Remington 7, Bj. 1902 (36)

30. November 2019

Modell: Remington 7
Mechanik: Unteraufschlag
Baujahr: 1902
Seriennummer: 112,392
Renoviert von: Heiko Stolten im November 2019

Das 1. Foto im Urzustand am Kauftag, dem 30.11.2019
Ein prächtiges Teil! Aber auch ein prächtig verdrecktes Teil, dass aber in jeder Hinsicht funktionstüchtig ist. Nur das Farbband ist Furztrocken. Ich staune immer wieder wie robust und unverwüstlich Uralte Schreibmaschinen sind.

„Antike Schreibmaschine Remington, wohl nicht mehr funktionsfähig, an Abholer“

So stand es am 25.11.2019 in der Kleinanzeige. Dazu drei unscharfe Fotos einer offensichtlich alten Schreibmaschine, die möglicherweise nicht mehr so gut auszusehen scheint. Eine Remington also! Stimmt, kann ich erkennen, eine mit Unteraufschlag, soviel ich sehe. Jedoch um welches Modell es sich handeln könnte war für mich nicht zu erkennen, dazu waren die Fotos zu unscharf und der Schriftzug unter der Tastatur nicht abgebildet. Aber egal, eine Remington mit Unteranschlag hat mich schon länger fasziniert. Zum einen wegen der wunderschönen Mechanik, und zum anderen weil die Typen im Oval angeordnet sind.

Ob das was wird? Ganz schön rostig die Eisenbraut oder Iron Maiden!
Die Typen sind im Oval angeordnet.
Wenn man den Wagen und die Farbbandführung hoch klappt wird die faszinierende Mechanik sichtbar. Hier noch im absolut unberührtem Fundzustand, am Kauftag, zu sehen.
Hier ist noch viel Arbeit zu erledigen bevor hier wieder etwas glänzt!

Ich weiß, ich werde mit dieser Schreibmaschine meinen eigenen Prinzipien untreu. Nämlich denen nur Schreibmaschinen zu kaufen auf denen ich gut schreiben kann. Die Remington ist genau so eine Schreibmaschine die ich demnach gar nicht hätte kaufen dürfen.
Im November 2019 stand sie plötzlich als unscharfes Foto vor mir. Der Verkäufer hatte sie gerade in dem Moment zum Verkaufen eingestellt, als ich den PC einschalte. Der Besucherzähler seiner Anzeige stand mit meinem Besuch auf „Nr. 1“. Es war so eine, wie ich gerne sage, Synchronizität.
Einige Momente später hatten noch weitere Interessenten die Anzeige gesehen und auf sie reagiert. Innerhalb weniger Minuten schnellte der Besucherzähler in die Höhe. Als Preis stand geschrieben: „VB“

„Hallo, ich kann die Maschine abholen, an welchen Preis haben sie gedacht“
schreib ich ihm sofort.
Die Antwort des Inserenten:
„Ich habe noch Drei weitere Interessenten, die ich jetzt erst einmal ignoriere weil Sie (also ich) der erste waren.“
Weiter schreibt er:
„Wenn sie die Maschine abholen, ich dachte an 25 Euro, können sie sie abholen“.
„Abgemacht“, schreibe ich zurück.

Ab jetzt wird die Schwester des Inserenten übernehmen. Der Inserent ist nächste Woche auf Geschäftsreise. Mit der Dame bespreche ich alles weitere. Gleich darauf erscheint die Anzeige mit dem Balken „gelöscht“. Der Anbieter hat sie nach unserer Konversation sofort gelöscht.
„Super“, denke ich, dann funkt mir keiner mehr dazwischen, denn der Besucherzähler hatte schon knapp die Nr. 20 erreicht, und der Inserent sagte das er keine Zeit und Lust hätte weitere Anfragen zu beantworten.

Der Weg ist das Ziel

Samstag, es ist 9:30 Uhr, ich starte von Krempe in Richtung A23 um in Hamburg auf die A7 in Richtung Hannover zu wechseln. Genauer gesagt lautet mein Ziel Lehrte-Sievershausen. 215 Kilometer liegen vor mir, und wir, die Verkäuferin und ich haben uns für Mittags um 12.00 Uhr in ihrem Haus verabredet. Ob das klappt?? Ich hoffe!

