Adler Modell 7, Bj. 1920 (2)

Abgeholt: November 2017 in Bönningstedt
Modell: Adler 7
Herkunft: Deutschland, Frankfurt
Seriennummer: 258070
Baujahr: 1920
Mechanik: Stoßstangen
Farbband: 25 mm auf Sonderspulen
Renoviert von: Heiko Stolten im November 2017

Meine 2. Wiederbelebung
Eine Adler mit Geschichte

Wiederbelebung ist mehr als weit übertreiben, denn das einzige was ich an dieser Maschine machen musste war Folgendes: Der Mechanismus für die Glocke, die das Ende des Zeile, Beziehungsweise den kommenden Zeilenwechsel mit einem feinem „Pinnng“ signalisiert, war außer Funktion gesetzt. Der Vorbesitzer war möglicherweise davon genervt oder hatte andere Gründe dieses liebliche „Pinnng“ nicht mehr hören zu wollen. Der winzige Hebel war jedenfalls verdreht. Nicht weil die Schraube gelockert war. Nein die saß fest verankert, aber so angezogen, dass ein „Pinnng“ unmöglich war. Wer weiß, vielleicht war einst eine Reparatur notwendig und dieses Nippel wurde verkehrt herum wieder verschraubt. Ich habe die Adler nicht wiederbelebt, sie war und ist quicklebendig, sie hat mich mit ihrem Charme energetisiert.

Adler 7 1920 Seitenasicht offen 2
Das „Pinnng“ ist wieder aktiv

Wie die Adler zu
mir kam

Wieder über diese Kleinanzeigen Börse im Internet. Ich wollte eine 2. Schreibmaschine ergattern, am liebsten wieder kostenlos, so wie die Olympia Simplex. Die Simplex ist ja nun vollendet und mit ihr schreibe ich bereits. Durch die liebe Olympia hatte ich, wie man sagt, Blut geleckt, und mein Schreibmaschinen-Yoga fehlte mir bereits nach kurzer Zeit durch ihre wieder in Dienst Stellung. Es sollte wieder eine Schreibmaschine sein die ich nach Herzenslust auseinander nehmen kann. Eine zum entrosten, entstauben, zum reinigen, polieren und wieder zusammen setzten. Und eine mit der ich anschließend wieder schreiben kann. Also eine die anschließend benutzt wird und nicht als Deko zum vorzeigen historischem Büroinventars schweigsam in einer Vitrine ihr Dasein fristet.
Einen besonderen Typ hatte ich nicht vor Augen, dafür hatte ich noch zu wenig Ahnung von den verschiedenen Typen. Aber so eine schwere, massive und gewichtige fände ich schön. So ein richtiges Monstrum aus Eisen, Stahl und Chrom. Am besten eine in die man hinein sehen kann und wo man die Mechanik bei der Arbeit beobachten kann.

Warum so ein eisernes Kontor Denkmal?

Als etwa 12 oder 13 Jähriger Teenie, Anfang der 1970er Jahre hatte ich mal so ein gewichtiges Schlachtschiff zusammen mit meinem Vater auf dem Sperrmüll gefunden. Gefühlt wog der Schreibmaschinen-Dino einen Zentner. Damals in den 70ern war alles Antike irgendwie Schrott und musste dem schnörkellosem aber quitschbunten Zeitgeist der 70er angepasst werden. Und Schwarz war auch absolut „out“. Selbst die schwarzen Taxis wurden Weiß. Mein Vater reinigte das Ungetüm, malte es rot an und wir hatten eine antike Schreibmaschine im Stil der 1970er. Fehlten eigentlich nur noch die Prilblumen darauf.

