Archo D (Die Winterling-Archo), 1927 – Ein Prototyp? (58)

Bekommen; am 07.07.2020 von Frau Winterling persönlich übergeben
Modell: D
Herkunft: Aus dem Privatbesitz und dem Haus der Familie Carl Winterling
Seriennummer: 15103
Baujahr: 1927
Mechanik: Stoßstangen. Wagen ist Kugelgelagert. Zwei gleiche Umschalttasten
Renoviert von: Heiko Stolten

Diese Archo ist etwas besonderes! Wohl ein Einzelstück.
Möglicherweise ein Umbau oder ein Prototyp von Herrn Carl Winterling.

Das erste Foto im Originalzustand. Auf dem Deckel ist nur der Name „Carl Winterling“ verzeichnet und nicht wie zu dieser Zeit noch üblich „Winterling & Pfahl“. Warum?

1935 wird noch unter beiden Namen „Winterling & Pfahl“ für das Nachfolgemodell 10 geworben.

Besonderheiten dieser Archo

• Auf dem Deckel steht nur „Carl Winterling“ und nicht wie üblich Winterling & Pfahl

• Die Umschalttasten links und rechts haben eine identische Funktion. Beide sind Umschalttasten.
Es gibt hier keine, wie üblich, Aus- und Einrücktaste.

• Auf der Rückseite fehlt der Balken zum Einrücken gänzlich

• Die Seriennummer 15103 ist die höchste bisher bekannte Seriennummer eines Modell „D“

• Der Wagen ist Kugelgelagert, obwohl diese Verbesserung erst später auf den Markt kam.

5. Mai 2020
Erster Kontakt mit Familie Winterling.

Dieses E-Mail erhielt ich am 5.5.2020. Und ich kann Euch sagen, ich war mehr als geplättet, erstaunt und vor allem mehr als ungläubig darüber das ausgerechnet mir dieses Zuteil wird.

Als vor anderthalb Jahren die Tante meiner Ehefrau (die Tochter von Herrn Carl Winterling) starb, fanden wir im Keller eine gebrauchte Archo Modell D. Sie ist in komplettem Zustand mit allen Originalteilen.
Weiterhin sind da noch drei Kartons mit Notentypen-Sätzen, die zu einer Melotyp gehören. Außerdem gibt es noch einen Originallieferschein des Typenherstellers Ransmayer & Rodian aus Berlin von 1956.
Schauen Sie sich die beigefügten Fotos an.
Falls Sie Interesse an den Dingen haben, melden Sie sich bitte bei uns. Meine Frau könnte auch gern noch weitere Informationen über ihren Großvater – z. B. auch ein Foto von ihm – beitragen.

Nach dem lesen musste mich erst einmal sortieren, denn gesessen hatte ich bereits. Carl Winterling ist eine Person über die es im Internet so gut wie nichts zu finden gibt. Das hatte ich schon bei meiner ersten Archo D feststellen müssen, nämlich als ich begann nach Hintergrundinfos zu recherchieren. Außer die hinlänglich bekannten Seiten die eine Archo D zeigen gibt es nichts zu finden. Kein Foto von Karl Winterling, außer ein recht dürftiges, unscharfes Passfoto, abgedruckt im „Ernst Martin“. Es gibt keine Biografie oder andere Infos zu finden .

Und nun wird mir per Mail ein Foto, eine Archo „D“, Dokumente und drei Kisten randvoll mit Notentypen avisiert. Direkt aus eben diesem Hause von Carl Winterling. Von der Enkeltochter des Carl Winterling, dem Konstrukteur und Führer der Archo Schreibmaschinen Comp. Wie in aller Welt komme ich denn zu dieser Ehre? Zum Ausdruck „Führer“: Das erklärt sich später in einem Brief den Carl Winterling selbst geschrieben hatte. Es ist ganz harmlos.

Gefunden wurde ich, wie mir später bestätigt wurde, durch meinen Artikel den ich hier auf diesem Blog über meine erste Archo (Nr. 41) verfasst hatte. So geschehen im Januar 2020, also vor 5 Monaten. Das Internet ist schon eine feine Sache.

Originalzustand, so wie ich sie von Frau Winterling bekommen hatte.


Natürlich bin ich begeistert und schreibe dies auch dem Ehemann von Frau Winterling. Klar bin ich mehr als nur interessiert. Als er daraufhin im nächsten Mail auch noch schreibt das ich die Angebotene Maschine und die Typen geschenkt bekommen soll fehlen mir endgültig die Worte. Und sie würden mir, und jetzt bin ich restlos Fassungslos vor Glück, sogar gebracht werden. Das Ehepaar möchte im Juli eine Reise nach Norddeutschland antreten. Dazu würden wir uns in einem Cafe in Hamburg Norderstedt treffen und ich würde als Gastgeber die Rechnung zahlen. Aber sicher doch, da lasse ich mich doch nicht zwei mal bitten!