Ich fahre mehr als zeitig los. Zwischen mir und der Remington liegt nämlich aktuell die Großbaustelle der A7 in Hamburg zwischen HH-Eidelstedt und HH- Bahrenfeld und daran schließt sich das nächste Nadelöhr an, der ewig verstopfte Elbtunnel. Und nach dem Tunnel kommt eine weitere Baustelle bis Abfahrt Waltershof. Alles in allem, und das seit Jahren, etwa 10 Kilometer völlige Ungewissheit darüber ob man geschmeidig auf die andere Seite der Elbe gelangt oder im Stau stecken bleibt.
Also eine Gleichung mit einigen Unbekannten. Das Navi signalisiert aber „Freie Fahrt für Freie Bundesbürger“. Naja dem Navi und seinen Verkehrsnachrichten ist manchmal nicht ganz zu trauen. Heute jedoch soll es ausnahmsweise einmal recht behalten. Der Weg zum Ziel ist Frei. Also kann ich ab Waltershof gemütlich mit 100 Kmh fahren. Führe ich schnelle, käme ich zu früh an, und das empfinde ich als genau so unhöflich wie zu spät zu kommen.

Zwischendurch, ich habe ja jetzt Zeit, meldet sich mein Gewissen zu Wort: Ob ich denn noch bei Sinnen sei mehr als 400 Kilometer mit dem Auto zu fahren, nur um ein altes Eisenschwein, von dem ich noch nicht einmal weiß in welchem Zustand es sich befindet, abzuholen. Ob ich bei Sinnen bin oder nicht werde ich noch gewahr werden. Ruine oder nicht? Schreibmaschine oder Teilespender?

„Blindwriter“ • Etwas zur Technik

„Blindwriter“, so wurde sie im Volksmund genannt. „Blindwriter“ oder „unvisible“, weil sie eine Unterschlagmaschine ist und man nicht sofort sieht was mit ihr geschrieben wird. Die Typen, oder Buchstaben werden für den Schreiber unsichtbar (unvisible) von unten gegen die Schreibwalze geschlagen. Möchte man sehen was getippt wurde, wird die Walze angehoben um das Ergebnis sehen zu können. Oder man wartet so lange bis genügend Zeilen getippt sind und diese langsam durch die weiteren Zeilenwechsel sichtbar werden. Ziemlich tricky aus heutiger Sicht, was damals aber nicht als störend empfunden wurde, weil es „normal“ war.

Ernst Martin schrieb:
Die Remington No. 7 war „wahrscheinlich die vollkommenste Unteranschlagmaschine überhaupt.“

Trotz der nicht sofortigen Sichtbarkeit des Textes wurde die robuste und einfach zu reparierende Remington, Modell 7 ab Januar 1896 bis Juli 1914 gebaut. Insgesamt wurden vom diesem Modell 248.000 Maschinen gefertigt. Exemplare die ein über 30-jähriges Büro-Dasein hinter sich hatten waren keine Seltenheit.
Das Tastaturgestänge ist, man höre und staune, und um sie leichter zu machen, aus Holz gefertigt. Ich hörte davon, es aber selbst zu sehen ist bemerkenswert. Im Bedarfsfall würde also Holzleim anstatt eines Schweißgeräts zum Einsatz kommen können.
„Ich besitze jetzt also eine Schreibmaschine mit „Holzapplikationen“. Dennoch wiegt sie ca. 13 Kilo und wurde in ihrer Produktionszeit zum Preis von 100 Dollar verkauft.
Dieses Modell hat eine vierreihige „Halbtastatur“, was bedeutet, dass mit jeder Taste zwei verschiedene Zeichen abgedruckt werden. Für die damalige Zeit ungewöhnlich und Zukunftsweisend. Beim Betätigen der Umschaltung wird der Wagen nach hinten gerückt, wodurch die Großbuchstaben und Zeichen zum Abdruck kommen. Diese Tastatur findet man noch heute, weit über 110 Jahre später, auf Modernen PC Tastaturen.

Ein wenig mit Licht gespielt. Noch immer im unangetasteten Urzustand.
Das Teil rechts am Rahmen gehört natürlich nicht zur Maschine, das ist meine praktische USB-Arbeitslampe mit Magnetfuß, die dieses bläuliche Licht zaubert.

