Woodstock 5N, Baujahr 1928 (56)

Abgeholt: 06. Juli 2020 in Hamburg Eimsbüttel
Modell: 5N aus Tschechien mit tschechischer Tastatur
Herkunft: U.S.A., Chicago / Illinois
Seriennummer: 200121
Baujahr: 1928
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm auf speziellen Spulen
Restauriert von: Heiko Stolten im Juni 2020

Das geschah im Jahr 1928
• In Sierra Leone wird die Sklaverei per Gesetz abgeschafft.
• Es gibt die erste Funksprechverbindung von Deutschland in die USA.
• Alexander Fleming entdeckt durch Zufall das erste
Antibiotikum Penicillin
• Aus Protest gegen die Zunahme der Autos und dem Untergang des
Droschkengewerbes, fuhr Gustav Hartmann am 2. April mit seiner
Pferdedroschke von Berlin nach Paris. Er kam dort am 4. Juni an.
Fortan nannte man ihn „Eiserner Gustav“
• Micky Maus wird durch den Trickfilm Steamboat Willie weltbekannt.

Das erste Foto von vorne. Dick patiniert, ein Eisenschwein, dreckig, aber sie schreibt!

Anzeigentext:
Viel Staub drauf, wenig Rost, und noch funktionsfähig (bräuchte neues Band und Tinte).
Braucht daher nur ein bisschen Putzen. Die Maschine ist recht schwer
für die Größe, daher nur Abholung möglich. “

Der Name ist Programm

Woodstock …! Wow, welch ein Wohlklang in meinen Ohren. Da erklingen doch gleich die alten Ohrwürmer. Jimi Hendrix’s „Star spangled banner“, gespielt auf seiner weißen Stratocaster zum Beispiel. Ebenso Janis Joplin’s, „Cry Baby“, oder Joe Cocker’s langgezogener Schrei, beim Beatlessong „With a little help from my friend“, Santana, Richie Havens, Joan Baez und noch viele mehr. Woodstock, eben die Mutter aller Festivals.

1969 ist das Jahr in dem das Woodstock Festival stattfand, und ich noch zu jung war um mich dafür zu interessieren. Später, so mit 14 Jahren etwa hatte das Festival der Festivals mich nachträglich auch unweigerlich musikalisch und atmosphärisch gepackt und in seinen Bann gezogen.

1969 hatte diese tschechische Woodstock 5N bereits 41 Jahre Dienstzeit auf dem Buckel. Ob sie nach dem 2 WK dort auch noch im Dienst war?
Tschechien (damals noch Tschechoslowakei) – Ostblock – Warschauer Pakt – Kommunismus – Mangelwirtschaft!! Sehr Wahrscheinlich, dass sie unter diesen Umständen hier noch lange im Einsatz gewesen ist.

Spinnenweben und Insektenleichen! Der Zeilenschaltheben ist nicht etwa angerostet, nein, das ist Nikotin der ihn so rostig erscheinen lässt.

Vielleicht kam sie aber auch in den Kriegswirren nach Deutschland. Was aber sicher ist, dass sie einige Jahrzehnte in stiller Meditation verweilt hat. Und das nicht in einem Wohnzimmer, denn sie ist von unübersehbarer Patina, von Dreck und Staub befallen. Ebenso wurde sie von diversen Spinnen als Heimat auserkoren. Davon zeugen Spinnweben und ihre Opfer, viele Insektenleichen.

Aber, sag mal nichts,… sie funktioniert. Sie schreibt, und nicht eine Walze hat einen Plattfuß. Erstaunlich!!! Selbst das unfassbar dreckige Farbband (siehe unten) tut noch in diesem Zustand seinen Dienst. Unglaublich!!

Man glaubt es kaum, dieses völlig verdreckte Farbband schreibt noch tadellos.

Ankommen in der Schreibstube Krempe

Die Woodstock stammt aus einem dieser für Hamburg Eimsbüttel typischen, aus Backstein gemauerten Mietshäusern der Vorkriegszeit. Also aus einem ihrem Alter entsprechendem Domizil.