Dieses Ungetüm kam mir wieder in den Sinn, denn das Biest war bisher meine einzige direkte Begegnung mit einer manuellen Schreibmaschine. Tastaturen sowie das Tippen auf einer selbigen wurden mir erst wieder Ende der 1980er Jahre Bewusst. Als die ersten bezahlbaren, man nannte das noch Personal -oder Home Computer, auf den Mark kamen. Ab 1990 begann dann auch der Siegeszug des PC’s in meinem Beruf und wir legten unser Handwerkszeug beiseite und nannten uns nun nicht mehr Lithografen sondern Grafiker oder Mediengestalter. Seit dem tippe ich, und das bis heute, wie ein Wilder auf allen möglichen Computertastaturen – beruflich sowie privat.

Die Adler Modell 7
kommt langsam aber gewaltig

So ganz klar war ich mir, wie gesagt noch nicht, welches Schreibmaschinenmodell für mich das kommende sein sollte. Und so sah ich mir die Angebote und Fotos im Umkreis von 30 Kilometern um meinen Wohnort an. „50er Jahre Krempel“, „Zu teuer“ „Sieht nach Plastikgehäuse aus“, dann tauchte da eine kuriose Maschine auf, die nicht einmal nach Schreibmaschine aussah, eine AEG Mignon. Sieht aus wie ein eisernes Ouija-Brett, aber nicht wie eine Schreibmaschine. Was bitte soll das sein? Ohne Tastatur? Nur ein Zeiger auf einem Buchstabentableau?! Nichts für mich dachte ich – Aber nicht für lange, das wusste ich nur noch nicht! Was das für ein Teil ist, recherchiere ich später, dachte ich. Ich musste erst einmal…. weiter scrollen …

„Halt Stop“ … Was ist da für ein wunderschönes Teil an mir vorbei geflitzt, bzw. gescrollt. Noch einmal zurück bitte! Und da tauchte sie von unten kommend wieder auf dem Display meines Tablets auf!

Adler 7 1920 offen von oben geschlossen2

So kam sie zu mir

So eine Hübsche habe ich ja noch nie gesehen. Boah, glänzend schwarz mit goldenen Logo und geschwungenen Buchstaben, flach wie eine Flunder und dennoch irgendwie bullig. Und das Design … einfach wunderschön! Mit viel Chrom drum herum und herrliche Umschalter, ebenfalls im glänzenden Chrom an den Außenseiten. Dagegen sehen die Adlermaschinen der 50er und 60er Jahre aus wie steife, am Arbeitsleben ergraue Bürovorstehrinnen.

„Adler“ prangte in großen goldenen Lettern auf dem geschwungenen Deckel. Ja die wäre der Hammer! Und keine 8 Kilometer von mir entfernt, im Nachbarort, sozusagen um die Ecke. Dazu ein dunkler Holzkasten mit genau dem selben goldenen Adler-Logo und dem Schriftzug. Das war Liebe auf dem ersten Blick! Die oder keine war mein erster Gedanke.

Adler 7 1920 Schriftzug Mod 7

Ich vergaß völlig, dass ich eigentlich eine Maschine zum restaurieren, also für mein Schreibmaschinen-Yoga haben wollte. Diese hier war auf den ersten Blick in einem perfekten Zustand. Der Verkäufer hatte 79 Euro Verhandlungsbasis für das Prunkstück veranschlagt. Er schrieb in seinem Anzeigentext, dass der Holzkasten nicht mehr tadellos wäre, weil er im 2. Weltkrieg durch einen Bombensplitter beschädigt wurde und das er irgendwo aus diesem Grund ein Loch hätte, was man im Foto nicht sehen konnte. Hat er wohl geschickt verbergen wollen, der Lümmel. Dann schrieb er weiter, dass die Maschine ca. 14 Kilo wiegen würde und dem Holzkasten das Schloss samt Schlüssel fehlen würde und das Farbband zwar Original, aber vertrocknet wäre. Alles Minuspunkte die ich in meine Verhandlung, denn der Preis war eindeutig als Verhandlungsbasis deklariert, mit einbeziehen würde. Ach ja, und der Verkäufer wollte die Maschine keinesfalls per Paketdienst verschicken, sondern nur an einen Selbstabholer abgeben.
Da war ich örtlich betrachtet ja schon mal klar im Vorteil. Zumindest gegenüber möglichen, potentiellem Mitbewerbern aus Flensburg oder München. Aber 79 Euro? Das war für einen Anfänger wie mich, der ja nur Schreibmaschinen Yoga betreiben möchte und dazu die „Zu Verschenken“ Annoncen durchforstete, viel Geld. Naja, Verhandlungsbasis … und ich war verliebt … und … Ich schreib dem Inserenten das man Heutzutage ja eine Schreibmaschine nicht wirklich brauchen könne, ich aber genau diese Maschine einfach nur schön fände, und was er davon hielte wenn ich ihm 30 Euro dafür anbieten würde. Ganz schön dreist von mir, dachte ich.

