Olivetti Valentine, ca. 1970 (55)

Angekommen: 23. Juli 2020 aus Prien am Chiemsee
Modell:
Herkunft: Italien / gebaut in Spanien Barcelona
Seriennummer: 2 026 019
Baujahr: 1970 ca.
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm auf eigenen Spulen
Renoviert von: Heiko Stolten im Juli 2020

Plastikbraut

Es gab eine Zeit, und das ist noch gar nicht einmal so lange her, da hatte ich im Brustton der Überzeugung behauptet:
„So eine schäbige Plastikbraut kommt mir nicht ins Haus“ !
Und das meinte ich auch wirklich ernst. Ich empfand die Olivetti Valentine beim ersten Anblick Pottenhässlich und hatte den Eindruck sie wäre eher ein zerbrechliches Kinderspielzeug als eine richtige Schreibmaschine. Ich war auf schwarze, glänzende und vor allem schwere und robuste Schreibmaschinen gepolt und nicht auf solche 70er Jahre Plastik-Pop-Tippsen. Mit der Zeit änderte sich das. Und wenn sich Lebensumstände ändern, oder wenigstens das was man darüber denkt, dann können ungeahnte Dinge möglich werden. Und so eine Möglichkeit manifestierte sich in einer Kleinanzeige.

„Coole alte Schreibmaschine mit Koffer“

So lautete es in der Überschrift dieser Anzeige. Des weiteren hieß es:
Diese Schreibmaschine ist ein Dachbodenfund aus dem Pfarrbüro. Alle Tasten noch funktionsfähig bis auf die Leertaste. Vermutlich kann ein Bastler das schnell beheben. Wer am meisten bietet, bekommt den Zuschlag. Der Erlös kommt den Bedürftigen von Prien zugute.
Auf diesem frechroten, poppigen Ding hat ein katholischer Pastor in Bayern getippt? Oder wenigstens die Schreibkraft im Pfarrbüro? Schwer vorzustellen finde ich, wo Kirche für mich immer freudlos und keineswegs Bunt daher kommt, sondern eher mit grauem und konservativen Gedankengut. Nun gut, waren die in den 70ern vielleicht doch schon moderner?

Preis „VB“ und nur Abholung. Aufgegeben wurde die Anzeige vom Katholischem Pfarramt in Prien am Chiemsee.
Nun ja, mit dem einschränkenden Wort „Abholung“ gebe ich mich ja nie zufrieden. „Versuch macht Klug“, wie man so sagt. Also versuchte ich es freundlich und hatte tatsächlich Erfolg damit. Die Antwort darauf lautete

07.07.2020
„Ich denke, unsere Sekretärinnen würden das schon hinbekommen. Die Versandkosten kämen halt dann noch dazu. Was wären Sie bereit zu zahlen/spenden? Ein Angebot liegt mir bereits vor!

Olivetti Valentine in Rot, Leertaste defekt. Mehr weiß ich bis jetzt nicht. Was soll ich bieten? Ich versuche es mal mit 50 Euro Netto, also ohne Versand. Mal sehen was passiert. Die Antwort kam erst gemächliche zwei Tage später

09.07.20, / 7:00 Uhr
Guten Morgen Herr Stolten,
damit haben Sie exakt das gleiche Angebot gemacht wie der zweite Interessent. Ich mache es jetzt so. Wer mir als erster zurückschreibt, dass er die 50 Euro plus Versandkosten übernimmt, der bekommt die Schreibmaschine!

Es ist sicherlich recht zünftig und wohl auch üblich für einen Pastor, tagsüber zögerlich und am frühen Morgen mit dem ersten Hahnenschrei zu antworten. So nach dem Motto: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Aber ich kann auch früh …

7:30 Uhr finde ich das Mail vom Pastor das bereits 30 Minuten alt ist.