Blinddate mit der „Blindwriter“

Drei unscharfe Fotos und das Wissen darum das es sich um eine amerikanische Remington mit Unteraufschlag handelt war das was ich wusste. Und das sich, außer mir, noch weitere Interessenten um sie bemühten. Mehr nicht! Nichts über ihren Zustand! Okay, angeblich ohne Funktion, aber mir haben schon manche Verkäufer erzählt das die Maschine die sie anbieten nicht funktionieren würden. Bisher war das nie wirklich ernst zu nehmen, sondern ihrem mangelnden Wissen um die Bedienung der Maschine geschuldet. Jedenfalls habe ich, bis auf wenige Ausnahmen fast alle wieder zum Leben erwecken können. Bei dieser war ich mir gar nicht so sicher. Ich hatte noch nie eine Remington 7 Leibhaftig in meiner Werkstatt gehabt, und so konnte ich auch keine gezielten Fragen an den Verkäufer richten. Ebenso konnte ich nicht erkennen ob sie verrostet, vergammelt oder sonstwie beschädigt ist. Also wird dies ein „Blinddate“. Ein Blinddate mit einem Blindwriter.

Erstes Treffen mit der „unvisible“

Pünktliche wie die Maurer, und darüber war ich selbst am meisten erstaunt, fuhr ich, wie abgemacht, Fünf Minuten vor 12:00 Uhr bei der angegebenen Adresse vor. Eine Liebenswerte Dame öffnete mir und freute sich über meine Pünktlichkeit.
Offensichtlich stand gerade ein Umzug an. Daher also die Eile des Verkäufers. Die Dame, wie ich heraus höre, ist die Mutter des Verkäufers die gerade ihren Umzug vorbereitete. Sie führte mich in ein mit Kartons angefülltes Zimmer und sagte die Maschine würde dahinter auf dem Boden stehen. Sie schien beeindruckt darüber zu sein, dass ich sie sofort in der geordneten Unordnung des Umzuges fand.
„Ich habe Schreibmaschinen-Röntgen-Augen“, entgegnete ich, worauf sie laut los lachte. Ich trug die Maschine in die Küche, stellte sie auf einen Tisch und probierte ein wenig herum. Alles bewegt sich, alles dreht sich, jeder Knopf, jede Taste ist einsatzbereit, ein Farbband ist vorhanden. Erster technischer Eindruck schon mal prächtig. Die Walze dreht zwar nur unwillig, aber das kenne ich ja schon.

Au Backe! Der Dreck von wenigstens 40 Jahren Stillstand im Keller.
Blick von hinten in die Remington. Das untere Tastaturgestänge ist aus Holz gefertigt.

Optisch ist die alte Lady kein Hochgenuss mehr. Ich hoffe das wird sich unter dem Einsatz von Pflegemitteln noch ändern.
Jetzt gesellte sich die Frau zu uns, die sich mir als diejenige vorstellt, mit der ich zuletzt die schriftliche Konversation gehabt hatte, also die Schwester des Verkäufers.
Sie erzählt, das die Maschine ihrem Vater gehörte, der es liebte alte Dinge zu sammeln. Sie berichtet weiter das die Maschine schon, als sie noch Kind war, im Keller stand und das es für die Kinder nicht erlaubt gewesen wäre mit ihr zu spielen.
Demzufolge, so schätze ich mal, hat die Maschine wohl wenigstens an die 40 Jahre im Keller zugebracht, wenn nicht länger. Und so sieht sie auch aus. Dreckig, mit Flugrost behaftet, und mit Patina belegt. Natürlich mit auch mit Nikotinablagerungen. Also keine echte Augenweide mehr, weil ich kein Fan vom „Shabby-Look“ bin
Obwohl, irgendwie doch schon, sie hat ein gewisses Extra, wie ich finde. Nach etwa 10 Minuten und einem netten Gespräch trennen sich unsere Wege wieder. Wieder steht eine alte Tippse auf dem Beifahrersitz und begleitet mich nach hause. Wie viele standen hier schon? Ich weiß es nicht mehr. Natürlich wird auch sie an jeder Ampel begutachtet und getätschelt.

