Adler Modell 7, Bj. 1909-Kursivschrift (4)

Abgeholt: Dezember 2017 in Lübeck
Modell: 7
Herkunft: Deutschland, Frankfurt
Seriennummer: 58635
Baujahr: 1909
Mechanik: Stoßstangen
Farbband: 25 mm auf Extraspulen
Renoviert von: Heiko Stolten im Dezember 2017

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Meine 4. Wiederbelebung
(Eine Reparatur die 11 Monate dauerte)

Anfang Dezember 2017.
Zwei krank geschriebene Schreibmaschinen hatte ich bis dahin von jahrelang Dienstuntauglich wieder für Diensttauglich erklärt, also für Arbeitsfähig eingestuft, und wieder gesund geschrieben. Eine, die Adler Modell 7, ist seit ihrem Geburtsjahr 1920 nie kränklich gewesen und dient somit für alle als leuchtendes Beispiel für ein gesund geführtes und nachhaltiges Schreibmaschinenleben. Als einer der kranke Schreibmaschinen aufspürt um sie wieder in die arbeitende Gesellschaft zurück zu führen, ging mir mit der dritten Schreibmaschine, also mit der AEG Mignon, buchstäblich selbst die Arbeit aus. Und Schreibmaschinen Yoga ohne Schreibmaschine? Das ist ja wie ein Wald ohne Bäume!

Die traurige Adler-Dame 7 ohne Eigenheim soll Ersatzteilspenderin werden

Anfang Dezember 2017 steht eine Adler Modell 7 zum Verkauf. Wieder in der Internet Kleinanzeigenbörse. Das Foto zeigt eine ziemlich matte und vom Arbeitsleben gezeichnete Schreibmaschine. Die goldene Schrift und das Logo auf ihrem Deckel sind schon etwas abgenutzt, der schwarze Lack sieht ungepflegt aus und man kann erkennen das sich die Aufzugschnur ziemlich missmutig um die Aufzugdose geringelt hat. Das was glänzen sollte, und was auch mal wirklich glänze, stellt sich auf dem Foto als mit Patina behaftete, ehemalige Chromteile dar. Ich diagnostizierte, ohne das die Patientin bisher bei mir Leibhaftig vorstellig wurde, dem ersten Eindruck und allem Anschein nach, eine „Adler 7 Dienstunfähigkeit“. Möglicherweise ein Burnout! Heilung wäre hier wohl möglich, doch dazu müsste ich einmal eine Untersuchung ihrer Inneren Organe machen können. Um einen Hausbesuch anzuberaumen, sollten aber erst einmal die Befindlichkeiten ausgelotet werden. Aber heilen wollte ich sie ursprünglich gar nicht. Ich hatte in erster Linie einen zukünftigen Ersatzteilspender für meine super erhaltene 1. Adler Dame gesucht. Kann ja immer mal etwas kaputt gehen, und Ersatzteile gibt es nicht mal an jeder Ecke, dachte ich mir. Naja, und nebenbei kann ich sie ja auch wieder herrichten und meinem Schreibmaschinen Yoga frönen.

Der Anzeigentext gab nicht viel her. Der Verkäufer taxierte seine, wie er schrieb, antike Schreibmaschine, im „shabby-vintage-look“, mit 45 Euro. Standort der Maschine: Hamburg-Alsterdorf. Von mir aus gesehen könnte ich in 30 Minuten bei meiner zukünftigen Patientin zu einem Hausbesuch vorstellig werden, um sie in meine Reha Einrichtung zu begleiten. Selbstabholer – Kein Versandt! So stand es in der Anzeige. Nicht viel Infos, dachte ich.

Handel um eine Adler Dame

Ich fragte zuerst einmal per eMail nach ob die alte Dame denn auch ihr Eigenheim, also ihren Original Holzkoffer, mitbringen würde. Wenn ja, zöge ich es in Betracht sie bei mir aufnehmen.
„Nein, der Koffer ist nicht vorhanden“ lautete die Antwort.
Nun hatte ich ein Argument dem Verkäufer zu signalisieren, dass seine Adler-Dame unvollständig ist, und das der Preis von 45 Euro dann nicht angemessen wäre. Anschließend frage ich ihn, ob die Maschine Diensttauglich wäre, und ob die um die Aufzugdose gewickelte Aufzugschnur gerissen sei. Das könne er nicht beantworten, weil er keine Ahnung davon hätte. Man könne alle Tasten drücken, aber der Schlitten würde sich nicht bewegen. Kunststück, wie soll er auch ohne Aufzugschnur. Er sagte weiterhin, er würde mir die Maschine als defekt abgeben. Und die Schnur? Das wisse er nicht, er hätte einmal versucht sie von der Dose zu lösen, aber da wären so viele Zahnräder um die sich die Schnur getüddelt hatte, das er sein Vorhaben aufgab. Die Maschine hätte ihm und seiner Familie nur zu Dekozwecken gedient.

