Blickensderfer Mod. 7, Bj. 1905 (33)

Seriennummer: 113249
Tastatur: Gewöhnungsbedürftig
Renoviert von: Heiko Stolten im September 2019

Die Mutter aller Kugelkopf Schreibmaschinen

Und die erste brauchbare Reiseschreibmaschine die es je gab. Sie stammt aus den U.S.A. und war eine Blickensderfer aus den Jahren um 1890 herum. Diese hier, ein Modell 7 aus dem Jahr 1905, ist Optisch und technisch weitestgehend mit den Vormodellen identisch.

Das die Blickensderfer allerdings als Reiseschreibmaschine genutzt wurde ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, denn die Farbgebung erfolgte nicht so wie man es kennt, über ein Farbband, sondern über einen kleinen Schwamm in Form einer Rolle der mit Tinte getränkt wurde. Und das benetzen des Farbschwämmchens? Nun ja, Tintenflecken waren wohl kaum vermeidbar weil man ja auch immer ein Tintenfläschchen mitführen musste. Und man musste trainieren die richtige Menge zu dosieren, sonst gab es, so wie bei meinem ersten Versuch, nicht nur Tintenflecken, sondern auch eingetintete Finger.
Doch dazu später.

1. Foto. Was ist das für ein Dreieckiges Dingens das sich da um die Leertaste rankt?

So kommt die Blickensderfer zu mir.

September, genauer gesagt am 15.09.2019, fahre ich Sonntag morgens in Hamburg Heimfeld am Wohnort der Verkäuferin vor um hier insgesamt 5 Schreibmaschinen in Empfang zu nehmen. Als da wären: Zwei Adler 7, eine Erika 5, eine Continental Silenta, dazu ein 25 mm Farbband nebst Dose für die Adler 7 und eben die Maschine um die es mir in erster Linie ging. Die Blickensderfer 7 mit schönem Tragekoffer aus Holz.
Nach so einer hatte ich schon länger Ausschau gehalten, jedoch waren die Angebote bisher spärlich und zudem meist völlig überteuert.

Man muss sich das heute mal vorstellen: Die Blickensderfer, so wie auch z. B. die Mignon oder die GundKa waren damals sogenannte „Billig-Maschinen“ zu, heute würde man sagen, Discouterpreisen.
Eine Blickensderfer gab es bereits für ca. 100 Mark, während eine Adler 7 mit etwa 300 Mark und mehr, je nach Ausstattung, zu Buche schlug. Beide Maschinen waren 1905 erhältlich. Der Unterschied wird auf dem Foto deutlich. Vorne die Blickensderfer, und dahinter zwei Adler 7 Modelle. In etwa vergleichbar ist es wenn man zum Beispiel einen „noname“ Akkuschrauber für etwa 35 Euro beim Discounter kauft, oder sich für ein Markenprodukt aus der Profiabteilung eines Baumarkts entscheidet das auch mal 300 Euro und mehr kosten kann. Beide können „schrauben“, so wie die Blickensderfer und die Adler 7 ebenfalls schreiben können, die Adler aber einige features mehr an Bord hat die das schreiben selbst sehr viel angenehmer und schneller machen.

5 auf
einen
Streich

Intuition

Auch dieser von der Verkäuferin angesetzte Preis für ihre Blickensderfer war mir viel zu hoch angesetzt. Was mich dennoch geritten hat mich für dieses Angebot zu interessieren kann ich nur mit „Intuition“ erklären.
Zu blöd, das ich oft erst hinterher bemerke, dass mich meine Intuition immer wieder Traumwandlerisch in die richtige Richtung bugsiert, ich es aber immer noch gewohnt bin mehr auf meinen Verstand als auf mein innerstes Gefühl zu hören. Aber ich arbeite daran. Es wäre nämlich vieles um so viel leichter würde ich gleich meiner Intuition folgen. So wie in diesem Fall!

Ich schrieb der Verkäuferin dass ich so eine kleine Schreibmaschine für die Schreibstube Krempe suchen würde, ich aber nur ein wesentlich geringeres Budget zur Verfügung hätte als das von ihr für die Blickensderfer geforderte.

Pause im Schriftverkehr …!

Als ich schon gar nicht mehr damit rechnete und ich meine Anfrage schon als Sinnlos abgetan hatte erhielt ich doch tatsächlich eine Antwort auf die Offenbarung meines geringen Budgets. Warum es so lange dauerte? Die Dame besuchte mich, bzw. die Schreibstube Krempe im Internet bevor sie mir Antwortete.