Am Ende dieses Tages sind hoffentlich alle Beteiligten um etwas reicher geworden. Der Tacho meines Autos jedenfalls um gute 400 Kilometer, ich um eine ziemlich coole Schreibmaschine, und die Verkäufer um 25 Euro. Meine Zweifel sind verflogen. Jetzt weiß ich das es sich gelohnt hat mehr als 400 Kilometer zu fahren. Die Remington wird bestimmt toll werden und ich freue mich auf das erste Schreiben mit ihr.

Jetzt geht es an die Reinigung. Mal sehen welche Schönheit sie zu verbergen versucht. Kaum zu glauben, aber in diesem Zustand funktioniert sie tadellos.
35 mm Farbband. Warum bloß? Ein dünneres hätte es auch getan. Ich werde eines mit 25 mm Breite probieren, eines von der Adler 7.

Die Sache mit dem „Ypsilon“

Probeweise entferne ich einen Typenhebel. Einfach nur um zu sehen wie das geht, denn geputzt hätte ich sie schon gerne. Die Schrauben dafür hat wohl noch nie jemand berührt, die sitzen nämlich Felsenfest. Am nächsten Morgen, ich hatte sie mit Rostlöser eingesrüht, bewegen sich die ersten Schrauben wieder. Ich kann so tatsächlich die Typenhebel, die ersten drei, entfernen und in Petroleum einlegen. Darin liegen sie über Nacht. Am nächsten Morgen sind sie leicht zu putzen und sehen wieder ganz passabel aus. Die anderen Schrauben sitzen nach wie vor fest. Ich probiere alle nacheinander aus. Bis ich an das „Y“ gelange.
Und hier klafft, oh Schiete nochmal, ein Loch im Typenhebel. Die Typen für das „Y,y“ fehlen. „Ach verdammich noch eins! Schade! Schnell mal alle anderen abgesucht, aber das „Y“ bleibt Gott sei Dank der einzige fehlende Buchstabe.
„Was tun“?
„Klarer Fall“!
„Aufruf beim I.F.H.B. starten.“

Rechts sind die ersten Schwinghebel zum reinigen entfernt. Hinten, der Zweite Schwinghebel von links. Hier ist nur ein Loch und gähnende Leere. Das Ypsilon glänzt durch Abwesenheit.

Tags darauf erhalte ich die erlösende Nachricht eines Vereinskollegen aus Österreich. Er hat ein passendes „Y“ für mich und der Remington. Super! Wieder mal ein Hoch auf den I.F.H.B. und seine Mitglieder. Derweil beginne ich die alte Lady zu putzen. Später kommt noch die Nachricht eines weiteren Vereinskollegen. Er hat eine Farbbandführung für mich. Die meiner Remingon ist ja schon arg mitgenommen.

Minderwertiger Lack

Ich habe schon einiges über die Qualitätsmerkmale von Lacken mit denen Schreibmaschinen damals in Amerika lackiert wurden gehört. Angeblich sollen diese keine so gute Qualität gehabt haben wie zum Beispiel Lacke deutscher Schreibmaschinen. Amerikanischer Lack ließ sich schnell runter putzen und wurde durch Spiritus oder Benzin beschädigt, habe ich gelesen und gehört. Alles graue Theorie für mich. Eigene Erfahrungen habe ich damit derzeit noch nicht. Bis jetzt!
Der Lack der Remington ist stellenweise, Gott sei Dank nur oberhalb der Maschine, und Hauptsächlich unterm Wagen, bis auf das Gusseisen abgeplatzt. Beim ausblasen mit Druckluft musste ich vorsichtig sein. Die Druckluft pustete unter die Kanten der Abplatzungen und fegte weitere Stücke beinahe Mühelos davon. Also habe ich das ausblasen abgeblasen. Zumindest Oberhalb der Maschine.

