RUF Buchungsmaschine, ca. 1931 (60)

Abgeholt: Oktober 2020 in Hamburg St. Pauli
Modell: RUF, modifizierte Hermes 3
Herkunft: Schweiz
Seriennummer: R 7926
Baujahr: 1931
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm, Din 2103 Spulen
Restauriert von: Heiko Stolten im Oktober 2020

Im „fast“ fertigem Zustand.

Was ist eine RUF?

Auffälligstes Merkmal der RUF Schreibmaschine ist der Schriftzug und die beiden weißen Hämmer auf rotem Dreieck, die die RUF für mich auf dem ersten Blick wie eine Büro-Schreibmaschine einer Zeche aus dem Ruhrpott aussehen lassen. So eine „Glück Auf“ Maschine vielleicht. Ist sie aber ganz und gar nicht, denn sie stammt aus der Schweiz und in ihr verbirgt sich, und das ist allerdings gut sichtbar, eine Hermes Standard 3.

Aus der Hermes wurde bei der Firma RUF eine Buchungsmaschine modifiziert, und diese sind heute nicht mehr ganz so oft anzutreffen. Ich habe sie im Grunde nur aus diesen Aspekt heraus gekauft, und nicht weil sie mir auf Anhieb so blendend gut gefällt. Ich finde sie sieht bieder und unspektakulär aus. Was sich aber beim näheren hinsehen, und besonders anhand ihrer Mechanik relativiert.

Dieses Exemplar wurde nach seiner Dienstzeit als Buchungsmaschine wieder zu einer normalen Schreibmaschine ohne Buchungsfunktion zurück gebaut, also wieder zur einer Hermes 3, allerdings mit RUF Schriftzug. Das war übliche Praxis. Als Buchungsmaschine hatte sie eine linierte Schreibwalze und eine obere Walzenleiste zum halten der Formularbogen.

Der Ruf der RUF

Dieser Ruf ereilte mich am 18.10.2020 und zwar direkt per Foto aus einer Anzeigenbörse heraus. Vor kurzen wurde genau so eine auf den Seiten des I.F.H.B. vorgestellt. Und so war ich für dieses Modell schon einmal sensibilisiert, welches ich sonst wohl wegen der „normalen“ Optik durchaus übersehen hätte. Sie ist einer Adler 31 oder der Triumph 10 nicht ganz unähnlich, mechanisch jedoch anders konstruiert.

„Schreibmaschine von RUF. (Vermutlich aus den 1930er Jahren) Funktioniert einwandfrei,
sollte aber gereinigt werden“.

So stand es zusammen mit einigen Fotos in der Anzeigenbörse geschrieben. Der geforderte Preis war sehr moderat, die Entfernung ebenso, so das ich den Vorteil des selbst Abholen anbieten konnte.

Das Foto der Anzeige. Hier noch mit falsch herum eingelegtem Farbband und den falschen Spulen.

Der Standort Hamburg St. Pauli, ist für mich innerhalb kurzer Zeit gut zu erreichen, und der Verkäufer ist, wie ich gehofft hatte, bereitwillig darauf eingegangen mich genau deswegen zu favorisieren. So braucht er das schwere Geschütz nicht zu verpacken und versenden.

Abholen in Hamburg

Freitag nach Feierabend, so die erste Verabredung, soll ich um 16 Uhr in Hamburg St. Pauli sein. Das passt!
Das was aber ganz und gar nicht passt ist dieses mal, man höre und staune, mein kleines Auto. Es passt nicht in den üblichen 14 Kilometer langen Feierabend Stau, beginnend in Hamburg Schnelsen bis hin zum Elbtunnel und darüber hinaus. Ich müsste zwar nur bis Hamburg Stellingen fahren, würde also die A7 vor dem Elbtunnel verlassen, hätte aber laut Verkehrsnachrichten immer noch 45 Minuten mehr Zeit einzukalkulieren. Nee, das ist es mir nicht wert, das schaffe ich auch nicht pünktlich.
Ich schrieb das dem Verkäufer der bereitwillig Morgen, also Samstag um 9 Uhr vorschlug. Perfekt für uns Frühaufsteher. Mittlerweile war die Anzeige auch schon mit dem Status „Verkauft“ versehen. Ich brauchte also keine wirkliche Eile an den Tag legen.