Jedoch, wir befinden uns noch im Mai 2020. Ebenso befinden wir uns mitten im Corona lockdown und dürfen nicht einmal innerhalb Deutschland Reisen. Es ist also fraglich ob es im Juli zu einem persönlichem Treffen kommen kann.

Erst Ende Juni 2020 kommt die erlösende Nachricht per Mail bei mir an. Die Norddeutschland-Tour wird unternommen und wir machen ein Treffen in einem gemütlichem Lokal aus. Am 7.Juli.2020 um 16:30 Uhr soll es soweit sein.

Zwischenzeitlich hatte ich noch intensiver nach Carl Winterling recherchiert – Ohne Erfolg. Es gibt nichts über ihn zu finden außer das was der Ernst Martin in seinem Buch über Karl Winterling geschrieben hatte. Es gibt jedoch hier, in grob aufgelöstem Raster, das einzige bekannte Foto von Karl Winterling zu sehen. Ich bin gespannt wie ein Flitzbogen, denn Frau Winterling hatte geschrieben sie würde mir ein Foto ihres Großvaters mitbringen.

Treffen nicht leicht gemacht

16:30 Uhr und kein Ehepaar Winterling weit und breit in Sicht. Es nieselt und ich stehe vor dem Lokal in Norderstedt und warte.

Das gibt’s doch nicht“ denke ich, „sollte mich da jemand gefoppt haben“?

Nee, das glaube ich nicht, das klang alles so seriös“.

Ich hatte die Handnummer von Frau Winterling bekommen, hatte jedoch versäumt ihr meine zu geben. Manchmal bin ich schon ein kleiner Dussel! Ich rufe also an und höre eine erleichterte Stimme sagen:

„Oh, wir haben vier Stunden in einem Megastau auf der A1 verbracht – LKW Unfall! Wir werden es nicht pünktlich nach Norderstedt schaffen.“

„Kein Problem“ entgegne ich, „wir können das auch verschieben“.

„Nein, wir wollen Morgen wieder zurück nach Frankfurt fahren“

Und nun wird mir angeboten das wir uns in der Schreibstube Krempe treffen. Ich kann es kaum glauben, Ehepaar Winterling kommt zu mir in die Schreibstube. Wahnsinn!!
Wie in Trance fahre ich nach Hause. Ich bin gestern erst aus Dänemark, aus dem Urlaub zurück gekehrt. Meine Frau bleibt noch eine Woche länger dort, und somit bin ich alleine Zuhause. Und dementsprechend sieht’s hier natürlich auch aus. Ich habe noch nichts von dem weggeräumt was ich bei meiner Ankunft gestern Abend einfach habe so liegen gelassen hatte. Und heute Morgen bin ich ohne einen Handschlag zu machen zur Arbeit gefahren.

Also! Blitzaufräumen a la Männerart – Alles in irgendwelche Ecken schieben – erst einmal!

In der Schreibstube

Gegen 20 Uhr klingelt es an der Haustür. Und tatsächlich steht nun die erleichtert lächelnde Enkeltochter von Karl Winterling und ihr ebenso erleichterte Ehemann vor mir. In der Hand zwei Einkaufstaschen. Darin die Archo und drei Kartons voll mit Notentypen für die Archo Melotype Schreibmaschine.

Am Tag der Übergabe!
In unserem Wohnzimmer.
Frau D. Winterling und ich. Zwischen uns die berühmte
Archo „D“

Eine „Normale“ Archo D von hinten. Der Ausrückbalken mit Randsteller ist hier zu sehen.

Wir verstehen uns auf Anhieb richtig gut. Auf meine Frage danach warum gerade ich als neuer Besitzer auserkoren wurde kam eine Antwort die ich schon oft hörte.

„Wir möchten, so erklärt Frau Winterling, dass die Schreibmaschine unseres Großvaters ein ihr angemessenes Zuhause bekommt. Wir haben ihren Artikel über ihre Archo gelesen und haben uns deshalb entschieden mit Ihnen Kontakt aufzunehmen.“ Gemeint ist die Archo „D“ die ich auf diesem Blog mit der Nummer 42 aus dem Janaur 2020 beschreiben hatte.