Im Nachhinein füge ich hinzu:
Der Lack der Remington 7 ist sehr gut zu bearbeiten, bzw. aufzuarbeiten. Ich habe mit Petroleum vorgearbeitete um die Nikotinschicht herunter zu bekommen. Danach habe ich Lackreiniger aus der Autopflege benutzt. Anschließend per Hand nachpoliert und mit Autohartwachs nachgearbeitet. Jetzt kam der Dremel zum Einsatz. Mit einem weichen Polituraufsatz habe ich den Harwachs nach-und einpoliert und danach mit einem weichen und sauberen Baumwolltuch (Mein altes T-Shirt) per Hand nachgewienert. Der Lack ist jetzt wieder Fett-Glänzend-Schwarz und Seidenweich anzufassen. Top!

Identität und die Lackabplatzungen.

Putzen, polieren & schleifen

Die Fleißarbeit beginnt. Jetzt heißt es „PUTZEN“ und „POLIEREN“. Putzen was das Zeug hält, oder besser gesagt, was die Putzlappen halten und was der Dremel her gibt. Das linke, obere Foto macht jedenfalls Mut weiter zu machen. So sieht sie schon nach einer Stunde oberflächlichem putzen und schleifen aus. Da kommt Glanz zum Vorschein wie man unschwer erkennen kann. Also weiter machen, es wird sich lohnen. Eine anschließende Politur und Tiefenreinigung wird sicher noch mehr Glanz aus ihr heraus kitzeln.

Der zuvor angerostete Schwinghebel für den Buchstaben „U, u“ sieht wieder ganz nett aus.

Metallpolitur konnte den angerosteten Metallteilen, die einstmals glänzten nicht wirklich ein gutes Ergebnis bescheren. Ich musste zu härteren Maßnahmen greifen. Feines Schleifpapier und den Dremel mit rotierender Stahlbürste, und dann erst Metallpolitur und Wachsversiegelung. Somit habe ich hier beinahe jedes Metallteil vier mal bearbeitet. Zeitintensiv zwar, aber das ist okay, es ist ja ein Hobby.

Ein paar Tage später ist schon mal zu erkennen, dass da noch Glanz unter der Ruine steckt.

Da kommt wieder Leben in die Bude

Nach und nach werden auf diese Weise, und das zu meiner Begeisterung, die ehemals glänzenden Metallteile wieder unter ihrer Dreck-, Rost- und Patinaschicht hervor geholt. So „brutal“ bin ich bisher noch nie vorgegangen. Aber es lohnt sich wie man bereits schon sehen kann. Die beiden Stangen der Wagenführung glänzen schon wieder sehr schön. Die Schiene für die Farbbandführung … Naja! Aber die wird eh ausgetauscht.

Nach einer Stunde schrubben. Die Farbbandführung wird noch ersetzt werden.

So allmählich scheint sich die alte Dame zu recken und zu räckeln. Teil für Teil kommt aus seinem Rostpanzer hervor und beginnt scheinbar sein neues Dasein zu genießen. Mein Dremel glüht förmlich und die Metallputzeinsätze, sogenannte Topfeinsätze verbrauchen sich schneller als mir lieb ist. Am Ende habe drei solcher Einsetzte verbraucht.

Am Schluss kommt der Lack an die Reihe. Die Abplatzungen im oberen Bereich sind nun mal so, da will ich nichts ändern. Das würde eine Neulackierung bedeuten, Das ist wäre erst einmal eine finanzielle Überlegung die den Wert der Maschine übersteigen würde. Das lohnt sich vielleicht in 50 Jahren. Zum zweiten mag ich Schreibmaschinen die mit ihren Gebrauchspuren aus ihrem langen Leben erzählen können. Also bleibt das so. Es wird nur gut konserviert.
Die monotone Putzerei, Wienerei und Schleiferei will ich hier gar nicht beschreiben, die Langweilt mich selbst ab einem gewissen Punkt. Und ab da muss ich mich immer am Riemen reißen nicht Leichtfertig zu pfuschen um endlich fertig zu werden. Mein Ziel ist es ja stets die Maschine so schön wie es mir möglich ist wieder herzurichten um mit ihr schreiben zu können. Da juckt es mich schon ums eine und andere mal einen Gang schneller zu schalten und fünfe gerade sein zu lassen. Bei meinen ersten Maschine habe ich mich im Nachhinein darüber geärgert. Also „piano“ wie der Italiener sagt. Ach, die Remington ist ja eine Amerikanerin, also heißt es: „Slow and leisurely“

Fertig bis auf …

Fertig bis auf das „Y, y“ und der neuen Farbandführung. Beides ist auf dem Weg zu mir. Des weiteren muss ich noch einige Typen justieren. Nämlich jene die ich ausgebaut hatte. Das Schriftbild bei ihnen ist noch nicht perfekt. Dazu muss ich aber den Schlitten wieder abnehmen. Da ich das sowieso machen muss um das neue „Y, y“ einzusetzen, mache das erst wenn alle Teile eingetroffen sind.