Hamburg Eimsbüttel war für meine Frau und mich, Anfang der 1980er Jahre „der“ Stadtteil unserer Träume. Viele Kneipen, Restaurants, buntes treiben, junge Leute, Freaks, Hippies, Punks, Popper, Grüne, Rote und noch keine Braunen, sowie zentrales wohnen in günstigen Altbauten mit hohen Wänden. Heute für uns völlig absurd je wieder in das Chaos, dem Lärm und der Enge einer Großstadt wie unsere Geburtsstadt Hamburg zurück zu kehren, schon gar nicht in einen Altbau ohne Garten.

Die Wohnung aus der mir die Woodstock (wir tragen immer noch Gesichtsmasken wegen der Corona Pandemie) heraus gereicht wird sieht vergleichsweise ebenso so schmuddelig aus wie die Woodstock selbst. Nun ja, passt halt! Obwohl die Woodstock möglicherweise erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks nach Hamburg gekommen sein könnte. Wer weiß?

Zack-zack, kurz und Schmerzlos! Keine Fünfzehn Sekunden dauerte die Übergabe. Zehner reingereicht, Maschine entgegen genommen – Tschüss, und ab dafür!
Das Wetter der letzten Tage – Dauerregen mit kurzen Unterbrechungen. So auch heute.
Die Woodstock und ich hatten Glück, wir erwischten eine kurze Regenpause, schafften es trocken von der Haustür bis zum Auto, dass etwa 150 Meter entfernt, natürlich im Parkverbot, wartete. Eimsbüttel wie es leibt und lebt. Wer den Stadtteil kennt weiß das ein freier Parkplatz einem Sechser im Lotto gleichkommt.

Das verdreckte Biest hinterlässt vier fette, staubgraue Abdrücke auf dem Polster meines Beifahrersitzes. Altes Eisenschwein, kann ich da nur sagen.
Sie wandert zuhause ohne Umschweife direkt auf den Tisch der Werkstatt und wird erst einmal, noch im Originalzustand, von allen Seiten fotografiert um danach sofort gründlich ausgesaugt zu werden. Ich dulde keinen Fremd-Dreck in unserem Zuhause. Gleich darauf wird sie ihrem ersten Schreibtest unterzogen.

Die Tastatur im Fundzustand.

Einige Typenhebel sind jedoch noch unwillig, aber nach einem kräftigem ausbürsten wieder willens sind sich tapfer zu bewegen. Erstaunlicherweise schreibt die Woodstock in diesem Zustand, und man höre und staune, mit diesen verdrecktem Farbband sofort los.
Die Walzen drehen sich sauber und leicht. Das Papier wird genau so wie es sein soll, sauber, glatt und gerade von den Walzen eingezogen.

Schreibtest also bestanden. Nun wird sie darauf warten müssen vollends renoviert zu werden. Das kann im Sommer jedoch etwas dauern.

Die ersten Zeilen nach vielen, vielen Jahren. Kaum zu glauben wenn man das völlig verdreckte Farbband sieht.

Woodstock 5N, eine Pragerin

Die „Woodstock 5N“ wurde ab 1925 angeboten. Sie hat eine vierreihige Tastatur mit 42 Tasten und 84 Zeichen. Der Wagen läuft auf Prismenschienen und ist Rollen gelagert.

Die „Woodstock war seinerzeit weit verbreitet und wurde nicht nur in Deutschland verkauft, sondern auch, so wie diese hier, in Tschechien. Sie stammt aus Prag und ist mit einer tschechischen Tastatur, mit der Tastenfolge „Q W E R T Z“ und den Umlaugen „Ä Ö Ü“ ausgestattet. Der Verkaufspreis der „Woodstock“ lag in Deutschland bei 540 Mark.

Beim genauerem hinsehen …

Nikotinverkrustungen par excellence. Wahnsinn! Die Maschine muss, so wie sie aussieht, vom ersten Tag ihres Lebens an in einem Nikotingeschwängerten Büro gestanden haben. Womöglich musste sie auch ihren Platz mit Liebhabern von Zigarren teilen. Ich habe noch nie so hartnäckige Verkrustungen gesehen die gleichmäßig, so wie ein gegossener Überzug aus Lakritze die Maschine umhüllen.