Originalzustand


In der Tat hatte ich es in der Vergangenheit schon mehrfach erlebt, dass Menschen eine Schreibmaschine die aus einer Erbmasse oder aus dem Nachlass der Familie stammen besonders wertschätzen. Es ist unvorstellbar diese Maschine an einen Altmetallhändler oder an einen anonymen Empfänger zu geben. Schließlich hatte einst ein geliebtes Familienmitglied darauf geschrieben und möglicherweise viele Stunden davor verbracht. Eine Schreibmaschine wird gerne als ein Ideelles Erinnerungsstück angesehen wofür jedoch in den meisten Modernen Haushalten kein Platz mehr ist. So wie diese Archo des Großvaters.

Die Schreibstube Krempe ist, ohne das ich mich selbst loben möchte, in der Tat ein angemessener Ort für eine Schreibmaschine. Und die Maschinen werden hier ja auch tatsächlich wertgeschätzt und stehen nicht tatenlos in einer Vitrine. Es ist vielen Menschen wichtig das „IHRE“ Maschine weiterlebt. Eine Schreibmaschine wird manchmal fast wie ein besonderes Ding erachtet, denn genau zu diese Schreibmaschine hatte ein Familienmitglied einst ein sehr enges Verhältnis. Ich kann das gut nachvollziehen.

Der Wagen läuft auf Schienen und ist Kugelgelagert. Hier noch einmal zu sehen. Die Seriennummer.

Als ich Frau Winterling und ihren Mann in die Schreibstube führte waren beide mehr als begeistert davon wo Großvater Winterling’s Schreibmaschine renoviert werden wird und wo sie ein neues Zuhause gefunden hat. Natürlich wurden auch die anderen Maschinen in der Schreibstube in Augenschein genommen und beinahe schon zärtlich und ehrfürchtig berührt. Eine Mignon 3, die Remington 7, sowie die Smith Premier mit Volltastatur wurden sehr bewundert. Besonders gefiel den beiden aber meine Continental Standard.

„Die macht ja auch optisch wirklich richtig was her“
, sagte Frau Winterling. Das unangefochtenen highlight stellte aber meine bereits fertig gestellte Archo D dar. An ihr konnte Frau Winterling schon einmal sehen wie ihre Archo, die Winterling-Archo demnächst aussehen wird. Sie wird, so habe ich ihr versprochen, Fotos davon bekommen.

Die Winterling Archo noch im Originalzustand.

Jetzt wird es persönlich

Zu der Schreibmaschine, den Notentypen und dem Foto von Karl Winterling brachte Frau Winterling auch etwas sehr persönliches aus dem Nachlass ihres Großvaters mit. Einen von Karl Winterling selbst verfassten Brief der möglicherweise mit dieses Archo geschriebenen wurde, und der sehr viel persönliches enthält und nachdenklich stimmt. Zudem den Originalen Lieferschein von 1956 für die 3 Kisten mit Notentypen und einen von Frau Winterling verfassten Text der Anekdoten von Karl Winterling enthält. Sehr berührend muss ich sagen.
(Der Inhalt wird aber zunächst in der Historischen Bürowelt veröffentlicht bevor her hier zu lesen ist).

Das erste Privatfoto von
Carl Winterling

Carl Winterling, geb. am 11. Januar 1885 in Büdingen, Oberhessen. Gestorben 1958

Dieses Foto brachte Frau Winterling aus ihrem Privatbesitz für mich mit.

Es zeigt Carl Winterling in einer privaten Situation.

Soweit ich weiß ist diese Aufnahme, seit der Drucklegung des Buchs von Ernst Martin, das erste und einzige öffentlich bekannte Foto von Carl Winterling.

Foto:
© by Familie Winterling / Frankfurt

Erste Recherchen

Eine erste Anfrage beim I.F.H.B. ergibt folgendes:

Diese Archo D hat die höchste bekannte Seriennummer 15103 in der ursprünglichen Produktionslinie.

Danach folgte ein Nummernsprung auf 30.000, von dieser Linie sind nur ein paar Exemplare bekannt; vermutlich handelt es sich um eine Restproduktion, als schon das neue Modell 10 herauskam.
Wenn Deine Maschine aus dem Besitz der Familie Winterling stammt, dann ist es durchaus möglich, dass man diese Maschine modernisiert hat. Daraus würden sich die Unterschiede zu den bekannten Archo D erklären.

Also ein Einzelstück vielleicht?

So weit vorerst. Der gesamte Bericht wird voraussichtlich im Juli 2021 in der „Historischen Bürowelt“ erscheinen. Die Veröffentlichung, so bespreche ich es mit dem Redakteur unserer Zeitschrift HBV, wollen wir erst abwarten bevor ich hier weitere Fotos und Fakten preisgebe.
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Oktober 2021 – Jetzt geht es weiter!