Das Uralte Farbband ist kaum aufzufrischen. Da muss ein neues her.
Das Schriftbild ist noch blass und verschwommen. Und die noch nicht justierten Typen tanzen noch.

Der alte Metallglanz ist wieder auferstanden. Selbst die Anfangs fast unleserlichen Tasten zeigen wieder klar und deutlich was unter ihnen steckt. Nur der Lack ist nicht mehr der Schönste. Dafür aber, dass er zum Zeitpunkt des Fotos bereits fast 118 Jahre alt ist, sollte man jetzt das Mäkeln einstellen und sich einmal ein 100 Jahre jüngeres Auto aus heutiger Zeit ansehen.

Hände hoch!!
So zumindest scheint es wenn der Schlitten zum begutachten des geschriebenen

Textes hoch geklappt wird.
„Hände hoch“ von hinten betrachtet

Sobald die Ersatzteile eintreffen wird es hier ein „Endgültig Fertig“ Foto geben. In diesem Zustand schreibt die Remington jedenfalls schon sehr schön und geschmeidig. Ich wundere mich immer wieder darüber wie Robust, Langlebig und praktisch unverwüstlich die Technik und Mechanik in damaliger Zeit gebaut war. Es wäre doch mal für unsere Gegenwart und Zukunft eine Überlegung wert, nämlich aus unserer Vergangenheit zu lernen, Dinge so zu bauen das sie lange benutzbar und reparabel sind. Das würde ein entscheidend positiver Beitrag zum Umweltschutz und zur positiven CO2 Bilanz, bzw. Verminderung sein.

Endgültige Lack- und Metallreinigung. Fett-Schwarz-Glänzend!
Ebenso die Tastatur. Die ist wieder super schön und Glasklar geworden.
Jetzt nur noch auf die fehlenden Teile warten.

Erster Schreibtest geht schief!

Erster Schreibtest, und dieses Teil (Pfeil) plumpst beim Papiereinzug aus der Maschine heraus. Erst jetzt stelle ich fest, hier fehlt eine Feststellschraube mit einer Feder. Das kommt davon wenn man sich mit einem Modell nicht auskennt. Ich lerne also auch nie aus. Also noch einmal auf die Suche gehen. Auf die Suche nach einem Ersatzteil das es nicht mehr zu kaufen gibt. Natürlich schreibt sie auch ohne dieses Teil. Ich muss nur vorsichtig beim Papiereinzug sein, aber schön ist das nicht.

Ersatzteile und erster Schreibtest

Die Ersatzteile, ein neuer Buchstabe, das „Y, y“ und eine neue Farbbandführung sind am 16.12.2019 eingetroffen. Natürlich habe ich sie gleich eingebaut. Zwischenzeitlich hatte das völlig vertrocknete Farbband weitere Tage um sich zu regenerieren. Es tut wieder seinen Dienst. Zugegeben, nicht besonders toll, aber man kann etwas lesen. Das sollte fürs Erste, bis ich ein neues Farbband bekomme, ausreichen. Es ist sehr merkwürdig nicht sehen zu können was man schreibt. Man hört die Anschläge, sieht aber nichts, weil sich alles unter der Schreibwalze abspielt.

Mit dem Originalem, reanimiertem Farbband geschrieben. Es läuft jetzt wieder Rund.
Nicht toll, aber lesbar.
Wenn nur die Tippfehler nicht wären.

Das Farbband und seine Führung

Einige Typen muss ich noch justieren. Das Schriftbild tanzt noch etwas. Das ist aber Gott sei Dank bei der Remington 7 viel einfacher als zum Beispiel bei einer Oliver.