Ohah, ob ich da eine Chance vertan habe? Ich schicke sofort meine Zustimmung und biete 60 Euro Brutto an.
8:00 Uhr, mit der Ansage – „Sie haben den Zuschlag“
erhalte ich 10 Minuten später den Zuschlag für die Olivetti Valentine. „Na bitte, geht doch“

Gottvertrauen

Jetzt nur noch die Formalitäten. Erstaunlich! Ich werde nach meiner Adresse gefragt und bekomme erst einmal keine Bankdaten zum überweisen des Betrags gesendet. Bald darauf wird mir die Sendungsnummer per Foto mitgeteilt. Ich habe nach bereits zweimaliger Anfrage noch immer keine Bankdaten bekommen. Die Valentine ist unterwegs zu mir, das sehe ich an der Sendungsverfolgung, und ich habe noch nichts überweisen können. Das nenne ich mal Gottvertrauen! Nach 2 Tagen bekomme ich dann doch aus dem Sekretariat eine IBAN Nummer geschickt. Am selben Tag nach Feierabend steht die Valentine bereits in der Schreibstube. Das habe ich so auch noch nicht erlebt.

Ankunft in der Schreibstube

Am 23. Juli trudelt die Italienerin, die sich kurz darauf als eine rote Spanierin entpuppt, in Krempe ein. Und – verdammich noch eins – es klötert und kollert (uuuaaaah, was ist das?) verdächtig im Koffer. Ich ziehe die Rote aus ihrem Tornister und …

Am Tag der Ankunft. Der Wagen hängt lose auf Halb Acht. Hier habe ich ihn bereits abgenommen und die Signorita entblößt, um nach dem Fehler zu suchen.

Vier silberne Kugeln rollen mir aus selbigem entgegen. Ich ahne es bereits, es sich die Kugeln des Schlittens auf denen er rollt. Zudem liegt der Schlitten auch nur lose, nur noch mit der gespannten Aufzugschnur mit der Maschine verbunden, auf ihr. Der wäre mir beinahe entgegen gepurzelt. Unten im Koffer finde ich zwei Zahnradleisten in die diese vier losen Kugeln hinein gehören. Die Kugellagerschinen für den Schlitten.
„Shit Frau Schmitt“, denke ich.
Der Pfarrer hat wohl den Schlitten für die angeblich defekte Leertaste gehalten. Naja, wenigstens sind die Teile mit dabei, unversehrt und nicht verloren gegangen. Schnell einsetzten und … Unversehrt??

Der Übeltäter. Der oberen Wagenschiene fehlen einige Zahnräder.

Ersatzteile suchen

Beim zweiten Hinsehen wird noch mehr von „Shit Frau Schmitt“ offenbar. Das Zahnrädchen auf einer der beiden Wagenschienen ist defekt. Es fehlen ein paar Zähne. Das hatte ich zunächst nicht bemerkt. So läuft das leider ganz und gar nicht rund, denn der Wagen stoppt mehrfach.
Oh, oh, ob ich dafür Ersatz bekomme?

Eine Anfrage in der Schreibmaschinen-Gruppe verläuft, ich hab’s bereits geahnt, Ergebnislos. Hier habe ich bisher noch keine Ersatzteile bekommen können. Aber man kann’s ja mal versuchen.

Erst eine zweite Anfrage, tags darauf beim I.F.H.B. wird von Erfolg gekrönt. Eine Olivetti Dora soll geschlachtet werden, und deren Teile sind, wie mir gesagt wird, mit der Valentine identisch. Wusste ich auch noch nicht.Nun bin ich sogar wieder etwas schlauer geworden.

Boah ey, was für ein Einsatz, baut doch der Kollege die Teile sofort aus. Drei Tage später liegen die beiden Schienen in meinem Briefkasten, und noch eine Stunde später (ich habe so etwas ja noch nie gemacht) gleitet der Wagen wieder federleicht hin und her und die Valentine schreibt wieder. Ich bin hellauf begeistert von diesem I.F.H.B. und den lieben Kollegen. Danke Matias R.