Neben Dreck ist hier deutlich eine Nikotinschicht zu erkennen. Die glänzende Stange ist bereits etwas frei gelegt, rechts an ihrem Rand erkennt man noch den schwarzen Nikotinbelag.

Schwarz, regelrecht wie Teer, und nicht vergilbt. So etwas habe ich auch noch nie gesehen, und ich habe es zuerst nur für Dreck gehalten. Also eine Maschine die von Grund auf aufgearbeitet werden muss wenn sie einmal wieder glänzen soll.

Ein Bild des Jammers.

Putzen, pusten, polieren

Jetzt geht’s lohooos, jetzt geht’s lohooos!
Das aussaugen und bürsten gelang mir leider nur Oberflächlich. Ich musste sie zusätzlich in der Firma einer Kur mit Frischluftt aus dem Kompressor unterziehen. Diese Kur hat dann auch den Staub aus den hintersten Winkeln hervor geblasen.

Ende Juni 2020. Die ersten Putzarbeiten machen Hoffnung auf mehr, denn da kommt wahrlich Glanz zum Vorschein. Allerdings war es auch noch nie so anstrengend für mich den Glanz hervor zu holen. Ich muss dazu erst dicke Verkrustungen durchdringen. Mein Metallputzmittel versagt hier und da. Jetzt kann nur noch der Dremel helfen um durch die hartnäckige Patina hindurch zu polieren.

Ich beginne mich von Oben nach Unten durch zu arbeiten.

Von oben nach unten lautet meine Devise. Also beginne ich beim Wagen. Stück für Stück wird er demontiert, gereinigt, poliert und wieder zusammen gesetzt. Klingt einfach. Ist es auch, dauert aber eine gefühlte Ewigkeit, weil der Dreck bis in die hinterste Furche gedrungen ist.

Stück für Stück, damit mir nichts verloren geht.

Der Wagen ist derart dreckig, dass ich zusammengenommen mehrere Stunden mit Unterbrechungen damit beschäftigt bin. Wegen des tollen Sommerwetters im August habe ich nur in den frühen Morgenstunden der Wochenenden in der Werkstatt an ihr gearbeitet. Also zeitlich auch nur Stück für Stück.
Gaaanz schön Langweilig auf die Dauer an einem so kleinem Ort so lange werkeln zu sollen. Manchmal brauche ich eine Abwechslung. Um mich selbst zu motivieren vergehe ich mich zwischendurch immer mal wieder an der Tastatur, zuerst an der „M“ Taste. Ich brauchte dringend ein schnelles Erfolgserlebnis um Elan dafür zu bekommen die ganz versteckten Winkel des Wagens zu polieren.

Das „M“ ist wieder hervor geholt

Das Erfolgserlebnis stellte sich prompt ein. Aus dieser verdreckten Tastatur kommen doch tatsächlich noch lesbare Buchstaben zum Vorschein. Sehr schön, und sogar in weiß.

Mechanische Kunstwerke

Gut soweit! Jetzt macht der Wagen wieder, nachdem meine Lust zurück gekehrt ist, weitere Fortschritte. In ihm wurde mehr glänzendes Metall verbaut als in so manch anderem Schreibmaschinemodell.

Schön gestaltete Mechanik

Die Mechanik ist außerordentlich hübsch gestaltet. Schöne Schalter und Knöpfe kommen zum Vorschein. Zu sehen unter dem Zeilenschalthebel.
Hübsche Knöpfe mit ziselierten Köpfchen, gefedert und zum heraus ziehen oder drehen. Zieht man am oberen, dann bedient er den Zeilenabstand von 1 bis 3. Der Knopf darunter regelt, wenn man ihn dreht, ob sich die Walze mit oder ohne Zeilenwiderstand drehen lässt.
Selbst das Zahnrad und die Halterung für die Walze, die auf diesem Foto gerade ausgebaut ist, wurde aus glänzendem Metall gefertigt. Im Gesamteindruck, so finde ich, ist die ganze Zeilenschaltmechanik ein Kunstwerk für sich, geboren in alter Zeit.

