Olympia Kleinschreibmaschine, Bj, 1933 (67)

Abgeholt: 3. März 2021 in Halstenbek, bei Hamburg
Modell: Olympia Kleinschreibmaschine, später als „Progress“ bezeichnet
Herkunft: Europa Schreibmaschinen AG, Deutschland
Seriennummer: 21730
Baujahr: 1933
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm, Din 2103 Spulen
Sonderzubehör: Farbbandabdeckungen, Koffer, kleine Schriftart
Renoviert von: Heiko Stolten im März 2021

Werbung 1932 und 1933

Im Originalzustand. Das erste Foto.
Die kleine wurde über die Jahrzehnte gut gepflegt.

Etwas zur Olympia Kleinschreibmaschine

Sie ist in den frühen 1930er Jahren entwickelt worden und wurde zunächst als „Olympia Kleinschreibmaschine“, also ohne einen zusätzlichen Namen verkauft.
Später, so ab 1933/34 etwa wurde sie gleich unter mehreren Namen und Varianten angeboten. Als Simplex, Filia, Progress und Elite. Alle vier Varianten wurden aus genormten Teilen gebaut die mechanisch identisch und austauschbar waren. Der Unterschied lag in der Ausstattung der vier Modelle. Die Simplex, das Grundmodell, hatte dementsprechend wenig Ausstattung. Sie hatte keine Farbbandumschaltung, keine Stechwalze und keinen Tabulator. Die Filia erhielt eine Farbbandumschaltung. Die Progress hatte als Zubehör eine Farbbandumschaltung und eine Stechwalze, während die Elite, die teuerste, mit einer Vollausstattung ausgeliefert wurde. Farbbandumschaltung, Stechwalze und Tabulator.

Diese hier vorgestellte Olympia Kleinschreibmaschine ist beinahe Baugleich mit der „Progress“. Der Unterschied liegt in wenigen Details. Bei dieser hier ist der Randauslösehebel noch in die Tastatur integriert. Bei den späteren, mit Namen versehenden Modellen, befand er sich links als sechseckiger Knopf in der Vorderfront.
Die Farbbandabdeckungen waren Anfangs, wie hier zu sehen ist, noch mit losen Spulenabdeckungen versehen, später, ab 1934 etwa wurden die Farbbandabdeckungen komplett zugedeckt. Auch wurden die Farbbandspulen Anfangs noch beim Umschalten zusamen mit der Walze angehoben, so auch bei diesem Modell. Das wurde etwa ab 1934/35 geändert. Ab jetzt wurden die Farbbandspulen von der Umschaltung ausgeschlossen, was den Wagen, bzw. die Umschaltung leichter machte. Diese hier vorgestellte Schreibmaschine ist zwar laut Zeitgenössischer Werbung eine „Olympia Kleinschreibmaschine“, im wesentlichem aber schon das vorweg genommene Modell „Progress“.

Noch eine Olympia?

Ja, wer hätte das gedacht? Ich bin nicht gerade das was man als einen ausgemachten Olympia Fan bezeichnen könnte. Nicht das ich die Olympia`s etwa schlecht finde. Nein auf keinen Fall, viele Modelle schreiben ganz hervorragend. Einige habe ich selbst gehabt und einige habe ich immer noch.
Ich glaube ich habe sie mir einfach nur übergesehen, es gibt sie noch an jeder Ecke zu finden. Ihr Design ist praktisch aber nicht hinreißend genug als das mir gleich das Herz aufgehen würde. Und ein seltenes Stück ist wohl, bis auf wenige Ausnahmen keine von Ihnen. Die Olympia’s haben für mich ein ebenso unspektakuläres Ambiente wie ein VW Golf, den hatte ich irgendwann kaum mehr wahrgenommen weil er an jeder Straßenecke mehrfach steht oder herum fährt. Praktisch ist er ganz unbestritten, und auch alle mal gut, ein tolles Auto.

Genau so wie eine Olympia Schreibmaschine eine tolle Schreibmaschine ist. Technisch, mechanisch perfekt! Millionenfach bewährt! Mainstream muss nicht automatisch auch schlecht sein, aber es ist langweilig und unauffällig.
Nun, diese Olympia habe ich gesehen, und dachte mir:

„Hmm, so eine in dieser Ausführung“?
„Jou, mach‘ mal“!