Samstgmorgen, 8:50 Uhr hatte ich die RUF bereits aus der dritten Etage (Ohne Fahrstuhl) herunter gewuchtet und ihr den üblichen Platz auf dem Beifahrersitz angeboten. So wie jede Schreibmaschinen vor ihr die ich persönlich abholte darf auch sie hier Platz nehmen.

Das erste Foto im Urzustand, so wie ich sie bekommen habe.

Vorausgegangen war eine kurze und schmerzlose Übergabe. Wir leben noch immer im Corona-Hick-Hack. Also machen wir ein maskiertes Zack, Zack – Geld gegen Maschine – und ab zum Auto!

„Moin Dicke, wollen wir nach hause fahren“?
Sie scheint’s zu begrüßen und wir ziehen, als wir nebeneinander im Auto sitzen, imaginär und Augenzwinkerns unsere Hüte zur gegenseitigen Begrüßung. Und schon geht’s los in Richtung Schreibstube Krempe.

Die „Dicke“, soviel ist klar, wird mir jedenfalls keinen grausamen, grauen Staubfleck, so wie ihre Vorgängerin, dieses Ferkel einer verkommenen Woodstock, auf dem Polster hinterlassen. Die RUF ist wesentlich reinlicher, geruchsfrei und zudem, wie es scheint, vollkommen funktionsfähig. Bei jeder Bodenwelle pingt sogar die Glocke. Die Glocke ist also auch intakt, spiegelt aber auch den desolaten Zustand unserer Straßen wieder, so oft wie es pingt. Ich war in den 1990ern mal in der ehemaligen DDR, da wäre die Glocke zerschlagen worden. Klingt aber gut!

Erste Inspektion

So wie alle vor ihr wird auch die RUF sofort und ohne Umwege in die Werkstatt getragen damit sie nicht irgendwelchen „Fremd-Dreck“ in unseren Wohnräumen verteilt. Das wäre es auch schon fürs Erste, ich habe keine Lust! Erste Fotos von ihr im Fundzustand mache ich aber wie immer sofort.
Erst am Dienstag darauf komme ich wieder zu ihr. Sie hat sich bereits hoffentlich, und das im Kreise ihrer neuen Schwestern, an ihre neue Umgebung in der Schreibstube gewöhnt, denn nun geht es ihr an den Kragen. Sie wird entblößt.

Das wird schon noch werden. Ganz sicher!

Ich nehme ihr den Wagen ab, entferne die Seitenbleche, die Farbbandhalterungen und die Typenhebelauflage. Das geht bemerkenswert schnell, und so kann ich nach wenigen Minuten schon in ihr Innerstes blicken.

Auch das wird wieder schön werden. ganz sicher!

Mit dem Staubsauger komme ich nun sehr schön und ohne viel Behinderungen an die wirklich wichtigen Stellen heran. Der Staub ist ungewöhnlich schnell entfernt, und so steht sie bereits bald danach grob gereinigt vor mir.

Erste Diagnose

Sie ist für ihr Alter eine halbwegs gepflegte Erscheinung. Ablagerungen auf den Metallteilen lassen sich einfach weg putzen. Da kommt schnell der alte Glanz wieder hervor.
Leider ist ein Tabulatorheber abgebrochen. Man kann zur Zeit die Tabs nicht per Knopfdruck setzen, dass muss vorerst per Hand geschehen. Die Funktion dafür die Tabs zu lösen ist intakt.

Mächtig viele Tabulatoren. Die linke Tab-Stoßstange ist im oberen Bereich abgebrochen. Da muss Ersatz her!