Jetzt brauche ich die Valentine nur noch ein wenig zu reinigen, und flugs ist sie wieder fast wie Neu. Ach das tat gut, heute habe ich das bei sommerlichen Temperaturen im Garten gemacht.
Hat aber auch seine Vorteile eine Schreibmaschine aus einem Pfarrbüro zu kaufen. Zumindest was die Reinlichkeit betrifft. Kein Nikotinfilm, keine Patina, nur ein wenig, also sehr wenig Staub. Im Grunde, bis auf ein paar kleine Kratzer ist sie so gut wie Neuwertig. Selbst die Gummihalterungen am und im Koffer sind weich und elastisch. Die sind ja bei vielen Valentines bereits durch Verhärtung defekt oder gebrochen.

Etwas zur Valentine

Sie kam im Februar 1969 auf den Markt, und zwar am Valentinstag, und wurde von vorn herein ganz anders beworben als jede andere herkömmliche Schreibmaschine bisher.
Die Werbekampagnen waren bunt, poppig und dem Zeitgeist der 68er Generation angepasst. Sie wurde unter anderem als eine sogenannte „Anti-Schreibmaschine“ bezeichnet die „Überall und an jedem Ort, nur nicht im Büro“ eingesetzt werden solle. Man könne mit ihr lieber beim Sonntags-Piknik Gedichte im Freien schreiben oder sich am Strand seinem Roman widmen. Die Valentine sollte niemals während einer eintönigen Arbeitszeit im Büro verwendet werden. Toll wäre es auch sie als ein poppig, buntes Accessoire in einem Studio Apartment zu präsentieren. Ja, warum nicht!

1969 war das ein futuristisches Design. Mich erinnert es heute eher an einen Aktenvernichter. Aber doch, das Design hat etwas besonderes.

Hier wurden gezielt junge Leute angesprochen, Künstler, Studenten und Intellektuelle. Und das zeigte Wirkung, denn bald darauf schrieb David Bowie (einer meiner Jugend-Helden) einige seiner Songtexte auf der Valentine. Ebenso hatte Liz Taylor und Richard Burton eine. Es gibt dieses Foto wie Liz und Richard aus einem Flugzeug steigen und Richard eine Valentine trägt. Es galt als cool eine Valentine in ihrem roten Koffer durch die Gegend zu tragen. Sie gilt als Meilenstein des Industriedesigns, daher besitzen nahezu alle wichtigen Designsammlungen Exemplare von ihr, und seit 1972 auch das Museum of modern Art in New York.
Und seit 2020 auch ich, also die Schreibstube Krempe of modern typewriter-art. 🙂

Die Sache mit der Seriennummer und dem Baujahr

Offensichtlich hat Olivetti hier, so wie mit der Valentine selbst, denn es gibt sie noch in Blau, Grün, Weiß und Grau, in die bunte Kiste der Seriennummern gegriffen. Oder steckt da ein System hinter? Bisher ist keines zu erkennen.
Die Valentine wurde zuerst in Italien hergestellt, kurz darauf in Spanien, während die letzten Exemplare aus Mexiko kamen. Die ersten Modelle hatten „angeblich“, hier herrscht keine wirklich Klarheit, kleine orange Farbbandkappen (so wie diese hier) und keine zwei Höcker (so wie diese hier) auf den Korpus über der Tastatur. Die zwei Höcker verbesserten den Einschub in den Koffer. Demnach sollte diese Olivetti Valentine eine frühe Version sein. Spätere Valentines hatten große Farbbandkappen und diese zwei Höcker.

Angeblich beginnen die Seriennummer der in Italien hergestellten Maschine mit einer „3“, die in Spanien hergestellten mit einer „5“. Nun habe ich eine in Spanien / Barcelona hergestellte mit einer Seriennummer die mit „2“ beginnt.

Sehr merkwürdig alles. Nächster Punkt wäre, das Valentine’s ohne Tabulator ein „S“ angehängt bekamen, also Valentine-S (Standard?) hießen. Meine hat aber weder einen Tabulator noch trägt sie ein „S“ in ihrem Namen. Möglich wäre noch, das meine Valentine einst einen neuen, einen spanischen Koffer bekam, sie aber tatsächlich eine italienische Valentine ist. Es ist jedoch zur Zeit nicht ersichtlich welche Seriennumer zu welchem Baujahr und zu welchen Produktionsort gehört. Es sind bei den Kollegen vom I.F.H.B. Valentines bekannt die spanischem Ursprungs sind und deren Seriennummer mit einer „5“ beginnt.