Ob er sie denn, ohne Holzkoffer, ohne Funktion, nur für Bastler und ohne Aufzugschnur für 20 Euro hergeben würde. Ich würde sie auch innerhalb kürzester Zeit abholen können. Das war mein nächster taktischer Angriff um eine, in diesem Fall zukünftige, Schlagfertige Tippse aus ihrem Dornröschenschlaf wach küssen zu können.

„Das ist eine Antike Schreibmaschine, bestimmt 80 Jahre alt“
lautete seine schriftliche Antwort.
„Da zahlen Sammler, wenn sie Tip Top ist Höchstpreise, mit 35 Euro wäre ich Einverstanden“ fügte er noch hinzu.

Mit klopfendem Herzen, denn ich hatte mich wieder einmal verliebt, blieb ich dem Verkäufer für einen Tag lang die Antwort schuldig. Der Besucherzähler seiner Annonce verriet mir, das diese Anzeige fast gar nicht von Besuchern frequentiert wurde. Warum? Weil Weihnachten vor der Tür stand? Keine Ahnung. Wohl auch weil der Verkäufer einen Versandt kategorisch ablehnte. Zu meinem Vorteil!

Erst am zweiten Tag schrieb ich ihm, das ich mir das noch überlegen würde. Ich hätte noch eine andere Adler Dame für die ich mich interessieren würde, was tatsächlich stimmte. Nur die stünde in der Nähe von Bremen zum Verkauf, sah völlig verrostet aus, ihr fehlten Tasten und über eine nähere Betrachtung mochte ich kaum nachdenken. Aber immerhin, es stimmte, diese stand für 20 Euro zum Verkauf, plus 10 Euro Versandt, und das schrieb ich dem Verkäufer der Hamburger Adler Dame. Daraufhin bot er mir ebenfalls 30 Euro an, wenn ich sie „Ballett-Artig“ schnell abholen würde, weil er am nächsten Tag in den Urlaub fahren würde. Ich müsse auch heute noch kommen, bis 18 Uhr, denn nach 18 Uhr müsse er noch einmal zur Arbeit, er würde eine Nachtschicht haben.

Nun aber los! „Ja alles klar, heute um 18 Uhr stehe ich vor ihrer Tür“ schrieb ich, und konnte wieder einmal nicht meinen eigenen Feierabend abwarten.

Eine kapitale Fehldiagnose

18:00 Uhr, Hamburg Alsterdorf, ein großer Häuserkoplex! Ich drücke den Klingelknopf! Es summt, und drinnen öffnet sich gleichzeitig die Haustür. Parterre, das ist gut. Denn einen Parkplatz zu finden war schwierig, das wusste ich vorher als gebürtiger Hamburger und ehemaliger Wochenend-Taxifahrer. Ich wusste auch, das ich gleich die 10 Kilo schwere Adler Dame mindestens 700 Meter, zurück zu meinem Auto schleppen muss. Da war es schon mal eine Erleichterung, das meine baldige Patientin im Parterre ihr Dekodasein fristete. Nun ging es schnell. Da stand sie schon bereit, auf einer Fluranrichte. „Gar nicht so traurig“ dachte ich. Ich übergab dem Verkäufer die drei frischen 10 Euro Scheine, nahm die Maschine, und weg war ich. Er hatte es eilig, wie mir schien. Ich auch! Noch ein paar Worte und die Info, dass es sich um ein Familienerbstück handeln würde, mehr nicht. Ich wollte mein Adler Mädchen nur schnell in Ruhe betrachten können und nach hause bringen, das ich 30 Minuten später auch erreichte. Während der Fahrt, es war schon stockdunkel, strich ich immer mal wieder verliebt über das Adler Mädchen auf meinem Beifahrersitz, das es sich ohne murren gefallen ließ. Man muss sich ja schließlich kennen lernen.

