dieses große Mädchen. Hier wäre ein längerer Zeilenschalthebel angebrachter und komfortabler gewesen. Bei diesem Stummel muss man weit nach hinten greifen um den Wagen schieben zu können. Aber 1909, als die Adler 15 erschien, war das wohl kein Argument, denn diese hier stammt aus dem Jahr 1918 und sie ist nach wie vor mit diesen spartanischen Zeilenschalthebel ausgestattet.

Riesige Typenstangen

Die Typenstangen sind offenbar die großen die auch für die Adler 11 und 16 verwendet wurden. 1909, also in etwa Zeitgleich mit der Adler 15, wurde das Modell 11 vorgestellt, mit ihm konnte ohne Wechsel der Typen (Wie bei Modell 8) mit zwei Schriften geschrieben werden, hierzu wurden pro Hebel 6 Schriftzeichen verwendet. Ich vermute das diese Typenstangen aus Kostengründen gleichzeitig für die Adler 11 und für das Modell 15 und 16 verwendet wurden. Hier wurden dann jeweils nur zwei statt sechs Schriftzeichen aufgesetzt.

Achtung Sondergröße!
16 mm Farbband und Spulen.

Eine weitere Besonderheit die mir erst später auffiel ist die geringe Breite des Farbbands, bzw. der Farbbandspulen. Trotz der enorm hohen Typenstangen wurde hier nur ein 16 mm Farbband eingesetzt, und zwar jenes das auch in der Klein Adler 1 zum Einsatz kam. Das übliche 25 mm Farbband der Adler 7, das man hier wegen der Größe der Maschine vermuten würde, passt also nicht. Es sieht Lustig aus, wenn die hohen Typenstangen auf das schmale Farbband treffen. Ebenso sind die Farbbandspulen dementsprechend niedriger. Also aufpassen wenn ihr eine Adler 15 ohne Farbbandspulen kauft. Die sind nicht leicht zu finden, denn von der Klein Adler 1 passt zwar das Farbband, jedoch nicht die Spule. Dies passen nicht auf die Achse der Adler 15.
Dies ist also eine Sondergröße und kein üblicher Standard!

Dennoch! Sie schreibt prächtig und recht zügig. Es ist eine Freude mit diesem wunderbaren Exemplar zu tippen. Schon ihre außergewöhnliche Form im Jugendstil-Design ist bestechend schön.

Prächtiges Teil

Die „zwei Stunden“ Renovierung

Ein wenig ausblasen und sie ist in ihrem Inneren wieder Blitzblank. Das Gehäuse mit Autowachs einreiben und polieren, und sie erstrahlt satt Schwarz glänzend mit fett goldenen Schriften und ihren makellosen farbigen Zierlinien. In der nächsten Abteilung, der Damenschuhabteilung, darf sie sich zwei neue Schuhe aussuchen. Sie bekommt zwei neue Gummistiefel angepasst und sofort angezogen. Ich hatte vor kurzem ein ganzes Konvolut Gummifüße geschenkt bekommen aus den ich mich nun bedienen kann. Das Aufzugbändchen wird auch wieder repariert, eingehängt, gespannt …, und – Läuft!
Kaum zwei Stunden Arbeit und sie steht hier vor mir, so als wäre sie einer Vollrestauration unterzogen worden. Sie sieht kaum älter als wenige Jahre aus und nicht schon satte 101 Jahre. Um wie viel schöner müssen doch die Büros in jener Zeit gewesen sein, als man sich noch die Mühe machte Alltagsdinge so schön und funktionell zugleich zu gestalten?

Ich bin mir jetzt nicht sicher. Soll ich froh sein? Froh weil sie mir praktisch keine Arbeit gemacht hat?
Hmm, ich denke schon, obgleich ich gerne alte Schreibmaschinen wieder zum Leben erwecke.
Ja doch, ich bin froh ein so schönes und komplettes Exemplar samt Papierhalter ergattert zu haben. Eine wahre Schönheit!

Noch mit dem alten aber reanimiertem Farbband geschrieben. Schon ganz passabel.

Saisonabschluss

Diese Adler 15 ist ein wirklich schöner Saisonabschluss. Sie wird wohl bis zum Herbst die letzte gewesen sein. Alle die jetzt noch kommen müssen bis zum Herbst oder auf ganz schlechtes Wetter warten. Ab jetzt geht es wieder vermehrt an die frische Luft. Raus aus der Werkstatt und rein in den Garten. Tomaten pflanzen statt Typenhebel entrosten, Beete herrichten statt Schreibmaschinen.

2 Gedanken zu “Adler Modell 15, Bj. 1918 (26)

  1. Hallo Heiko,

    ein wirklich gelungener Bericht deiner Restaurierung. Liest sich sehr gut. Ich hätte aber noch eine allgemeine Frage zu der Adler No.15: Wie groß ist die Schreibmaschine denn? Also HxBxT? Sie wirkt auf den Bilder relativ groß, aber vielleicht täuscht das auch bloß. Ich freue mich auf deine Antwort 🙂

    Liebe Grüße

    Vincent

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