Sie schrieb Sinngemäß das sie sich meine Homepage über die Schreibstube Krempe angesehen hätte und begeistert wäre. Sie hätte zwar weitaus höhere Angebote als meines erhalten, was mir natürlich völlig klar war, sie würde aber gerne ihre Schreibmaschine in guten Händen wissen, denn die Blickensderfer stamme von ihrem verstorbenen Vater der sie sehr lange gehegt und gepflegt hatte. Deshalb würde sie ausgerechnet mir die Maschine verkaufen wollen, aber …!

… Zwei Bedingungen stellte die Dame.

Bedingung 1:
Ich sollte eine Expertise zu einer sehr komischen Schreibmaschine, wie sie sagte, abgeben. Eine Mignon Modell 3, wie sich die als „komische Schreibmaschine“ bezeichnete entpuppte. Dazu schickte sie mir einige Fotos der Mignon.

Bedingung 2:
Ich sollte die Fünf, oben auf dem Foto zu sehenden Maschinen in meine Obhut nehmen und nur die Blickensderfer bezahlen. Gesagt, getan und abgemacht! Für die Mignon im guten Zustand mit Metallkoffer, die eigentlich auch im Konvolut enthalten gewesen wäre, nannte ich ihr einen ehrlichen Preis. Ich sagte sie könne die Mignon einzeln gut verkaufen, während die anderen, die ich mitnehmen würde, bis auf die zwei Adler 7, eher Ladenhüter wären. Ich ahne schon, das ich auf der Continental Silenta und der Erika 5 sitzen bleiben werde oder sie verschenken muss. Und der Preis den ich ihr für die Mignon nannte, war im Nachhinein der Preis den die Blickensderfer weniger als ursprünglich gefordert kostete. Also ein sehr gutes Geschäft für uns Beide. Die Verkäuferin würde ihren Ursprünglich geforderten Preis erhalten, und ich die Blickensderfer zu dem Preis bekommen den ich mit erträumt hatte.

Sommerpause

Im Sommer ist das kaufen einer Schreibmaschine erlaubt, jedoch das Basteln an ihr nur an völlig verregneten Tagen gestattet. Das sind meine eigenen Vorgaben. Ansonsten steht im Sommer Garten an, Lagerfeuer im selbigen, Ausflüge, Urlaub und all die vielen Dinge die man zu Zweit oder mit Freunden und Familie im Sommer besser machen kann als in den Wintermonaten. Und in diesem Sommer waren wir zudem häufig unterwegs um uns Wohnmobile anzusehen. Im August war es dann soweit. Unsere Villa auf vier Rädern ließ sich mit ihren beinahe sechs Metern Länge in unserer Einfahrt nieder. Das Saisonkennzeichen untermauert meine eigenen Vorgaben zudem Eindrucksvoll, denn ab Ende Oktober wird die Villa für 5 Monate trocken untergestellt. Bis es aber soweit ist, nutzen wir die Wochenenden für kurze Trips und kleine Urlaube. Und erst dann wird der Werkstattkeller wieder zur gänze eröffnet. Und erst dann widme ich mich der Blickensderfer voll und ganz. Obwohl: So viel ist an ihr gar nicht zu tun, wie man sieht.

2. Foto. Sieht toll aus!

Und das ist der Grund warum es vorerst nur die Geschichte zu meiner Blickensderfer hier zu lesen gibt. Die ersten Fotos habe ich auch nur auf die Schnelle am Kauftag in unserer Küche geschossen und nicht wie üblich hübsch arrangiert in der Schreibstube.

Sie schreibt, also lebt sie.

Die Blickensderfer, wie man oben auf dem zweiten Foto sieht, offenbart nach dem öffnen des Koffers etwas das mir bei der ersten Besichtigung im Haus der Verkäuferin gar nicht aufgefallen war. Ein Dreieckiges Dingens aus Plastik hängt an der Leertaste. Keine Ahnung was das ist. Ich habe es entfernt, aber vorsichtshalber behalten. Man weiß ja nie. Und wenn ich sie zu Beginn meiner Bastelsaison wieder hervor hole kann es ja eine Bewandtnis damit haben die ich jetzt noch nicht verstehe. Aber wohl eher nicht, denke ich!

Das ähnelt doch einer Spinne.

Fakt ist jedenfalls, die Blickensderfer funktioniert auf Anhieb perfekt. Sie lässt sich sehr leicht bedienen und alle Teile sind frei beweglich. Und das wichtigste! Sie ist komplett und wirklich sehr schön erhalten für eine kleine Lady von 115 Jahren. Selbst das Bodenbrett und der Koffer sind super schön.