Einen ersten Schreibtest hatte es Samstag schon gegeben, mit dem Ergebnis, dass die Großbuchstaben nachjustiert werden müssen. Das alte, zwar noch funktionierende Farbband flog gleich danach in den Müll. Das ist bei mir so üblich. Ich will auf diese Weise verhindern das so wenig Dreck und Mief wie nur irgend möglich von den Vorbesitzern übrig bleibt. Und Farbbänder aus Baumwolle nehmen schnell alle möglichen Gerüche an. Besonders den von Schimmel.
Der Lack ist nach einer probeweisen Politur an ihrem Hinterteil sehr schön glänzend geworden. Der ist also auch sehr gut erhalten geblieben und einfach putzbar. Genau so wie der schöne Schriftzug, der beinahe unbeschädigt ist.

Die RUF spricht

Von nun an geht es recht schnell. Die RUF wurde scheinbar in ihrem vorigem Leben gut gepflegt und ist somit unter ihrer Alterspatina sehr gut erhalten geblieben. In nur vier Stunden kann ich Ihren Körper, vorerst ohne den Wagen, wieder auf Hochglanz bringen dass ich sagen kann kann: „Die sieht wieder richtig gut aus“.

Alle Teile lassen sich Kinderleicht entfernen, putzen und wieder einbauen. Sehr schön durchdacht die Konstruktion der RUF, oder besser gesagt der Hermes 2. Diese geniale Konstruktion verdient wirklich Respekt, und die RUF/Hermes steigt in meiner Achtung. Ich glaube ich beginne sie zu mögen. Da ist so etwas wie ein Zwiegespräch zwischen uns entstanden. Wie ich ja immer sage, wenn eine Tippse beginnt mit mir zu sprechen, dann ist etwas besonderes am Werk.

Auf dem Highway der schnellen Wiederindienststellung

Da kann man wirklich von einem „Schnellschuss“ sprechen. Die RUF ist in Sachen Wiederindienststellung eine wahre Rennmaschine. Maschine und der Wagen sind nach etwa sechs Stunden wieder sauber und Top Fit.

Sieht doch wieder schön propper aus, oder?

Das einzige was jetzt noch zum ersten Schreibtest fehlt ist die Tastatur. Die muss noch geputzt werden, was aber auch recht einfach sein sollte. Ja klar, und ein neues Farbband. Wenn sie gut schreibt bekommt sie ein Blau-Rotes eingelegt. Wenn nicht ein schwarzes. Schau wir mal!

Die Tabulatorleiste:
Ich habe mich entschlossen sie zu demontieren um sie auseinander nehmen zu können. Anders kann ich sie nicht sinnvoll auf Hochglanz bringen.

Die Tabulatorleiste ist schon wieder poliert. Die Reiter nicht

Eine schöne Fummelarbeit habe ich mir damit aber eingehandelt. Alle Reiter müssen, neben der Leiste selbst natürlich, einzeln poliert werden. 98 Stück in Handarbeit. Na dann mal viel Spaß. Einer ist schon fertig und steckt bereits wieder in der Leiste.

Sobald die Tastatur wieder so sauber ist dass ich sie benutzen möchte, die Tabulatorleiste fertig ist, sie auch wieder zusammen gesetzt und montiert ist, gibt es hier die endgültigen Fotos zu sehen.

Fertig

Wieder mit passenden Farbbandspulen und Blitzblanker Tastatur

Am 14 November 2020 habe ich sie endgültig fertig gestellt. Jetzt fehlen ihr nur noch ein paar Kleinteile die aber zum Schreiben nicht wirklich wichtig sind. Also auf zu ersten Schreibtest. Papier einziehen, Randsteller eingestellt, „ratsch“, den Wagen nach rechts schieben und los geht es. Perfekt! Sie tippt richtig schön smooth und klingt gedämpft unaufdringlich. Toll!

Mit 98 Tabulator-Steckern könnte die RUF praktisch nach jedem Leerschritt einen Tabulatorsprung machen. Der Mächtigste Tabulator den ich je gesehen habe. Die wieder auf Hochglanz zu polieren war eine echte Mammutaufgabe.

© 2020 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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