Erika 8, Bj. 1950 (5)

Abgeholt: Januar 2018 bei Klein Nordende (Trödler)
Modell: Erika 8
Herkunft: DDR
Seriennummer: 11776672
Baujahr: 1950
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm, Din 2103 Spulen
Renoviert von: Heiko Stolten im Januar 2018

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Aus einer Princess wird eine Erika?

Anfang Januar 2018. In unserer Umgebung, nähe Tornesch. In einem kaum nennenswerten Dorf, oder besser gesagt, eine kleine Ansammlung von Häusern und Gehöften gibt es einen Bauernhof der von seinem Besitzer seines Amtes enthoben und zu einem riesigen Trödelladen umfunktioniert wurde. Mitten in der Pampa stapelt sich auf ca. 800 qm² das was aus Haushaltsauflösungen übrig blieb und hier zusammen getragen wurde. Ein unüberschaubares Sammelsurium an Kitsch, Kunst, Trödel, Gerümpel, Ramsch und allerlei anderem brauchbaren bis hin zu unnützem und kuriosen Zeugs. Wenn man den Laden betritt umweht einem ein kräftiger Geruch von Kellermuff, Schimmel und Holzfeuer.

Schimmeliges farbband Erika 8

So riecht das hier, und so sieht das Farbband aus.

 

Warm war es jedenfalls, hier brannten 2 Holzöfen. Angelockt durch eine Kleinanzeige fuhren wir, meine Frau und ich an einem Samstag Vormittag zu diesem bis unter das Dach vollgestopfte und regalüberquellendem, ehemalige Gehöft. Ein Schild über der Tür: Opi-Flohmarkt, (Ich mache jetzt ein wenig Schleichwerbung) und ein bunt blinkendes „Open“ Leuchtschild zeigte uns den Eingang. Angelockt wurde ich durch eine Schreibmaschine, bzw. durch sechs Schreibmaschinen, die der Besitzer in einer Kleinanzeigenbörse anbot. Für mich waren das uninteressante Maschinen, allesamt 50er und 60er Jahre Reisemaschinen. Einzig eine kleine Princess 200, die sah wirklich nett aus, und sollte nur 10 Euro mit Koffer kosten. Auf dem Anzeigenfoto sah sie richtig gut und sauber aus. Ich ließ mir diese Maschine reservieren, was der Inhaber (da wusste ich noch nicht das es sich um einen professionellen Trödler handelt), bereitwillig zusagte.

Nun, an diesem besagten Samstag war nichts von der kleinen Princess zu entdecken. Der Verkäufer kam auf mich zu und entschuldigte sich vielmals. Er hätte mehrere Schreibmaschinen auf Lager, und hätte ein altes Foto online gestellt. Er wollte mit dem Foto lediglich sagen, dass er Schreibmaschinen zu verkaufen hätte. Ihm war nicht klar, das es einen Unterschied machen würde, ob man nun diese oder jene Maschine benutzen würde. Wenn man schreiben kann, kann man schreiben. Naja, die Princess 200 jedenfalls hatte schon längst den Besitzer gewechselt, nur ich war es nicht. Dennoch sah ich mir die anderen Maschinen im Regal an. Anhand der Koffer konnte ich schon erkennen, das es sich wohl um für mich uninteressante 60er und 70er Jahre Maschinen handeln müsse. Doch der schwarze Koffer unten links – Da will ich mal hinein sehen! Der freundliche Verkäufer, immer noch zerknirscht darüber mich unter Vortäuschung falscher Tatsachen hier her gelockt zu haben, holte den Koffer hervor und öffnete ihn. Zum Vorschein kam eine Pechschwarze Erika 8. Dem ersten Anschein nach vollständig und intakt.
Erika? Will ich so eine haben? Ich dachte kurz darüber nach, das eine Erika nichts besonderes wäre, Massenware eben. Der VW Käfer unter den Schreibmaschinen!? Und einen VW Käfer wollte ich schon als Führerscheinneuling nie haben. Und jetzt eine Erika?