Das ist doch mal etwas besonderes. Das wäre so wie in etwa ein VW Golf mit Stoßstangen aus Chrom und in einer Mehrfarblackierung. Die schönen Farbbandabdeckungen, die sogar noch vorhanden sind und das Grasgrüne Dekor hatten es mir angetan. Und natürlich die Glastasten mit weißen Einlegern zu aller erst.

Wow, wie schön“!

Bei Glastasten werde ich schwach, es schreibt sich so seidenweich auf ihnen. Viel besser als mit Kunststofftasten. Meine Nr. 1 ist eine Olympia Simplex, allerdings mit Kunststofftasten. Vielleicht war auch dies ein weiterer Grund auf die Annonce aufmerksam zu werden. Aber in erster Line war es der Umstand das diese Ausführung einer Olympia Kleinschreibmaschine nicht so häufig vorkommt wie die allseits bekannten „Simplex, Progress oder Filia“. Nicht das sie jetzt als eine Rarität anzusehen wäre. Nein, das leider noch nicht!
Des weiteren war es der günstige Preis der ausschlaggebend war und auch der Umstand das ich sie ohne Aufwand selbst abholen konnte. Auf den ersten Blick sah sie auch noch recht gut und komplett aus. Beides hatte sich dann auch bestätigt gefunden. Sehr guter Zustand.

Originalzustand. Kurz vor der Renovierung!

Renovierung leicht gemacht

Obwohl sie älter ist als meine Olympia Simplex, lässt sie sich erstaunlicherweise viel leichter auseinander nehmen. Das war schon einmal die erste Überraschung. Sechs Schrauben lösen und ich kann sie ganz einfach von oben aus dem Rahmen heraus heben. Das ist ein weiterer Unterschied zu den späteren, und mit Namen versehenen Modellen. Der Rahmen ist aus einem Stück gefertigt. Bei den späteren Modellen war die Rückfront an den Rahmen geschraubt. Die Simplex zu öffnen, kann ich mich erinnern, war eine richtige Fummelei. Sie wieder zusammen zu setzen noch mehr.

Links: Der Rahmen ist aus einem Stück gefertigt.
Rechts die Simplex: Das Rückenblech ist bei der später gebauten Simplex geschraubt.

Das der Rahmen aus einem Stück gefertigt wurde macht das zerlegen um einiges leichter und schneller. Nach etwa 10 Minuten steht die kleine Splitternackt vor mir und ich kann sie so entkleidet erst einmal gründlich aussaugen und anschließend mit Druckluft ausblasen. Die Aktfotos der nackigen Olympia habe ich zensiert. Die werden hier nicht gezeigt.
Nein, Spaß beiseite! Alles ging so ungewöhnlich schnell, dass ich vergaß einige Fotos der geöffneten Maschine zu machen.

Selbst die Typen waren Verhältnismäßig sauber, was mich jedoch nicht davon abhält ihr das Gebiss hingebungsvoll zu putzen. Und hier wird es mir erstmals klar, nämlich dass ich mal wieder richtig viel Glück gehabt habe. Keine Otto-Normalverbraucher „Pica“ Schrift, nein, hier zeigt sich die verkleinerte und zierlichere Version namens Perl. Das wird ja immer besser.
Ich glaube fast ich werde sie behalten, und genau das war eigentlich nicht mein Plan. Ich wollte sie kaufen, sie studieren, sie restaurieren, einen Bericht schreiben und sie danach wieder auf Reisen schicken. Ich bin gespannt wie sie tippt. Wenn sie allerdings so rabiat zu Werke geht wie Olympiamaschinen das im allgemeinen so machen, dann muss sie wieder weichen. Das Putzen der Metallteile ist jetzt nur noch reine Formsache. Nach etwa drei Stunden Arbeit steht sie zum ersten Schreibtest bereit.

Sie lebt

Nun bin ich gespannt. Meine Simplex schreibt laut und blechern. Die behalte ich auch nur noch aus sentimentalen Grüneden, weil sie meine erste Schreibmaschine war und ist. Die drei Olympia Robust die ich hatte waren ebenfalls rabiat, aber durch die geschlossene Form etwas ruhiger. Eine späte 1950er Progress war nicht viel besser. Die Olympia/Optima Plana ist ein graus. Erst die späteren Nachkriegs Olympia aus der SM Serie, ich habe eine SM 1 und eine SM 2 sowie die Olympia Splendid’s sind richtige Flüstermaschinen. Und natürlich allen voran die Olympia Modell 8, die ebenfalls absolut wunderbar schreibt. Nun, das sind, bis auf die Olympia 8, allesamt Nachkriegsmaschinen. Diese Olympia Kleinschreibmaschine ist beinahe 90 Jahre alt, und die Vorkriegs portables von Olympia hatten, zumindest bei mir immer diesen typisch scheppernden Blechklang. Was jedoch allen Olympia Portables zueigen ist: Das ist ihr sehr gutes Schriftbild!