Zuhause angekommen, mir taten noch die Arme etwas weh, weil ich sie ganz vorsichtig die 700 Meter mit ausgestreckten Armen getragen hatte, um bloß nichts kaputt zu machen, stand sie nun auf unserem Küchentisch. Meine liebe Frau war wieder einmal hellauf unbeeindruckt von meiner eisernen Lady. Sie sah sie kurz an, und widmete sich sodann wieder dem was ihr wichtig war.

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Staub und Patina
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Aufzugschnur verliebt in die Zahnräder

Allem Anschein nach, das konnte ich nach einer ersten Untersuchung sagen, war alles an seinem Platz. Bis auf die Aufzugschnur. Die war zigmal um die Aufzugdose gewickelt und hatte sich zwischen den Zahnrädern des Farbbandtransports verklemmt. In einer gefühlt endlosen entwirrerei konnte ich die Schnur befreien. Sie war komplett und nicht wie behauptet gerissen. Selbst der kleine Stecker, der sie in der Führung hält war noch an Ort und Stelle.

Ich hatte früher einmal antike Uhren repariert, und wusste dass die Aufzugdose ein heikles Ding ist. Mir sind damals so einige um die Ohren geflogen. Das wollte ich respektvoll vermeiden und fummelte gaaanz vorsichtig die Schnur wieder in ihre Position, während ich gleichzeitig die Aufzugdose spannte. Einmal schnappe das Biest doch tatsächlich zurück und fesselt sich sofort wieder im Zahnradmechanismus. Noch einmal von vorne! Dieses mal klappte es auf Anhieb und die Schnur befand sich gespannt in ihrer Führung. Schlitten nach links schieben und …. Tipp, tipp, tipp…. Läuft wie es soll! Wow, sie läuft. Alle Tasten sind gangbar, beweglich und lösen das Buchstabenweise fortschreiten des Schlittens aus. Klasse, die ist intakt, freute ich mich. Der Gedanke an ein mögliches Ersatzteillager für meine erste Adler Dame war Geschichte. Ein ziemlich vertrocknetes Farbband nebst passenden Spulen war auch noch vorhanden. Also Papier rein und schreiben.

Kursiv-Schrift

Mal sehen was sie her gibt! Die ersten Buchstaben, blass zwar, ließen mich jubeln. Hey, was habe ich denn da ergattert?! So ein schönes Schriftbild. Kursive Buchstaben mit Serifen kamen zum Vorschein. Etwas größer als beim üblichen Schriftbild einer Schreibmaschine. Meine erste Adler 7 hat ein typisches Schreibmaschinen Schriftbild. Diese hier glänzte mit einem wirklich wunderschönem und größerem Schriftbild. Ich hatte nicht gewusst, dass es so etwas überhaupt gibt oder gegeben hatte. Jetzt bin ich vollends überzeugt davon sie wieder herzurichten.

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Tolle Typen meiner Tippse

Ich war hellauf begeistert. Und nun stellte ich noch fest, das dieses Adlermädchen auch eine andere Tastatur als meine erster Adler hat. Hier sind Umlaute vorhanden, also „Ä“, „Ö“ und „Ü“, sowie ein „ß“. Meine Erste Adler besitzt diese Zeichen nicht, dafür aber Bruchzeichen wie „¼ „ und „½“. Möglicherweise ist mein neues Adlermädchen eine jüngere Version.

Tablet hervor holen und im Internet nachsehen. Die Seriennummer meiner neuen Errungenschaft lautet: „ 58635“. Das deutet laut Internet (klasse das man da so etwas sofort findet) auf das Baujahr 1909 hin. Hmm, … meine erste Adler ist laut Internet Baujahr 1920. 1909 stellte man eine Tastatur mit Umlauten her, und 1920 nicht?? Das fand ich schon mal kurios. Aber egal! Das Schriftbild ist der Hammer, wie ich finde. Größer als üblich, kursiv mit Serifen. Ähnelt einer kursiven „Times“ oder „Garamont“ Schriftart. Also eine kapitale Fehldiagnose die ich anhand der Fotos des Verkäufers gestellt hatte. Die Adlerdame war, so wie sie sich mir präsentierte, kein potentielles Ersatzteillager, sondern eine schlummernde Schönheit mit Überraschungseffekt.