Wegen des Irrtums, und sozusagen als Entschuldigung, kannst‘ die Maschine für 5 Euro mitnehmen“.

Ich schlug einige Tasten an. Sie bewegten sich, ebenso der Schlitten. Nur der Schiebehebel für den Schlitten hing haltlos in der Gegend herum. Das sollte ich wohl hin bekommen, und ging für 5 Euro, samt Koffer auf den Handel ein.

„Wenn sie und ihre Frau noch etwas anderes kaufen, mache ich einen super Preis“ sagte der Mann. „Man sagt, ich wäre billiger als das Sozialkaufhaus“ fügte er hinzu.

Und das stimmt! Wir kauften noch einige große Salatschüsseln aus Bambus, eine Langspielplatte, eine außergewöhnliche Vase und diverse Blumenübertöpfe. Und eben die Erika 8, alles zusammen für 13 Euro.

Die Erika stinkt wie Hulle

Da gab es doch einst einen Schlager, und in einer Textzeile hieß es „Ich liebe zwei Mädchen aus Germany – Erika, Monika…“ In diesem Schlager wurden sicher hübsche, junge Frauen besungen. Meine neue, die Erika 8, war weder jung, noch sah sie sehr appetitlich aus. Weder noch, denn sie stank, und das kräftig – nach Schimmel. Auf diesem Trödelgehöft hatten wir uns schnell mit dem uns umwehenden Kellermuff arrangieren können. Doch nun habe ich Zuhause den Koffer der Erika geöffnet, und das erste was ersichtlich, bzw. erfahrbar wird ist ein atemberaubender Gestank nach Schimmel.

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Schimmel überall

 

Und nun bei Tageslicht (in der Trödelhalle war nur zwielichtige Helligkeit) sehe ich die Bescherung. Leuchtete mir in der Trödelhalle das Farbband noch rot/schwarz entgegen, so glotzten mich nun, bei nicht einmal näherer Betrachtung, grün/gelbliche Schimmelflecken frech aus großen Augen an. Die Erika muss raus, das ist schon einmal klar! Auf der Terrasse entferne ich das Farbband und überantworte es so schnell wie möglich der Hausmülltonne zur getreulichen Verwahrung. Die Erika aus dem Koffer lösen, denn der hatte über die Zeit ebenfalls einen sehr markanten Gestank angenommen, und erst einmal draußen an der Frischen Luft stehen lassen. Die Kofferlose, und Farbbandlose Erika wird erst einmal getestet. Alle Tasten, bis auf zwei bewegen sich Tadellos. Die Aufzugschnur sieht aus, als würde sie den nächsten Monat nicht überleben. Sie ist ausgefranst und fadenscheinig, tut aber noch ihren Dienst. Und der Hebel für den Schlitten ist ohne Verbindung zum Zeilenvorschub, aber das wusste ich ja. Hier war ein kleiner Nippel abgebrochen. Nicht weiter schlimm! Nur die „i“ und die „m“ Tasten waren ohne Funktion. Sie ließen sich anschlagen, lösten aber keinen Anschlag aus. (In der heutigen Zeit, Januar 2018, das Wort „Anschlag“ zu benutzen kommt mir beinahe unpassend vor).

Die Misshandelte VEB Erika

Der Erika einmal von unten unter ihr Kleid geschaut, offenbart ihre Tastenträgheit. Das „i“ und das „m“ sind ausgehakt, ihre Ärmchen sind verbogen, so als hätte sie jemand mit einem gewaltigen Anschlag der Tasten gestaucht, wobei sich bei einer noch die Spannfeder gelöst hat.