Der Artikel in der HBV wurde in der Tat im Juli 2021 veröffentlicht. Ich wollte dem, wie bereits erwähnt, nicht zu weit voraus eilen und habe hier die gesamte Veröffentlichung meiner Arbeit und Recherche vorerst zurück gehalten.



Es ist keine Archo Special und auch keine übliche Archo „D“. So viel konnte ich bisher in Erfahrung bringen. Was sie aber wirklich ist lässt sich nur mutmaßen. Ein Prototyp für ein kommendes Modell? Oder der Versuch eine Änderung für das kommende Modell 10 auszuprobieren? Vielleicht auch die Kugellagerung des Wagens für die normale Archo, denn ab 1930 wurde diese damit ausgerüstet? Oder gar schon ein paar Experimente für das kommende Modell 10? Dies sollte 4-reihig sein. Carl Winterling sorgte sich, wie in seinem Brief zu lesen ist, um das Problem von einer 3-reihigen Archo auf eine 4-Reihige umzustellen. Zeitlich könnte es passen.

Diese Archo zeigt auch deutlich, das es bei dieser Seriennummer (15103) noch keine Archo gab deren Wagen auf Kugeln lief. Die dürfte sich zu dieser Zeit noch im Versuchsstadium befunden haben. Diese Archo hat aber bereits genau so einen Wagen der auf Kugeln läuft, und das offenbar schon im Jahr 1927. Der Kugelgelagerte Wagen wurde aber erst 1930, mit der Seriennummer 30000 realisiert. Oder, wie schon erwähnt, ist es eventuell eine Tüftelei von Carl Winterling selbst?

In dieser Ausführung und in dieser Aufmachung scheint diese Archo „D“ jedenfalls einmalig zu sein und der Verdacht eines Prototyps liegt nahe.

Die Umschalttasten

Am Auffälligsten sind die beiden Umschalttasten. Beide Umschalttasten haben die selbe Funktion, nämlich das Umschalten. Die linke Umschalttaste hat die übliche doppelte Umschaltung, wie man sie von einer Dreireihigen Schreibmaschine kennt, für Zeichen und Großbuchstaben.

Die Rechte Seite jedoch stellt nur auf Großbuchstaben um und hat mit der zweiten, oberen Taste eine Feststellfunktion um dauerhaft in Großbuchstaben schreiben zu können.
Die übliche Archo „D“ hat ebenfalls zwei Umschaltatsten. Jedoch ist die Rechte Umschalttaste zum Ein- und Ausrücken konzipiert, welche bei dieser Archon aber gänzlich fehlt.


Ein Brief von Carl Winterling an Frau Schäfer,
datiert vom 27. Mai 1933

Frau E. Schäfer ist die Ehefrau von Karl Schäfer, und zu Karl Schäfer schreibt Ernst Martin …
ein besonderer Förderer seiner (… Carl Winterling) Pläne war der Reedereidirektor Karl Schäfer, welcher an der neuen Gesellschaft (… Archo) still beteiligt ist, ihr erhebliche Kapitalien und sein umfangreiches kaufmännisches Wissen zur Verfügung stellte.

Die erste Seite des Original Briefs von Carl Winterling an Frau E. Schäfer vom 27. Mai 1933.

Die Rückseite des Briefbogen ist noch zu erkennen.

Die Schriftart (eine kleine Pica) ist übrigens genau die selbe Schriftart die auch in der Archo von Frau Winterling verbaut ist. Möglicherweise hat Carl Winterling mit dieser Archo den Brief geschrieben.

Vielleicht auch ein Indiz dafür das er in jener Zeit (1933) diese Archo umgebaut hatte.

Frau
E. Schaefer
M a n n h e i m
Bethovenstr. 22

Sehr geehrte Frau Schaefer!

Ich danke Ihnen recht herzl. für Ihren Brief. Leider habe ich Ihren Herrn Gemahl nicht gesehen, sonst hätte ich gerne zur Sache Handelschule Stellung genommen. So will ich alles das, was ich Ihrem Herrn Gemahl gesagt hätte, schreiben und zugleich die Gelegenheit benützen, Ihnen einmal zu berichten, wie ich arbeite und schaffe und über mein Leben und Sorgen.

Vor allem bitte ich Ihre Fräulein Tochter Vera darauf zu bestehen, dass die Archo für Lehrzwecke zur Verfügung steht. Trotzdem wir uns von dem deutschen Markt schon seit Jahren zurückgezogen haben, werde ich doch an die Handelschule schreiben und ihr klar machen, dass wir uns ein solches Geschwätz nicht gefallen lassen.