Jedenfalls hat diese, also meine Valentine, den Anstoß dazu geben das wir, die Sammler die im I.F.H.B organisiert sind., beginnen wollen die verzwickte Sache aufzuklären. Ich bin gespannt ob wir da etwas aufdecken können. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Sie schreibt wieder

Das Zeitraubendste bei der Wiederindieststellung dieser Valentine war die Post. Drei Tage waren die Ersatzteile durch Deutschland zu mir unterwegs. Da kann man schon mal kleine Dellen in die Tischplatte dengeln weil man vor lauter Ungeduld mit allen fünf Fingern auf selbiger herum klopft.
Das Einsetzten der Teile selbst ging erstaunlich schnell, obwohl ich das noch nie gemacht hatte. Nun noch die Aufzugschnur spannen, und dann kann’s auch schon los gehen.

Erstaunlich, ganz erstaunlich wie sanft und weich der Anschlag ist. Ich brauche kaum Kraft um einen blitzsauberen Buchstaben zu tippen. Das hätte ich jetzt nicht von einer Plastikbraut erwartet. Okay, die Mechanik sieht etwas zerbrechlich aus. Das scheint sie aber nicht zu sein, denn das Schreibgefühl ist toll. Die Valentine ist ungewöhnlich gut austariert.
Dagegen nehmen sich meine anderen Kleinschreibmaschinen fast wie behäbige Büro Dinosauerier aus. Dagegen ist eine Olympia SM, eine Splendid oder eine Triumph Tippa, obwohl die auch sehr schön schreiben, wahrlich behäbig und um einiges schwer gängiger. Einzig wäre die Valentine noch vom Schreibgefühl her mit einer Hermes Baby zu vergleichen. Und das findet gleich auch meine Frau heraus.
Als ich ihr die Valentine erstmalig und wieder Einsatzbereit präsentiere ist sie, ich ahnte es bereits, sofort geflasht und Schockverliebt.

Klares Schriftbild.

„Boah ist die schön“ sagt sie und Federleicht ist die hübsche, und sieht ja wirklich umwerfend aus. Sie meint das wäre jetzt die schönste. Sie erwähnt vielsagend grinsend, dass sie ihre Hermes Baby, die für Unterwegs gedacht ist, und die nun im Wohnmobil weilt, wohl gegen die Olivetti Valentine austauschen könnte??? Klimper, klimper….
Ja klar, warum nicht! Wie gesagt, ich ahnte es ja bereits. Männer, so bekommt ihr eure Herzdamen dazu auch auf Schreibmaschinen zu stehen. Einfach mal eine Popart Maschine kaufen.

Fazit

Alles in allem ist die Valentine eine Schreibmaschine die mich in vielerlei Hinsicht eines besseren belehrt hat.
1.) Pop-Art Schreibmaschinen können auch in katholischen Pfarrbüros eingesetzt gewesen sein.
2.) Plastikmaschinen müssen nicht zwingend klapperig sein.
3.) Plastikmaschinen können auch schön sein.

© 2020 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

2 Gedanken zu “Olivetti Valentine, ca. 1970 (55)

  1. Guten Tag,
    alles seltsam. Ich besitze eine Valentine S in rot mit der Seriennummer 7721359 mit dem Hinweis „Barcelona-Spain“. ich kann mich erinnern, das es eine rote Taste an der rechten Seite gab – irgenbdiw verschwunden. Ich weiss auch nicht, wozu diese Taste diente.

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    • Ich gehe, nachdem ich nun auch eine Olivetti Valentine mit einer roten Taste besitze, dass hiermit der Tabulator bedient wird. Mit der links oben befindlichen Taste gesetzt. Aber näheres könnte immerhin eine Bedienungsanleitung bringen.

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