Schriftbild nach dem ersten Schreibtest.
Obere Zeile in schwarz: Die Olympia Simplex mit normaler Pica Schrift.
Untere Zeile in rot: Die Olympia Kleinschreibmaschine mit „Perl“ Schrift.

Sie schreibt

Und nun kommt der Kracher. Diese, die älteste Olympia Portable die ich je hatte, schreibt wie eine junge Göttin. Nicht nur das sie zu meiner Freude mit der kleinen Schrift „Perl“ ausgerüstet ist, sie schreibt zudem leicht, sanft und ohne viel Lärm. Es fehlt ihr, oh Glückes Geschick, der typisch blecherne Olympia-Sound mit Nachhall. Ich bin schwer begeistert. Ich denke ich muss sie wohl behalten. Alleine schon wegen des wunderbarem Schriftbilds. Ich schreibe gleich drei Din A4 Seiten voll. Einfach schön das alte Mädchen. Ja, es ist amtlich, ich werde sie behalten. Eine Vorkriegs-Olympia die es verdient hat.

Progress oder nicht?

Diese Frage erscheint mir nach dem ersten Schreibtest als herzlich egal. Es einspann sich nämlich eine rege Diskussion darüber ob dieses Modell nun schon ein Modell „Progress“ ist oder ein sogenanntes Kleinschreibmaschinen Urmodell, noch ohne Namen. Auf einer Progress steht drauf dass sie eine Progress ist. Hier steht lediglich „Olympia“ und Europa Schreibmaschinen AG drauf. Mehr nicht. Beworben wurden beide. Diese hier unter den Namen „Olympia Kleinschreibmaschine“ und etwas später unter den Namen „Olympia Simplex, -Filia, -Progress oder -Elite“.

Hier wir sie noch
als Olympia Klein- Schreibmaschine ohne Namen beworben.

Mit versenkten Farbbandspulen.

Und hier, im Jahr 1934
unter einem der vier Namen,
der auch sichtbar an der Maschine
angebracht ist, als Olympia „Filia“.

Mit hochstehenden Farbbandspulen

Jetzt strahlt sie wieder wie in jungen Jahren.
Hübsch! Der schmale, grüne Rand rund um die Maschine herum.

Die Fachwelt scheint sich da uneins zu sein. Wie gesagt, mir ist das mittlerweile piepegal. Ich sehe nur das meine Maschine nirgends sichtbar einen Namen trägt, mechanisch jedoch wie eine der vieren daher kommt und optisch geringfügig anders aussieht als eine Progress.
Und ich sehe das laut Werbung ab 1934 alle vier Typen einzeln oder gemeinsam beworben wurden, und zwar unter ihren jeweiligen Namen und den Bezeichnungen ihrer Ausstattungen. Das reicht mir.

Hier im Vergleich mit meiner Nr. 1, eine Olympia Simplex von 1936

Die ersten Maschinen dieser Art trugen jedenfalls keinen Namen, soviel ist sicher. Das änderte sich erst etwa um 1933 herum. Alle Modelle, ob nun mit oder ohne sichtbaren Namen, gehören in die Familie der Olympia Kleinschreibmaschinen. Und diese hier wird die zweite ihrer Art sein die ich behalten werde.
Vorerst, denn man soll ja niemals nie sagen.

November 2021
Seit März, also seit sieben Monaten besitze ich diese kleine Olympia. Ich habe in dieser Zeit einiges an Din A4 Bogen auf ihr getippt und muss sagen:
Eine tolle Schreibmaschine„.
Sie ist sicherlich kein Leichtgewicht, aber immer noch leicht genug dafür, dass ich sie mir, weil ich so gerne gemütlich auf dem Sessel schreibe, auf die Oberschenkel stellen kann und so mit ausgesteckten Beinen schreiben kann. Das wäre dann meine liebste Sonntagmorgen-Tipp-Haltung.

Wichtige Kriterien für eine Kleinschreibmaschine sind also:
Sie braucht ein Bodenbrett,
sie darf nicht zu schwer sein,
muss eine schöne Schrift haben
und sollte leise tippen können.

Voila, die Olympia Kleinschreibmaschine!

© 2019 – 2021 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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