Erika 8 Typengehäse

Verstauchung der „i“ und „m“ Taste

 

Aufzugschnur Erika 8 Fadenscheing

Aufzugschnur kurz vor dem Crash

 

Wie kann man das so verbiegen? Das geht doch gar nicht! Hier hat wohl jemand seine Wut nicht zügeln können und hat auf der Erika herum gehämmert. Armes Mädchen! Langsam beginne ich die Erika zu mögen. Wohl weil sie so schlecht behandelt wurde und weil sie so erbärmlich stinken musste. Ohne Koffer ist das alte Mädchen von Geruch her einigermaßen erträglich.

Ein wenig Geschichte zur  Erika 8

Das alte Mädchen ist offensichtlich eine der ersten Erikamodelle die in dem, nach der Zerstörung durch den 2. Weltkrieg, Wiederaufgebauten Werk in Dresden gebaut wurde. Laut ihrer Seriennummer (1176672) stammt sie aus dem Jahr 1950 und wurde wohl noch nach Plänen der Vorkriegshersteller „Seidel & Naumann“ gebaut (Das Logo prangt noch auf dem Deckel). Sie ist also schon eine DDR Produktion („Mechanik vorm. Seidel & Naumann VEB Dresden“ ist unter der Leertaste zu lesen), aber noch nach Vorkriegs Bauplänen. Und das die Erika in der DDR eine besondere Stellung einnehmen würde war in jenen Tagen wohl nicht ersichtlich. Die Erika war heiß begehrt. Nicht nur bei Studenten, Journalisten, Dienstreisenden und Autoren, sondern auch bei der SED-Obrigkeit. Jede Erika wurde auf Anordnung der Partei registriert um im Fall des Falles Autoren staatsfeindlicher Texte schnell ausfindig machen zu können. Ich habe gehört, das in der DDR gesagt wurde: „Keine Ausreise ohne Erika“! Das heißt, die Ausreiseanträge wurden auf der Erika getippt. Und die Volkspolizei hatte auch immer ihre Erika dabei.

Erika 8 VEB Logo

So wurden zum Beispiel gleich an Ort und Stelle Unfallprotokolle auf der kompakten Erika getippt. Da frage ich mich natürlich was denn wohl meine Erika erlebt hat. Ob sie im Osten Deutschlands benutzt wurde oder im Westen? 1950 waren die Grenzen ja noch verhältnismäßig weit offen. Meine Großmutter konnte 1950 noch, zwar in einer Nacht und Nebel Aktion, mit ihren 6 Kindern aus der DDR, aus Mecklenburg-Vorpommern in den Westen fliehen – zu Fuß!

Der Erika unters Röckchen geschaut

Nach dem lösen der „Tippsen“ wurde auch das Ausmaß der Beschädigung der Typenhebel ersichtlich. Beinahe Ziehharmonika-Artig waren die feinen Metallschieber für das „i“ und das „m“ zusammen gestaucht. Die müssen richtig eins drauf bekommen haben. Kann man so hart anschlagen? Diagnose: „Kapitale Verstauchung“. Selbst die kleinen Nippel, die in die wahnsinnig enge Führung eingefügt sein müssten, um so den Anschlag der Taste zum Typenhebel weiter zu leiten, um diesen wiederum anzuheben und ihn zum Papier flitzen zu lassen, wodurch dann das typische „Klack“ einer Schreibmaschine entsteht, waren heraus gerissen und ebenfalls sichtlich aus der Form geraten. Hier war Feinmechaniker Arbeit gefordert. Hab ich noch nie gemacht! Und traue ich mir das zu? Die Erika ist erheblich filigraner als eine Adler Modell 7 Maschine. Und in die Innereien einer Adler 7 hatte ich mich auch noch nicht wirklich sehr tief hinein gewagt (Das kommt aber noch – Lest demnächst den Bericht über meine 3. Adler 7 – Eine scheinbare Ruine wird komplett demontiert).

02 Aufzugschnur gerissen

Nach Zwei Seiten Tippen riss die Aufzugschnur. Hier die geöffnete Aufzugdose.