Mit dieser Begeisterung und mit einigen ersten Fotos der unangetasteten Maschine beließ ich es für heute dabei. Es war schon wieder 22 Uhr geworden. Die werde ich wieder so richtig zum Leben erwecken …

Das Adlermädchen zeigt sich in seiner vollen Pracht

Da nun alles funktionstüchtig und keine große Reparatur nötig war nahm ich sie behutsam auseinander. Stück für Stück, um an die mit Patina besetzten Chromteile gelangen zu können. Den Schlitten zu demontieren ist bei der Adler 7 herrlich einfach. Den Schlitten selbst auseinander zu nehmen ebenfalls. Doch … Rückblende!

Das es so einfach sein würde wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und ehrlich gesagt, ich traute mich auch nicht daran zu gehen. Zu oft schon hatte ich Dinge auseinander genommen, und hatte nach dem Zusammenbau immer ein paar kleine Teile übrig die ich nicht mehr zuordnen konnte. Das sollte mir hier auf gar keinen Fall passieren. Ich fotografierte erst einmal alle Teile der Maschine mit der Makrofunktion.

Ich dachte daran, wie ich damals noch Fotos mit meiner Spiegelreflexkamera von den Uhren machte, die ich reparierte. Fotos auf Farbfilm, 36 Aufnahmen pro Film, und eine Woche warten bis die Bilder entwickelt und auf Papier kopiert waren und erst dann abholbereit im Fotoladen warteten. Von den Kosten mal ganz zu schweigen. Ist schon genial die digitale Technik. Hätte mir diese Technik schon damals zur Verfügung gestanden … – Ich hätte so manches übrig gebliebene Teil wieder an seinen Platz transplantieren können und hätte mir einiges an Kopfzerbrechen erspart.

So also erst einmal unzählige Fotos von der ollen Adler und ihren Innereien machen. Und erst dann zum Werkzeug greifen.

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Zustand vor der Reinigung. Patina und Glanzlosigkeit. Hier die Seriennummer die auf dem Schlitten eingestanzt ist.

Den Schlitten zu entfernen traute ich mich aber dennoch erst einmal nicht. Wozu auch, er läuft und die meisten Teile sind zum Putzen und polieren gut zugänglich. Blöde Idee, wie ich später feststellte! Ich kam nämlich nicht wirklich gut ran, besonders nicht in die Ecken. Mein Ergebnis sah so aus: Alle mittleren Chromteile glänzten hübsch, während sie an ihren Enden immer noch ihre matte Alters-Patina trugen.

Sieht besch … aus“!
„Okay“, dachte ich! „Sei mutig“!
„Nimm den Schlitten ab“!
„Wer“?
„Ich“?

Ein Zwiegespräch mit mir selbst entbrannte darum ob ich den Schlitten nun abnehmen soll oder nicht. „Dann muss ich aber hinterher die Aufzugschnur wieder auffädeln und spannen“, dachte ich. Und das behagte mir nicht wirklich. „Ob ich nicht erst einmal die Mütze der Adlerdame, also ihren Deckel aufpoliere?“ Das wäre einfacher und ich würde einen Erfolg sehen können. Ich wusste aber auch, das mich die Enden der nicht glänzenden Chromteile, auch wenn ich die Augen davor verschießen würde, immer frech angrinsen würden. Sie würden mich verspotten, mir immer schnippisch zurufen das ich ein Feigling wäre, weil ich mich nicht an den Schlitten heran traue. „Blödes Volk“ dachte ich, „Euch werde ich…“

Schlittenfahrt

Aufzugschnur abnehmen und vorsichtig neben die Aufzugdose legen, nach den Befestigungen suchen, sie entdecken und … dann ging es Ratz-Fatz, schneller als ich geahnt hätte hielt ich den Schlitten in meinen Händen. Ich dachte in dem Moment wo sich der Schlitten so einfach von seinem angestammten Platz löste Anflugweise noch so etwas wie das ich ein Herkules oder Superman wäre. Jedenfalls keimte Heldentum in mir auf als ich den Schlitten anhob, ihn ablegte um meinen chirurgischen Eingriff zu betrachten. Da waren zwei Schrauben zu sehen. Links und rechts. Die müssten den inneren Teil des Schlittens, würde ich sie abnehmen, freigeben. Die dicke, eiserne Spannungsfeder, die den Hebemechanismus für groß -und Kleinschreibung aktiviert, flößte mir Respekt ein. Wie stark steht die wohl auf Spannung? Die Befestigung sieht einfach aus. Einfach nur zwei Löcher in die die Enden der Spannungsfeder gesteckt sind. Doch wie weit wird die mir entgegen springen? Ich beließ es erst einmal dabei den Schlitten selbst auseinander zu nehmen.