Dass unsere Archo auch Ihnen viel Leid bereitet hat, konnte nicht ausbleiben. Vielleicht ist es Ihnen aber ein kleiner Trost, dass unsere Archo meiner kleinen Frau nur Leid und völlig zerstörte Nerven gebracht hat.Leider konnte ich das alles nicht verhindern. Vielleicht wäre manches anders geworden, wenn ich härter, brutaler gewesen wäre. Niemand kann aber für seine Veranlagung, denn an diese sind wir Menschenkinder gebunden.

Abgesehen von allem dem, was nicht hätte sein dürfen und nicht hätte zu sein brauchen, waren die Nachkriegsjahre derart überspannt, dass alles Geschäftsleben absterben musste. Deshalb konnte auch die Theorie Ihres Herrn Gemahl, der mir während all der harten Jahre stets ein guter Freund war und nicht nur Teilhaber, nicht zur Auswirkung kommen. Die Verteilung des Risikos war zwecklos, denn es war alles dem Untergang geweiht. Ich kenne kein Industrieunternehmen das nicht am Abgrund steht oder stand.

Ehe sich jedoch die Massnahmen der roten Parteien auswirken konnten, war unsere Arche zu zugrunde gerichtet und meine Lebensarbeit ein Trümmerhaufen. Sie können sich nicht vorstellen, welch harten Kampf ich käm[p]fte, welch Titanenarbeit am 1. April 1926 meiner wa[r]tete und welch Hundeleben ich seit 3 Jahren mit meiner Familie führe. Meine Familie und mein Schwager, unser erster und bester Mitarbeiter und seine Familie sind bereits völlig verlumpt und bis zum Verkommen und verhungern ist nur noch ein kleiner Schritt.

Wie oft hatte ich schon ein geschenktes Brot auf dem Tisch und dabei eine weinende Familie. Wie oft sitzen wir am Sonntag zu Hause, weil die Garderobe für einen Sonntagsspaziergang nicht mehr geeignet ist. Als Führer unserer Archo muss ich auch auf die äussere Form achten.

Können Sie sich denken welche Kräfte notwendig sind unter solchen Umständen Löhne zu zahlen, Sozial-Nepp abzuführen, Wechsel einzulösen, Lieferanten zu zahlen und den Geschäftsmann zu zeigen der noch fest auf beiden Füssen steht?
Schon 14 Tage nach der Gründung wusste ich, dass ich an Händen und Füssen gebunden war und allein auf mich angewiesen. Die Inflation, bei der nur techn. Fähigkeiten notwendig waren, konnte das Unglück aufhalten aber nicht verhindern. Meine kauf. Kenntnisse waren sehr klein und zu dem was ich kaufmännisch konnte, hatte ich auch kein Zutrauen.

Am Ende der Inflation 1923 hatten wir trotz grosser Verluste nur Mk. 15000,00 Mk. Schulden. Am 1. April 1926, als ich allein Führer unserer Archo wurde, hatten wir eine Schuldenlast von etwa 250.000,00 Mk. Die Bankverpflichtung hat mir Ihr Herr Gemahl abgenommen, aber mit dem anderen musste ich fertigwerden. Dazu ein vollkommen verlottertes Verkaufssystem.
Ohne Hilfe und Kapital habe ich bis heute durchgehalten und ein neues brauchbares Verkaufsnetz geschaffen, nur Deutschland mit seinem Markt habe ich vorübergehend aufgegeben.

Was nützen ein Betrieb mit Material und Maschinen wenn er still steht. Dankbar erkenne ich auch hier an, dass mir Ihr Herr Gemahl seinen Kredit zur Verfügung gestellt hat, den ich wie Schachfiguren überall da einsetzte wo es notwendig schien.
So konnte ich unsere Archo bis heute erhalten, aber mein Gründungsprogramm musste ich zurückstellen. Und doch ist das die Grundlage auf der [… unleserlich] unsere Archo eine gute Lebensmöglichkeit haben kann.

Unsere Archo war die elfte deutsche Schreibmaschinenfabrik. Es folgten noch 31. Von diesen 42 Fabriken bestehen nur noch 17, darunter unsere Archo als einzige Spezialfabrik in der Form des Privatunternehmens. Alle haben sie eine Kleinmaschine auf den Markt gebracht, die heute allein noch ein Geschäft möglich macht. Wei[l]werke haben 600 000 Mk. Investiert, Adlerwerke Mk. 700 000,00, aber wir nichts. Was hilft unser Kleinmaschinenmodell, was hilft unser neues Grossmodell, wenns nur im Schrank steht und nicht hergestellt werden kann.

Da auch jede Reklame fehlen musste, musste der deutsche Markt verlorengehen. Dazu kam der Kampf zwischen der 3 Tastenreihen- und 4 Tastenreihenmaschine, der nur durch unser neues Modell zu unseren Gunsten entschieden werden kann. Deshalb muss ich noch einen Weg finden, der uns die Fabrikation möglich macht, sonst ist alles Arbeiten umsonst gewesen. Ich werde nach wie vor das Steuer unserer Archo in Händen behalten und ich habe auch noch den Willen und die Kraft durchzuhalten. Ich hoffe, dass es mir auch gelingt, trotzdem das Sein oder nichtsein noch immer nicht allein von meinem Wollen abhängig ist.

Einige Lichtblicke habe ich noch immer gehabt. Auch z. Zt. Ist dies der Fall. Noch ist das alles aber noch nicht soweit gediehen, als dass man darüber sprechen und Hoffnungen erwecken könnte. Eines liegt mir noch am Herzen. Sie sagten mir einmal, dass Sie das Darlehen von Leipzig bedrückt. Dieser Betrag, der übrigens über das Konto von Ihrem Herrn Gemahl verbucht und verrechnet ist, ein Konto Becker habe ich nicht gefunden, ist eine Sache, an die ich nur mit Erbitterung denke. Ich habe mich seinerzeit leidenschaftlich gegen die Hereinnahme des Geldes gewehrt, hatte aber z.Zt. nicht den Mut in kaufm. Fragen direkt einzugreifen oder Ihren Herrn Gemahl zur Hilfe zu rufen. Ich hoffe, dass diese Sache begraben ist und dass es mir erspart bleibt darüber noch einmal zu verhandeln.

Politisch gehe ich leider nicht mit Ihnen einig. Ich kann mich nicht zu einer Partei mit einer roten Fahne bekennen. Zu Adolf Hitler habe ich schon einiges Vertrauen, das seit seiner Kanzlerschaft auch grösser geworden: zur Partei selbst fehlt es mir aber völlig. Deswegen hoffe ich, dass uns unser alter Hindenburg noch einige Zeit erhalten bleibt und dass mein Vertrauensmann Herr v. Papen im Kabinett bleibt, dann kann vielleicht noch alles gut werden.

Herzl. Dank auch für Ihre Frage nach meiner Familie. Es war auch ein hartes Familienjahr. Der 13 jähr. Blutvergiftung 8 Wochen, die 5 jähr. Scharlach mit Polizeiaufsicht 10 Wochen, der 10 jähr. Typhus 14 Wochen, die 5 jähr. Masern 3 Wochen, der 10 jähr. Masern seit 14 Tagen, ebenfalls mit Polizeiaufsicht. Glücklicherweise ist alles gut überstanden und deshalb wollen wir doch wieder zufrieden sein. Nun wird Sie aber noch ein Zahl interessieren.

Im Jahre 1932 hat mir unsere Archo alles in allem Mk. 1600,00 gebracht. Mit weniger konnte ich nicht durchkommen und mehr konnte ich nicht nehmen.

Nun ists mir etwas leichter, nachdem ich einmal meinem Herzen Luft gemacht habe.
Bitte denken Sie nicht, dass ich immer so den Kopf hängen lasse, aber wenn man seit sieben Uhr früh im Betrieb ist und die Uhr zeigt dann aben[d]s 9, dann wird man etwas abgespannt. Morgen ist Sonntag und Montag ist alles wieder vergessen. Ihr Herr Gemahl soll sich aber keine Sorge machen, es fehlt ihm nicht in seinen anderen Unternehmungen an diesem Artikel. Für unsere Archo werde ich allein weiter sorgen, so lange meine Kräfte reichen. Sollten sie aber einmal zu Ende gehen, dann werde ich rechtzeitig zur Hilfe rufen. So lange dieser Ruf nicht kommt, leben wir hier noch in Frankfurt.

*** E N D E ***

Es ist kein Abschiedsgruß vorhanden, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass dieser Brief ein
Entwurf ist. So wie es scheint, ist es ein unkorrigierter Briefentwurf, der wohl nie abgeschickt
wurde. Teilweise sind handschriftliche Korrekturen vorgenommen worden.Dieser Brief, so
Frau Winterling, wurde auf drei Seiten getippt, und zwar auf den Rückseiten der Briefbögen der
Firma Archo. Frau Winterling sagte mir, dass ihr Opa Carl Winterling dies damals wohl aus Kostengründen gemacht hatte, und weil ihm wenig Papier zur Verfügung stand.