Blaue Tupfen verraten eine lange zurück liegende Renovierung in Hellblau

Das Foto mit Blitzlicht bring es überdeutlich an den Tag. Hellblaue Tupfen auf dem Koffer die im Original nicht so deutlich zu sehen sind. Aber es zeigt auch die schöne Erhaltung des Holzkoffers. Das wird ein Spaziergang den Koffer wieder auf Hochglanz zu bringen.

Noch im Originalzustand. Mit Patentplakette

Einzig das Tinteschwämmchen ist eingetrocknet, und die winzige Halterung ist an einer Seite abgebrochen. Dennoch, ich habe mir auf die Schnelle ein Tintenfässchen besorgt und habe das Schwämmchen damit getränkt. Nach etwa einer Stunde wurde es etwas weicher und begann sich wieder zu drehen. Und siehe da, sie schreibt sogar. Ich brauche also, um sie zu vervollständigen, nur eine neue Halterung für den Einfärbmechanismus. Es wird wohl kein großes Ding sein so eines zu bekommen.

Es ist Lustig mit anzusehen wie das Tintenschwämmchen den herunter kommenden Typenkopf kurz zum einfärben des Buchstabens antupft, sich gleich darauf wieder zurück zieht um den Weg für den Typenkopf auf das Papier frei zu machen. Faszinierend, wie Mr. Spock sagen würde.

Soweit und vorerst bis hier her. Bis Ende Oktober muss die kleine, sie wiegt kaum mehr als 3 Kilo, jetzt auf ihre endgültige Reinigung warten.

Hier ist das Schwämmchen zu sehen.

Der weitere Werdegang wir dann hier dokumentiert werden.

Oktober 2019.
Erste Reinigung

Der Urlaub ist vorbei, das Wohnmobil im Winterquartier, und ich wieder im Bastel-Keller. Nun also! Die Blicklensderfer 7 wartet seit geraumer Zeit auf mich, und heute habe ich sie schon mal von der Bodenplatte gelöst und drunter gesehen. Alles okay soweit. Wenig Staub, wenig Dreck, dafür wieder einmal viel Öl.

Unterwärts sieht es recht passabel aus.
Nur geringfügig eingestaubt.

Die Öl-Baronin

Ich war, als ich die erste völlig mit Öl getränkte Schreibmaschine bekam, es war die Adler 16, ziemlich erschüttert. Doch mittlerweile habe ich es schätzen gelernt wenn ein Vorbesitzer die Maschine mit zu viel Öl über die Jahrzehnte regelrecht begossen hatte. Wie jeder weiß, Öl ist der beste Korrosionsschutz. Und wenn gutes Öl verwendet wurde, ist es zwar eine Schweinerei dies zu beseitigen, aber darunter kommt immer etwas zutage das an einen „Neuzustand“ erinnert. Bisher sah es darunter aus so aus als als wäre die Maschine unbenutzt. Und für einen solchen zu erwartenden Zustand opfere ich gerne eine Menge an Putzlappen. Die kleine Blickensderfer ist also auch so eine Öl-Baronin die mit gutem Öl, also Öl das nicht verharzt, reichlich bedacht wurde.
Das hat auch bei ihr zur Folge, das sie einwandfrei funktioniert und es unter dem Öl aussieht als hätte sie kein anstrengendes Leben gehabt, also in einem sehr schönem Zustand geblieben ist.

Nur putzen, sonst nichts

Diese Blickensderfer braucht nur etwas abgestaubt zu werden, vom Öl befreit zu werden und kann dann sofort wieder als Schreibmaschine eingesetzt werden. Kann …, wenn da nicht wieder so eine sehr obskure Tastatur auf mich zugekommen wäre.

Obskure Tastatur – Das will erlernt werden.

QWERTZ oder QWERTY ? Fehlanzeige! Einen hübschen Buchstabensalat bietet die Tastatur der Blickensderfer. Das erinnert mich sehr an meine Hammond mit Ideal Tastatur. Ich frage mich warum das damals so gemacht wurde, in einer Zeit als sich die QWERZ Tastatur bereits durchgesetzt hatte. Wohl um die Kunden bei der Stange zu halten die sich bereits an so eine Tastaur gewöhnt hatten, und um zu verhindern das selbige sich womöglich eine andere Schreibmaschine kauften. Na egal, ich finde es jedenfalls sehr kurios.

Kein Farbband

Die Blickensderfer hat kein Farbband. Einer der Gründe dafür das diese Maschine seinerzeit recht günstig war. Dieses feature fehlte ihr. Dafür hatt sie ein winzig kleines Schwämmchen das mit Tinte getränkt werden muss um schreiben zu können. Dieses Schwämmchen ist an einen Einfärbemechansmus angebracht welcher bei jedem Tastendruck den gewünschten Buchstaben des Typenkopfes einfärbte bevor der Buchstabe auf das Papier geschlagen wurde.