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Adler-Mädchen nackt auf dem Küchentisch!
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Die 2 Teile des Schlittens samt der Hubfeder

Fatal Error

Ich nahm mir wider besseren Wissens dieses Radiergummi womit Ceranfelder von Verkrustungen ganz leicht gereinigt und auf Hochglanz gebracht werden können kann zur Hand. Ich dachte mir das ich ja weit genug weg von den eigentlich gefährdeten Teilen der Maschine wäre, wenn ich den Schlitten separat damit bearbeite. Weit weg von den Typenhebeln, denn mit diesem Reiniger hatte ich ja schon der Olympia Simplex (dieses Drama könnt ihr bei der Olympia Simplex nachlesen) beinahe den Todesstoß versetzt. Nun konnte ich alle Stellen am Schlitten mühelos erreichen die mich zuvor noch matt aber frech angrinsten. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich alle Teile auf Hochglanz gewienert, hatte zwar einen Haufen brauner Späne auf meinem Arbeitstuch worin im Schein der Arbeitslampe wieder dieser berüchtigte Abrieb der Metallspäne des Reinigergummi funkelte. Alles abwischen, abpusten und der Schlitten erstrahlte wie Phönix aus der Asche. Hübsch anzusehen, nur hatte sich natürlich auch Abrieb in die Fugen der Schlittenführung, die die Auf -und Abwärtsbewegung erst möglich machen verteilt. Es knirschte fürchterlich im Gebälk, und die große eiserne Hubfeder die den Schlitten beim Schreiben von Großbuchstaben anheben soll versagte ihren Dienst. Ich hätte mich in den A…. beißen können!

Ein Adler Schlitten auf Tauchstation

Also dann! Wage ich mich also an die Zwei Schrauben die das Innere des Schlittens durch die dicke Feder auf Spannung halten. Gleich darauf hielt ich das Innere des Schlittens in Händen. Die Feder hat sich zu meiner Freude sehr manierlich benommen und ist mir nicht ins Gesicht gesprungen. Obwohl ich es wohl verdient hätte, nachdem ich dem Schlitten so übel zugesetzt hatte. Aber es wurde mir wohl mein guter Wille zugute gehalten, und so erteilte mir das Adlermädchen zwar eine Lektion, ließ aber Gnade vor Recht ergehen. Schwupps, war das Innenleben des Schlittens demontiert. Das Adlermädchen ließ es wohl so schnell geschehen, weil es sie in ihr innersten Führung fürchterlich juckte, stellte ich mir vor. Der Schaden den ich angerichtet hatte war umfangreicher als gedacht. Überall feinster, gnubbleliger Staub, der mit abwischen nicht wirklich gänzlich zu beseitigen war. Irgendwo blieb immer etwas hängen, was ich leidvoll feststellte nachdem ich mehrere male den Schlitten wieder zusammen setzte. Es knirschte. Zwar immer weniger, aber es knirschte. Ich werde dieses Ceranfeldgummi nur noch an Einzelteilen verwenden die komplett ausgebaut sind, das schwöre ich! Dennoch, dieses „Radiergummi“ ist einfach magisch um Hochglanz herbei zu zaubern.

Und nun tue ich etwas, das professionelle Schreibmaschinensammler besser nicht lesen sollten. Dafür würde ich sicher mehr als nur Kritik von ihnen bekommen, das weiß ich. Aber ich bin ja alleine, und in keinem Verein – Und es ist meine Maschine, damit kann ich tun und lassen was ich möchte.

Also! Ich habe das Waschbecken mit warmen Wasser voll laufen lassen, habe eine großzügige Portion Geschirrspülmittel hinein gegeben, umgerührt… Na, dämmert es euch? Alle Schreibmaschinen-Verrückten klicken jetzt bitte auf „BEENDEN“ und lesen NICHT weiter! Es wird Grausam werden!

Ich habe den gesamten Schlitten auf Tauchstation geschickt, kurz mit einer weichen Bürste bearbeitet, ihn heraus geholt, mit warmen Wasser das Spülmittel abgespült und so schnell wie es mir möglich war abgetrocknet. Natürlich habe ich die Gummiwalze des Schlittens so gut es mir möglich war vom Wasser fern gehalten. Durch das putzen mit dem Ceranfeldreiniger perlte das Wasser erstaunlicherweise wie von selbst ab. