AEG Mignon Modell 4, Baujahr 1924 (14)

Eine Ruine! – Ob sie auferstehen wird?

Vorstellungs collage

Sieht ganz schön gammelig aus.

Diese malträtierte, im Keller vergessene und vom Zahn der Zeit angenagte Mignon 4 wartet schon seit Anfang April 2018 darauf wiederbelebt zu werden.
Bisher hatte ich noch keine rechte Lust, und vor allem keine Zeit für sie. Unser Umzug Ende Mai 2018 war wichtiger, und so musste „Die Süße“ bis jetzt auf ihre Restauration warten. Ich hätte sie nicht einmal kaufen sollen. Sie befand sich jedoch nicht weit von mir entfernt, und so hatte ich sie zwischendurch kurzerhand selbst abgeholt, sie aber vorerst unangetastet stehen lassen.

AEG Mignon 4 Bj. 1924 erstes Foto

Erstes Foto im Urzustand. Ein Rosthirsch!

 

AEG Mignon 4 Bj.1924 fertig ganz

Erstes Foto nach der wiedererlangten Diensttauglichkeit

 

September 2018 – Die Heilung

Sie bewegt sich wieder – Sie schreibt wieder – Sie ist wieder das was man als eine funktionierende Schreibmaschine bezeichnen kann. Ein langer Weg der Genesung liegt hinter ihr! Gekauft hatte ich sie im April 2018 in Holm bei Wedel, wie üblich über die Kleinanzeigenbörse im Internet. Ich konnte sie selbst abholen, so habe ich mir das Porto für das Paket sparen können.

Im Urzustand eine wirklich traurige und von der Zeit vergessene „AEG Mignon 4“ die sich nicht mehr bewegen mochte, selbst wenn sie gewollt hätte. Schreibmaschinen-Athrose in so gut wie allen Teilen und Gelenken. Wahrscheinlich hatte sie auch das typische Typewriter-Syndrom. Die Diagnose dieses Syndroms ist hinlänglich erforscht und bekannt:
Jahrzehntelanger Stillstand in einem Raum mit ungesundem Klima für Schreibmaschinen. Möglicherweise ein Dachboden oder ein Keller. Und da ihr der Holzdeckel fehlt, stand sie zudem auch noch ungeschützt auf ihrer noch verbliebenen Bodenplatte herum, die wiederum erstaunlich gut erhalten ist.

AEG Mignon 4 Bj.1924 Urzustand 13

Typewriter-Artrose. Da bewegt sich nicht mehr viel.

 

AEG Mignon 4 Bj.1924 Urzustand 2

Ohne Worte

 

Manchmal frage ich mich wirklich ob ich verrückt bin mir so eine Ruine zu kaufen. Wenn ich dann zuhause bin und die ersten Fotos einer Maschine mache gehen mir Gedanken durch den Kopf die fragend nach den Sinn suchen eine rostige Schreibmaschinen-Ruine zu kaufen. Ja kaufen – Für rostigen Metallschrott Geld zu bezahlen. Fast jedes mal stelle ich mir diese Frage.
Die Antwort bleibe ich mir stets schuldig. Auf solche Fragen antworte ich mir nicht, sondern demontiere die Maschine nach dem ersten Fotoshooting um den Frager in mir eines besseren belehren zu können. Und so sieht das dann aus.

AEG Mignon 4 Bj.1924 Demontage 2

AEG Mignon 4 Bj.1924 Demontage 3

Demontage zwecks Beweisaufnahme

 

Und wenn dann, wie die beiden Fotos oben zeigen, die Maschine demontiert ist, kommt der Frager in mir allmählich zur Ruhe. Jetzt erklärt sich der Sinn meiner Machenschaften rostige Maschinen zu kaufen. Die werden wieder leben! Und das spornt mich an.

Meine erste Heilung galt den Schlitten, der sich bei einer Mignon herrlich leicht herunter nehmen lässt. Pure Fleißarbeit war jetzt angesagt. Putzen und polieren.

AEG AEG Mignon 4 Bj.1924 vorher_nachher

Und so sieht das Ergebnis, links, nach etwa vier Stunden Arbeit aus. Nachher und vorher!

 

Der Schlitten, als er fertig war, brachten den Frager in mir dann vollends zu schweigen, und er schwenkte zur puren Bewunderung für mich um.
Putzen und polieren! Diese Behandlung erfährt nun auch der Körper der Mignon. Die kleine Einzeigerschreibmaschine ist zwar vergammelt, aber alle Teile sind vorhanden. Diese sind nur unter Rost und Dreck verborgen und müssen freigelegt werden. Also los.
Weiter Stunden und Tage später sieht das Ergebnis wie folgt aus.

AEG Mignon 4 Bj.1924 fertig offen 2

Ein Blick auf die fertige Mignon mit ihren aufpolierten Innereien.

 

AEG AEG Mignon 4 Bj.1924 mit Schriftbild

Und hier: fertig zusammen gebaut nach ihrem ersten Schreibtest. Die Ruine ist auferstanden und geheilt.

 

Es knarzt nichts mehr, sie bewegt sich geschmeidig, sie schreibt und sie glänzt wieder. Die 94 jährige Dame ist von ihrer Schreibmaschinen-Arthrose geheilt. Und was noch viel wichtiger ist, sie blieb vor einem Altmetallhändler und/oder vom weiteren Rostbefall bewahrt. Das einzig was neu an ihr ist, ist das Farbband. Ansonsten waren und sind alle Originalteile vorhanden und ließen sich auf „fast neu“ bearbeiten. Die AEG Mignon 4 ist also im Originalzustand. Ich würde mal sagen: Museumsqualität! Aber um in einer Glasvitrine unbeweglich herum zu stehen und  begafft zu werden wäre sie mir allemal zu schade. Ich habe schon einige fertige Maschinen verkauft. Hinterher erfahre ich dann das sie für Dekozwecke eingesetzt werden sollen. Nun gut, jeder kann mit seinem Besitz machen was er oder sie möchte. Mir jedenfalls gefällt das ganz und gar nicht. Ich hätte es lieber gesehen wenn die Maschinen benutzt werden würden.

AEG Mignon 4 Bj.1924 Skalenblech fertig

Ach, ist die schööön geworden!

Should I stay, or should I go?

Behalte ich sie oder nicht? Ja, erst einmal ja. Solange, bis sich ein Mensch findet der oder die sie würdigen kann. Vielleicht finde ich ja noch einen passenden Kofferdeckel und einen besseren Typenzylinder. Dieser hier ist Teilweise schon etwas verbraucht, schreibt aber dennoch ganz leserlich. 

 

April 2021

Einen Kofferdeckel hat sie leider nie wieder bekommen. Ich hatte mich nie darum bemüht. Dafür aber sie ist erneut auf Reisen gegangen, und zwar gen Osten. Im April 2021 hat sich ein neuer Liebhaber für die Mignon gefunden. Gut so, denn für mich ist es zu wenig komfortabel mit einer Mignon zu schreiben.

© 2018 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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