 

Mittlerweile hatte ich zu Weihnachten Feinwerkzeug geschenkt bekommen. Uhrmacher Werkzeug zwar, aber für Schreibmaschinen durchaus gut zu gebrauchen. Ich traute mich noch nicht den gesamten Typenmechanismus zu zerlegen. Ich hatte ärgste Befürchtungen den zu erwartenden Kleinkram anschließend nicht mehr zu einem Sinnvollem ganzen zusammen setzen zu können. Tja, und im günstigsten Fall den ich mir vorstellen konnte, anschließend ein „x“ anschlage und ein „u“ dabei heraus kommt. Also löste ich das Typengehäuse und klappte es soweit es möglich war nach vorne, um an die verstauchten Gelenke heran gelangen zu können. Um die feinen Beinchen richten zu können, das war mir völlig klar, hätte ich den Weg der Demontage wählen müssen. Da mein Mut dieses Risiko aber nicht zuließ, auch wenn die Erika nur 5 Euro gekostet hatte, und es Erika’s wie Sand am Meer gibt, und eine Erika immer noch eine „billige“Allerweltsmaschine ist die ich an jeder Ecke in einem besseren Zustand, und sogar geschenkt, hätte haben können, beließ ich es dabei das Typengehäuse nur anzuheben.

04 Aufzugschnur gerissen

Aufzugfeder demontiert, um das neue Aufzugband in der Dose zu befestigen.

 

Mein Ziel war es, an schnell (heute noch) ersetzbaren Maschinen zu üben, um bald meine beinahe unersetzlichen Adler Damen mit  meinem handwerklichem Geschick beglücken zu können. Also; Ich möchte von der Bodennahen, der Erika (man sagt ja auch zur Heidepflanze „Erika“), aufsteigen zur hoch fliegenden, dahin gleitenden, alles überblickenden Adler’in. So also mein Plan.

Erika 8 Typengehäuse

Die Erika geht baden!

Bevor ich jedoch die verstauchten Beinchen wieder richte, oder es versuche, muss die Erika ihren aufdringlich herben Gestank los werden. Sie über Nacht auf der Terrasse stehen zu lassen war ein netter aber wirkungsloser Versuch. Ich schraube also ab was geht. Zierrahmen, Deckel und weitere schnell zu entfernende Teile. Erstaunlicherweise ist die Erika nicht angerostet, und in einem erstaunlich sauberen Allgemeinzustand. Staubig zwar, aber kein Rost. Meiner Idee nach schenke ich der Erika ein Vollbad mit Maracuja Shampoo. Ich glaube Mädchen mögen so etwas gerne! Professionelle Schreibmaschinen Sammler und Reparateure werden sicherlich die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und mich für einen Dilettanten halten. Das stimmt! Das bin ich wohl in deren Augen auch – Aber ich übe, ich spiele ja nur, bevor ich mich, später einmal, an historische Schreibmaschinen wage die das Prädikat „historisch wertvoll“ verdienen. Die Erika 8 (hör jetzt mal weg kleine Erika) ist noch weit davon entfernt historisch Wertvoll zu sein. Oder vielleicht doch nicht? „Warten wir noch mal 50 Jahre!“

So bin ich vor gegangen. Das warme Bad für die Erika richten, das halbnackte Mädel in das duftende Bad eintauchen und liebevoll darin schwenken. Das habe ich nur ca. 5 Minuten gemacht, und sie gleichzeitig mit einer weichen Bürste vorsichtig, bloß nichts abbrechen, verbiegen oder verletzen, gestreichelt. Anschließend bekam sie eine Spülung mit warmen, klarem Wasser und durfte kurz abtropfen bevor ich sie überall mit einem Trockenem Tuch abtupfte. Mir war klar das Wasser der Tod vieler metallischen Teile, besonders der winzigen Federn, einer Schreibmaschine ist. Aber was sollte ich machen? Ich dachte auch daran sie mit einem Duftauffrischer zu besprühen. Doch erstens fand ich so etwas in unserem Haushalt nicht, und zweitens wusste ich nicht ob sich so ein Auffrischer, nachdem er abgetrocknet wäre, nicht möglicherweise in kleinen Kristallen in sämtliche, unzugänglichen Schlitze festsetzt und die Mechanik womöglich völlig lahm legt. Wasser mit Haarshampoo schien mir da die sicherere Lösung zu sein. Nachdem die Erika wieder trocken war, sie sah jetzt richtig Ansehnlich aus, besprühte ich alle Teile von denen ich überzeugt war das sie rosten würden, sehr sparsam mit Rostlöser.