Das funktioniert so:
Man schlägt eine Taste an, der Typenkopf dreht sich an die gewünschte Stelle und senkt sich auf das Papier hinunter. Auf Halber Strecke, also kurz bevor der Typenkopf auf das Papier trifft, schnellt das Schwämmchen hervor, tupft Blitzartig den gewählten Buchstaben an und benetzt ihn so mit Tinte. Gleich darauf zieht sich das Schwämmchen genauso so schnell zurück wie es hin geschnellt ist und der Typenkopf schlägt endgültig auf das Papier auf und druckt den gewünschten Buchstaben auf dem Papier ab.
Das sieht sehr spektakulär aus.

1) Das Schwämmchen in seiner Ruhestellung.
2) Der Typenkopf senkt sich und das Schwämmchen färbt den Buchstaben ein.
3) Das Schwämmchen zieht sich zurück und der Typenkopf schlägt auf .

Also der Weisheit letzter Schluss war diese Technik des einfärben nicht. Somit ist diese Methode und diese Schreibmaschine auch wieder in der Versenkung verschwunden. Die Schreibmaschinen mit Farbband setzten sich endgültig als Standard durch, ebenso die QWERTZ oder QWERTY Tastatur. Das Schwämmchen ist so klein und bietet so wenig Speicher für die Tinte das oft, während des Schreibens, nachgefärbt werden musste. Lange Texte waren ohne nachfärben nicht möglich. Dennoch war die Blickensderfer ab Modell 5 ein wahrer Publikumsrenner und eine beliebte Reisemaschine.

Mit 115 Jahren beginnt ein neues Leben

Fertig! Nur geputzt und entölt.

Nun ist sie wieder bedienbar ohne das ich ölige Finger bekomme. Das Bodenbrett und der Koffer glänzt auch wieder wie ein poliertes und antikes Möbelstück, und alle Tasten sind gut lesbar.

Schreiben ohne Farbband und ohne Tintenschwämmchen

Ein lieber Kollege aus dem Sammlerverein I.F.H.B. hat mir eine Möglichkeit genannt wie ich mit der Blickensderfer ohne das Tintenschwämmchen schreiben kann. Ich möchte diese Möglichkeit hier gerne nennen.

Hier der Tip:
Für dein Problem und für alle alten SM welche kein Farbband verwenden gibt es ein einfaches Rezept: Ein normales Kohlepapier mit der Farbschicht nach außen auf die Walze wickeln. Dann ein Blatt transparantes Zeichenpapier darüber spannen. Nun kannst du ohne Farbband ein gutes Schriftbild erzeugen – es erscheint von hinten in Spiegelschrift kann aber von vorne normal gelesen werden. Die Typen bleiben sauber und nichts trocknet mehr ein. Dieses System half mir bei allen alten SM und mit eingetrocknete Farbröllchen und Kissen habe ich kein Problem mehr. Ein Versuch wird dich überzeugen! Über eine Erfolgsmeldung würde ich mich freuen.

Im Prinzip funktioniert diese Methode mit allen Schreibmaschinen. Zum Beispiel wenn man eine Schreibmaschine hat in die ein Farbband mit Sonderformat eingelegt werden muss und man keines zur Verfügung hat. Z. B. Adler 7 (25 mm), Erika 1 – 4 (16 mm), Klein Adler (20 mm), oder die Oliver 1 bis 5 mit ihrem 11 mm Farbband.

Die „ID“ meiner Blickensderfer verrät: Baujahr 1905.
Die Patentplakette

Viele Sammler und die die es werden möchten lassen sich von der Patentplakette täuschen und meinen die letzte Eintragung darauf wäre wohl das Baujahr der betreffenden Schreibmaschine. Dem zufolge wäre diese, also meine, Maschine aus dem Baujahr 1892, was jedoch nicht stimmt. Die Patentplakette stellt nur die Daten dar an denen irgendwelche Patente angemeldet wurden. Nach 1892 bis zum Baujahr dieser Maschine 1905 wurde keine weiteren Patente angemeldet.

Januar 2021.
Die Blickensderfer hat ein neues Zuhause gefunden. Sie zieht um nach Spanien. Ich hoffe ihr ist es dort etwas wärmer als im hohem Norden von Deutschland. Schreiben mit dieser Tastatur und mit diesem Einfärbemechanismus? Nein, nicht wirklich. Optisch ist die Blickensderfer toll. aber das Schreiben ist eine Qual. Also muss sie weichen.

© 2019 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

Ein Gedanke zu “Blickensderfer Mod. 7, Bj. 1905 (33)

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