Warten …!

Ich starrte wie gebannt auf meinen Monitor, ob wohl prompt eine Antwort des Inserenten bei mir rot aufblitzen würde in der er vielleicht schimpfend meine Dreistigkeit anprangern würde? Heute ist ja fast jeder per Smartphone online und bekommt sofort per „Ping“ die Mitteilung. Aber nichts dergleichen geschah, außer … Schweigen! Eine Stunde später … immer noch Schweigen! Ich wurde schon ganz hippelig. Das Schweigen wurde unerträglich laut für mich. Ich sah mich jetzt auch außerhalb der „Zu verschenken“ Annoncen um. Triumph, Underwood, eine unbezahlbare Blickensderfer, eine völlig verrostete Continental, Olympias (so eine hatte ich ja schon), Adler aller Sorten, Mignon … von Schrott bis historisch Wertvoll war alles dabei. Im Grunde wollte ich aber nur diese eine Adler haben. Warum meldet sich der Kerl denn nicht? Sollte ich ihm ein besseres Angebot machen? Nach wie vor Schweigen! Und dabei blieb es auch für den ganzen Tag.

Am nächsten Abend erst kam eine Antwort: „Ich musste mir das reiflich überlegen“, schreib der Inserent, aber für 45 Euro würde er mir die Maschine überlassen. „Wann soll ich wohin kommen? Ich könne innerhalb von 30 Minuten nach Feierabend um 16 Uhr bei ihm sein, schrieb ich zurück. Jetzt kam die Antwort mit nur noch zwei Stunden Verzögerung, und ich brannte diese 120 Minuten innerlich vor Aufregung, starrend auf meinen PC Monitor. Dann die erlösende Adresse per Antwortschreiben und das er mich um 16:30 Uhr zu meinem vorgeschlagenen Termin erwarten würde. „Bingo“ mein Junge, du hast es gepackt, dachte ich bei mir und freute mich wie ein Kind. Am nächsten Morgen zur Arbeit. Die acht Stunden wurden für mich zu einer Tortur des Wartens. Zwischendurch habe ich immer mal wieder gecheckt, ob die Anzeige noch online ist und ob der Besucherzähler sich erhöht hatte. Komisch, für diese Maschine interessierte sich nach mir keine Menschenseele mehr, wie der Besucherzähler mir bestätigte.

Wir finden uns – Die Adler und ich

16:30 Uhr. Pünklich wie die Maurer klingelte ich an der Tür des Inserenten. Ein freundlicher, älterer Herr, geschätzt in den 70ern, öffnete mir und bat mich hinein. Und da stand sie endlich vor mir, die Adler Modell 7 auf dem Küchentisch und gleich daneben der besagte Holzkasten mit seiner kleinen Beschädigung. Eine absolute Augenweide. Die Maschine sah aus wie gerade um 1920 gekauft. Einziger Makel: Die „L“ Taste ist wohl einmal feucht geworden und sieht milchig verschwommen aus. Ansonsten glänzt und funkelt die Maschine so als wäre sie nur sehr selten benutzt worden und äußerst pfleglich behandelt worden. Kein Rost, keine Patina und außergewöhnlich wenig Gebrauchsspuren für eine fast 100 Jahre alte Dame. Selbst jetzt, wo ich mich schon etwas besser auskenne, habe ich noch keine vergleichbar perfekt aussehende Maschine zu solch einem „Inflationspreis“ gefunden. Wir haben uns gesucht und gefunden, der Verkäufer und ich, soviel ist klar! Zufälle gibt es nicht!