Kompliziert, zumindest für mich, war es die Farbbandführung so hin zu bekommen das nichts sperrt. Das der Remington ist doch ein etwas anderes als anderer Schreibmaschinen, weil es unter dem Schlitten verläuft und die Aufwicklung nach Innen dreht. Hinzu kam, das das gesamte Gestänge und die Achsen schwer gängig waren, die ich erst einmal wieder zum Leben erwecken musste. Das Schreiben war nur mit Unterbrechungen möglich weil das Gestänge und die Achsen keinen Freilauf hatten. Sie blieben nach einer Halben umdrehung stehen. Doch nun ist alles wieder gangbar und die Remington schreibt wieder frei und ungezwungen.

Die neue Farbbandführung sieht wesentlich besser aus als die alte.
35 mm breites Farbband das nach Innen aufgewickelt wird.
Baujahr 1902, 13 Kilo Lebendgewicht, und sie schreibt wieder.

Farbband Alternative,
„Und sie schreibt doch“

Leider ist das alte Original Farbband mit einer Breite von 35 mm nicht mehr zu reanimieren. Das Schriftbild ist matschig, unregelmäßig und nicht wirklich schwarz. Es ist also nicht zu gebrauchen. Ich habe noch ein Original verpacktes Farbband einer Adler Modell 7 vorrätig das wohl an die 40 bis 50 Jahre alt ist. Und es ist 10 Millimeter schmaler. Ob das funktionieren wird? Bevor ich das Schätzchen auspacke probiere ich mit einem alten 25 Millimeter Farbband herum.

25 Millimeter sehen etwas schmal aus, oder?
Das Farbband läuft aber exakt mittig durch die Maschine

17.Dezember 2019
Nach etwa drei Versuchen habe ich den Bogen heraus. Das Farbband darf nicht mittig oder links durch die Maschine laufen, sondern muss am rechten Rand der Original Farbbandspulen eingespannt und aufgewickelt werden. Wenn nicht, werden die Großbuchstaben und Zeichen nicht abgebildet. Und genau so sahen auch meine ersten ernüchternden Versuche aus. Ohne Zeichen und Großbuchstaben.

Man sieht den Unterschied, es fehlen 10 Millimeter.
Das 25 mm Farbband ist nach rechts hin auf der Spule versetzt.
Auf der anderen Seite sieht das natürlich auch so aus.

Also her mit dem Schätzchen. Erstaunlich, das Uralte, aber unbenutzte Farbband der Adler 7 ist noch immer taufrisch und schwarz wie am ersten Tag. Und da es jetzt, wie man sieht, rechts auf der Spule, und nicht mittig aufgewickelt wird, treffen auch alle Zeichen auf das Farbband auf. Ich denke ein 20 mm Farbband einer Adler 15 sollte auch funktionieren. Beide, das 25 mm und das 20 mm Farbband gibt es noch als eine Nadeldrucker Alternative neu zu kaufen. Ich denke ich muss mir noch einen Vorrat anlegen, bevor es die auch nicht mehr gibt.

Das Endergebnis. Wunderbar!

Ich bin begeistert, meine Beharrlichkeit hat sich trotz einiger Unkenrufe aus scheinbar berufenen Mündern ausgezahlt. „Und sie schreibt doch!“
Okay, das ist jetzt nicht mehr das Original, aber darauf lege ich weniger Wert. Ich lege mehr Wert auf ein schönes und randscharfes Schriftbild. Egal wie!

Noch vom alten 35 mm Farbband umwickelt.

© 2019 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

7 Gedanken zu “Remington 7, Bj. 1902 (36)

  1. Ein sehr schöner Reparaturbericht ! Ich habe auch eine No7 wiederbelebt und hatte das Glück, ein 55m langes 48mm Farbband eines 60er Jahre Computerdruckers zu haben (Remington 9300). Da liessen sich einige Meter auf das rechte Maß zuschneiden. Gerne gebe ich davon einige Meter ab
    Durch ihren Bericht merkte ich, dass meine Maschine keine Farbbandführung hat (sie schreibt trotzdem) – wo könnte man noch ein solches Teil herbebommen ? Ebenso fehlt das Teil in der Mitte der Schiene vor dem Papier (wo bei ihnen auch eine Schraube verloren ging). Für jeden Hinweis zur Ersatzteilbeschaffung wäre ich dankbar !
    Roland Langfeld

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