Dieser Brief, der drei Seiten lang war, wurde auf den Rückseiten dieser Briefbogen geschrieben.

Wohl nur als Entwurf oder Kladde.

Oder es verhielt sich so wie Frau Winterling es erzählte.

Der Firma Archo ging es Zeitweise finanziell so schlecht, das selbst Papier Mangelware war und Briefe auf allen möglichen Papieren geschrieben wurden.

Jetzt wird mir noch eine CD-ROM übergeben auf der sich eine Datei eines Textes befindet den der Ehemann von Frau Winterling selbst verfasst hatte.
Eine sehr berührende und gleichzeitig erschütternde Geschichte über Carl Winterling, die von seiner Tochter erst im hohen Alter von 90 Jahren, also erst Jahrzehnte nach der NS Zeit, auf einer Autofahrt zu einem Familientreffen erzählt wurde.

Ein Familiengeheimnis sozusagen. Dieser Text wirft ein Licht auf Herrn Carl Winterling, vor dem ich voller Respekt meinen Hut ziehe, und der mich sofort an Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste erinnert. Ein echter Gänsehautmoment!

„Die Firma unseres Vaters hatte einen recht großen Kundenkreis. Natürlich waren darunter auch einige Juden.

Einer dieser Kunden war einer der Letzten, die noch nach Beginn des Krieges offiziell nach Amerika emigrieren konnten. Diese Flüchtlinge durften nichts mitnehmen, vor allem wurden ihnen jegliche Barmittel und Wertgegenstände gestohlen.
Deswegen hatte dieser Kunde unseren Vater vorher gefragt, ob er für ihn eine gewisse Summe Geldes aufheben und ihm dann später, wenn er in den USA aufgenommen worden sei, überweisen würde.
Unser Vater war einverstanden und so wurde es dann gemacht.

Es muss Ende 1941 Anfang 1942 gewesen sein, denn Karl-Heinz und Fritz (die Söhne von Carl Winterling) waren schon Soldaten und ich das letzte Kind zu Hause. Vater wurde von der Gestapo verhaftet und war lange Zeit weg.

Als er wieder zurück kam, war er völlig verändert. Er hat aber nichts erzählt, auch die Mutter nicht, es war wie ein Tabu. Ich glaube, meine Brüder haben es nie erfahren. Vielleicht hat sich Vater zu sehr geschämt.“

© by Familie Winterling / Frankfurt

Die fertig aufgearbeitete Archo

Erst ein Schreibtest, dann die Demontage.

Ich habe die Winterling Archo zwar, wie man oben im Foto sieht, fast komplett demontiert, sie aber keineswegs ausgebessert oder versucht sie optisch zu verbessern oder zu verändern. Ich habe die Archo aus Respekt und Hochachtung vor Carl Winterling nur gereinigt und aufpoliert weil sie wie fast alle aufgefundenen Schreibmaschinen eine lange Stillstandzeit hinter sich hatte. Sie ist also nach wie vor in ihrem Originalzustand erhalten geblieben.

Im Originalzustand war sie noch voll Funktionsfähig, selbst die Typen waren erstaunlich sauber und nicht mit Farbbandresten zugesetzt. Mit dieser Maschine wurde wenig geschrieben, so wie es scheint. Selbst das in ihr befindliche Farbband schreibt noch beinahe tadellos. Einzig die originale Aufzugschnur war nicht mehr zu retten und wurde von mir in Ermangelung eines Originals durch eine Nylonschnur ersetzt.

Erst Amtshandlung nach der Fertigstellung. Ein Schreibtest. Sie schreibt wirklich ganz ausgezeichnet leicht und klar.

Somit ist diese ganz besondere Archo wieder voll im Einsatz und hat einen Ehrenplatz in der Schreibstube Krempe erhalten. Sie ist eine der wenigen Schreibmaschinen die hier in einer Vitrine aufbewahrt werden. Es ist zwar „nur“ eine Schreibmaschine, und sie tut ihren Dienst genau so wie auch eine Privileg ihren Dienst versehen kann, dennoch ist diese Archo für mich jedes mal ein Hingucker wenn ich in die Schreibstube gehe. Sie verströmt so eine unbeschreibliche Aura. Ich bin beinahe zu ehrfürchtig um sie einfach nur zum tippen einzusetzen. Aber egal, ich schreibe tatsächlich mit dieser Archo, und jeder der die Schreibstube besuchen möchte kann dies auch tun.


Die Zugaben von Frau Winterling

Zusätzlich zu dieser Archo brachte Frau Winterling noch einige echte „Schmankerl“ für uns Sammler mit.