Eine Adler mit Geschichte

Der Inserent erzählte es würde sich um ein Familienerbstück handeln. Sein Großvater hätte auf dieser Maschine seine selbst verfassten Gedichte geschrieben, und er hätte sie sich damals neu gekauft. Ich habe mal recherchiert. Diese Maschine hat in ihrer Blütezeit um 300 Reichsmark gekostet, was in etwa einem heutigen Wert von 1.500 Euro entspricht. Ich hoffe ich habe richtig recherchiert. Demnach war diese Maschine einmal sündhaft teuer und wohl ein richtiger Luxusartikel. Nun sei es Zeit, sagte der Herr, die Maschine in gute Hände weiter zu geben, und bei mir hätte er ein gutes Gefühl. Deswegen auch sein langes zögern und sein hoher Preisnachlass, er wollte spüren ob ich der richtige Nachfolger für das Schätzchen seines Großvaters wäre. Er erzählte mir noch von besagter Bombennacht in welcher der Holzkasten beschädigt wurde.

Adler 7 1920 Kasten Bombensplitter

Die Beschädigung am Holzkasten aus einer Bombenacht des 2. Weltkriegs

Ein kleines Loch an der hinteren, linken Seite. Ich versprach ihm das so zu belassen, und die Maschine in ehren zu halten, und vor allem, und das war ihm wichtig, damit zu schreiben. Was ich natürlich seit dem auch tue und ihm gerne versprochen habe. Jetzt habe ich eine Schreibmaschine mit Geschichte. Das ist bei so einem alten Teil, es ist laut Fertigungsnummer Baujahr 1920, etwas besonderes, denke ich. Das mit dem schreiben gestaltete sich dann doch etwas knifflig. Mit dem Rostlöser, den Tipp bekam ich aus dem Internet, konnte ich das Farbband zwar wieder reaktivieren, aber die Tastatur der lieblichen Adler ist eine Herausforderung für einen PC-Tastatur-Gewohnten wie mich. Keine Umlaute wie Ä, Ö und Ü, kein „ß“ und viele Tasten sind dreifach belegt. Nicht nur das, sondern es gibt nur drei Tastenreihen. Gesteuert werden sie mit den Seitlichen Hebeln, die wiederum jeder für sich zwei unterschiedliche Einstellmöglichkeiten haben.
Fazit: Ich muss das neu lernen.

Adler 7 1920 Tastatur
Gewöhnungsbedürftige Tastatur ohne Umlaute und ohne „ß“ und ohne Umlaute
Adler 7 1920 Seitenansicht offen
Glänzende Innenansicht
Adler 7 1920 offen von oben2
Tolle Ansicht der Typenstangen, wenn man die zwei Zierschrauben am Deckel löst. Hier kann man sogar einfach die gesamten Typen entfernen und durch eine andere Schriftart einsetzen.

Alle  Fotos zeigen die Adler so wie ich sie bekommen habe. Ich habe sie anschließend nur mit Druckluft durchgeblasen und das Gehäuse geputzt. Mehr nicht!

August 2018:

Nun habe ich sie doch noch verkauft. Ohne Umlaute ist eine Schreibmaschine einfach nicht geschmeidig genug zu beschreiben, wenn sie auch noch so schön ist. Das ahnte ich nicht, als ich sie kaufte. Allerdings habe ich den Holzkasten behalten und den schönen Deckel gegen einen ausgetauscht der nicht mehr ganz so schön ist. Die Geldbörse der Käuferin ließ keine größeren Sprünge zu, und die Schreibmaschine soll in Zukunft als Dekoration benutzt werden!

© 2017 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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