Die Erika atmet durch

Am nächsten Tag, es war ein Montag, nahm ich die Erika mit in die Firma und entfernte den überschüssigen Rostlöser mittels Druckluft und der Druckluftpistole. Die Kollegen, die es gewohnt waren dass ich ungewöhnliche Schreibmaschinen in den Keller zum Kompressor schleppte waren erstaunt über die „normale“ Schreibmaschine die ich Heute mit brachte. „Ach so ’ne Erika, die kenne ich auch noch“ und würdigte sie keines besonders interessierten Blickes. Gut so, dachte ich, dann habe ich meine Ruhe. Nach Feierabend präsentierte ich die Erika der feinen Nase meiner Liebsten. Sie besitzt einen Geruchssinn der auch noch das kleinste Schimmelatom entlarven und lokalisieren kann. „Riecht gut“ sagte sie. Also ein Ritterschlag für meine Bemühungen der Erika wieder zu einem respektablen Duft zu verhelfen. Und die Federn, das Schaumbad der Erika ist nun einige Wochen her, glänzen und sind Rostfrei.

Die Erika in der Notaufnahme und ein Liebesbrief

Immer noch litt die Erika an zwei verstauchten und ausgekugelten Gelenken. Es gelang mir die Beinchen wieder einigermaßen gerade zu formen und in die Richtung zu biegen in die sie in die Typenhebel einschnappen sollten. Vorsichtig schob ich das erste Beinchen mit sanfter Gewalt in das dafür vorgesehen Loch im Typenarm. Es rastete scheinbar ein. Ebenso das zweite. Typengehäuse wieder in die Ursprüngliche Position runter klappen … „i“ anschlagen … „m“ anschlagen … beide kloppen auf die Schreibwalze. Schrauben festziehen … Papier einziehen … Schreiben! „klack, klack, klack, klack, sie schreibt wieder. „Yeah“ hallt es von mir aus der Küche zu meiner Frau die im Büro sitzt und unsere Steuererklärung macht. Ich hatte ihr versprochen ihr einen Liebesbrief auf der Schreibmaschine zu schreiben. Das sollte nun „sofort und unverzüglich – (Den Spruch kennt man noch aus der Zeit der Grenzöffnung von der DDR zur BRD)“ auf der DDR Erika geschehen. Einen Liebsbrief. Erste Zeile in Schwarz. Zweite Zeile in Rot. Das klappt ja super mir der Erika. „Klack, klack, klack – Klick, ein getipptes „i“ macht kein „klack“ … Sch….! Test „m“! Klick!

Wieder raus geflogen

Und wieder raus geflogen!!

 

Nach nur zwei Zeilen tippen sind beide verletzten Typen wieder aus ihrer Verankerung geflogen, und es war Essig mit dem Liebesbrief. Wir können uns sehen, ich in der Küche und meine Frau im Büro. Wir können uns auch hören. Mein Fluch über meine Misslungene Operation beider Erika-Beinchen ließ meine Frau mitfühlend aufhorchen. Sie schwieg wissend und schickte mir wohlwollende, positive Gedanken, das wusste ich. „Danke meine Liebe“