• Drei Kartons, randvoll mit Tütchen in denen komplette Typensätze für die Archo Nototyp enthalten sind.
• Den Original Lieferschein für diese Notentypen von Ransmayer & Rodrian aus dem Jahr 1956


75 Tütchen, ausreichend für 25 Notenschreibmaschinen mit den kompletten Schriftsätzen für eben diese die Nototyp und den dazugehörigen Lieferschein der Firma Alfred Ransmyer & Albert Rodrian.
Carl Winterling tüftelte offensichtlich noch immer, oder schon wieder, im Jahr 1955 an der Konstruktion seiner Notenschreibmaschine „Nototyp“ herum, denn im August 1955 bestellter er die Typen dafür die dann im Juni 1956 geliefert wurden. Diese Tüten sind bis auf einige wenige noch völlig unangetastet geblieben, sind also noch im absoluten Neuzustand. Einige Tütchen sind beschriftet. Man kann lesen an welchem Datum jemand, wohl Herr Winterling selbst, hier einzelne Notentypen entnommen hatte. Ein Zeitgeschichtliches Dokument, wie ich finde, und ein sicheres Indiz dafür das Herr Winterling wieder an seiner Nototyp arbeitet, was aber, wie Ernst Martin schreib, mit dem Tod des Konstrukteurs (1958) nicht mehr vollendet wurde.

Dazu schreibt ein Vereinmitglied des I.F.H.B. folgendes:
Am Lieferschein von Ransmayer sind 2 Dinge bemerkenswert: Einmal der Zeitpunkt 1955/56. Dass so spät noch Notentypen an die Firma Archo ausgeliefert wurden, ist höchst erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Produktion der Maschinen nur vor dem Krieg kurz lief und vermutlich nur ca. 100 Maschinen hergestellt wurden. Und das die Lieferung der Typen fast ein ganzes Jahr nach der Bestellung erfolgte, gibt auch zu denken. Trotzdem erstaunlich … wofür hat die Firma 1955/56 bloß noch diese Typen gebraucht? Und die große Menge …? Wie lange hat denn die Archo-Firma noch bestanden, und was haben die eigentlich nach dem Krieg überhaupt gemacht? Die Schreibmaschinen-Produktion war doch spätestens während des Krieges zu Ende.

Fragen über Fragen!

Und weil ich nicht alleine von diesem wunderbarem Geschenkt profitieren wollte habe ich die Notentypen den Kollegen im I.F.H.B. angeboten. Für mich alleine wären es einfach zu viele gewesen und wirklich brauchen kann ich sie ja nicht, denn ob mir je eine Nototyp in die Hände fallen wird? Wer weiß?
Ich habe die Typensätze, es gehören immer drei Tütchen zu einem Satz, als Geschenk an die interessierten Sammlerkollegen abgegeben. Der Großteil ist im Schreibmaschinenmuseum eines Sammlerkollegen untergebracht und wird dort öffentlich ausgestellt. Drei Sätze, also neun Tütchen, habe ich selbst behalten.

Wer noch weitere Informationen zu dieser Archo und den Notentypen, bzw. der Nototyp beisteuern kann und helfen kann diese Geheimnisse zu lüften sei dazu aufgerufen sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Sobald sich hier weitere Erkenntnisse ergeben werde ich sie hier veröffentlichen.

Der Artikel ist auch in der HBV erschienen. Hier noch mit sehr viel mehr Hintergrundwissen zu den Tätigkeiten der Firma Archo.

© 2019 – 2021 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten & Frau D. Winterling

2 Gedanken zu “Archo D (Die Winterling-Archo), 1927 – Ein Prototyp? (58)

  1. Unglaublich diese tolle Geschichte – herzlichen Glückwunsch. Ich bin im Besitze einer Melotype Notenschreibmaschine und freue mich bereits jetzt auf Ihren Bericht im HBw. Wie Sie schreiben, ist relativ wenig bekannt über Herrn Winterling und seine Erfindungen. Bin gespannt!!

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  2. Hallo Frau Frei
    Es wird sogar noch besser. Diese besondere Archo scheint ein Einzelstück zu sein. Entweder eine Bastelei von Herrn Winterling persönlich, also eine Versuchsmaschine wie Modell A, B und C das nie über das Versuchsstaduim hinaus kam. Oder es ist ein Prototyp für das kommende Modell 10. Wobei dann eher eine Bastelei als ein Prototyp. Eine Archo mit den Besonderheiten dieses Exemplars gibt es offenbar nicht ein zweites mal.

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