Zusammenbau und Poliertest

Die Rückseite der Woodstock nährt ebenfalls die Hoffnung das hier bald wieder eine schöne Schreibmaschine aufersteht. Das tschechische Schild (keine Ahnung was es aussagt) funkelt wieder wie neu und der Lack der Rückseite ist auch schon etwas aufgefrischt. Er glänzt wie frisch gefettet.

Schon wieder fast zusammen gesetzt. Jetzt kommt der Lack an die Reihe

An den Stellen an denen der Schmutz erst einmal herunter geschrubbt ist taucht eine recht passable Schreibmaschine auf. Sie ist regelrecht darunter verborgen.
Die Beschriftung ist noch sehr schön zu lesen und der Lack wenig beschädigt. Einzig das Papierhalterblech ist nicht mehr ganz so schön erhalten. Meine Putzlappen sind bei dieser Maschine nach kurzer Zeit reif für den Müll.

Lackarbeiten

Wie alles andere an dieser Woodstock 5N ist auch das aufarbeiten des Lacks pure Fleißarbeit. In mehreren Poliervorgängen kommt nach und nach schwarzer Lack zum Vorschein. Das fast 100 Jahre alte Biest entfaltet sich und zeigt mir seine Schönheit.

Der Wagen ist wieder zusammen gebaut und der Lack der Rückseite poliert.

Jetzt sprechen eigentlich nur noch die Fotos für sich. Die Plackerei des Polierens will ich hier gar nicht beschreiben, das wäre einfach zu Langweilig. Was man aber an den beiden Vor- und Nach Fotos der Rückseite sehr schön erkennen kann ist was sich unter dem Dreck verborgen hat, und wie feist die Nikotinschicht war. Das wahre Ausmaß wird immer erst hinterher sichtbar. Das wundert mich jedes mal aufs neue.

Zu beginn einer Restauration mache ich oft an die 50 Fotos. Kostet ja nix! Im Verlauf der Restauration wächst mein Fotoarchiv nicht selten auf 150 bis 200 Fotos an. So nach dem Motto: „Ich weiß ja nie wofür“ Ich frage mich zwischendurch oft ob es nötig ist so viele Fotos zu schießen.
„Ja, ist es“, wie man an den Fotos „Vorher“ und „Nachher“ sieht.

Farbenspiele – Das Ziel vor Augen

Vor ein paar Tagen hatte ich über Dreißig Farbbänder gekauft. Darunter, und das hatte ich erst später bemerkt, mehrere in den Farben „Bau-Rot“. Na, das war ja eine Freude. Die Woodstock ist die erste die so ein Farbband eingefädelt bekommen hat. Und wie man unschwer erkennen kann, es sieht richtig gut aus. Mal etwas anderes als Schwarz oder Lila.

I feel so blue

Bis auf die noch nicht ganz fertig gestellte Tastatur ist aus dem Eisenschwein, dass mir vor vier Wochen einen mächtig grauen Staubfleck auf den Beifahrersitz hinterlassen hatte, wieder eine ansehnliche Schreibmaschine geworden. Der Staubfleck ist bereits Geschichte und abgesaugt. Die alte Amerikanerin aus Tschechien, die ich in Hamburg gekauft hatte ist wieder Einsatzbereit. Alt, aber zu jung fürs Altenteil.

Das Papierhalterblech ist leider nicht mehr so schön.

Und nun? Ich werde ein wenig auf ihr schreiben, mich eine Weile an ihr erfreuen, ihr einen vorläufigen Platz in der Schreibstube Krempe geben, und ihr alsbald ein neues Zuhause suchen. Ich kann ja nicht jede Schreibmaschine behalten. Aktuell warten noch vier Maschinen auf Restauration, darunter die seltene Senta mit Vierreihiger Tastatur und eine Archo aus dem Hause Winterling. Zudem ist eine sehr seltene Schmitt Express, meine zweite, unterwegs zu mir.

© 2020 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

2 Gedanken zu “Woodstock 5N, Baujahr 1928 (56)

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