Nach einmal. Typengehäuse lösen und die Beinchen vorsichtig einhängen. Neuerlicher Schreibversuch: Wieder gescheitert! Das ganze wiederholte sich wohl an die fünf mal, und kein Liebesbrief kam zustande weil die Beinchen nach ihrer großen Verletzung Ruhe brauchen. Jeder sollte Ruhe halten und sich vorsichtig bewegen der oder die eine Verstauchung erlitten hat. Das weiß man doch sogar als medizinischer Laie! Also wurde die Erika mit ausgehängten Beinchen in den Kasten gesetzt, zugedeckt und zur Ruhe genötigt. Heilung kommt ja oft über Nacht. Den Liebesbrief schrieb ich dennoch. Mit meiner fast 110 Jahre alten Adler Modell 7. Die mit dem besonders schönem Schriftbild.

„Was von alleine kommt, geht auch von alleine“

Dieser Spruch stammt von meinen Großeltern und besagt, dass Heilung oftmals mit Medikamenten nicht schneller geschieht als ohne. Zum Beispiel eine Grippe oder eine Erkältung. Ich ließ die Erika bis zum nächsten Wochenenden in Ihrem Holzkasten ruhen. Den Holzkasten, der ebenfalls einen recht kräftigen sowie aromatischen Gestank nach Schimmel und Kellermuff verströmt habe ich vorher natürlich ebenfalls davon befreit. Nun duftet auch er wieder und glänzt zudem frisch und neuwertig, währen die Erika darin auf ihre Genesung wartet. „Klarer Fall von Selbstüberschätzung“ glaubt der geneigte Leser jetzt vielleicht. Doch es ist wirklich so! Als ich die Erika nach einer Woche aus ihrem Krankenbett, bzw., aus ihrem Krankenkasten holte strahlte sie mich förmlich an. Natürlich waren ihre Beinchen immer noch nicht wieder eingehakt. Das wäre ja auch zu schön um wahr zu sein. Nein, das was sich über den Zeitraum der Heilung änderte, und das was von allein kam nun wieder gegangen war, war ich selbst. Ich hatte meine Verbissenheit die Erika so schnell wie möglich benutzen zu können, losgelassen. Heute klappte ich das Typengehäuse hoch (meine Frau saß mir wieder in unserem Büro gegenüber), fügte die Nippel in die Lasche … äh, nein, in die Löcher, kniff dieses mal beherzt mit der Zange zu, und…. seit dem habe ich schon mehrere Seiten mit der Erika getippt. Wieder ein „Yeah“ von mir, und meine Liebste wusste das sie mir dieses mal keine besonders ermutigenden Gedanken schicken braucht. Diese „Yeah“ identifizierte sie als absolut Echt. Sie wusste schon lange vor mir, das meine OP geglückt war. Ich konnte es selbst noch nicht glauben und unterzog dem gebadeten Erika-Mädle einem Härtetest. Hat sie mit Bravour bestanden. Und in der Tat, meine Frau wusste es schon gleich, die Erika tippt und tippt.

Erika 8 1950 Schubhebel 2

Und ich bin wieder etwas mutiger, etwas talentierter, etwas erfahrener geworden um bald, ganz bald meine Meisterin zu finden. Eine Adler Modell 7, Baujahr 1924 für 10 Euro. Ein scheinbare Ruine die ich eigentlich als Ersatzteillager und vor allem Übungsobjekt für meine zwei tollen Adlerdamen angedacht hatte. Aber ersten kommt es anders, und zweitens …. Die Erika hat mich ein großes Stück weiter gebracht. Ich hoffe ich sie auch, denn als Alltagsmaschine werde ich sie wohl behalten. Vorerst jedenfalls.

Nun habe ich sie doch verkauft. Sie tut jetzt seit April 2018 ihren Dienst wieder da wo sie einst her gekommen ist, in Ostdeutschland.

01 Fertige Erika 8

Erika 8 – Fertig und Tipp-Bereit

 

© 2017 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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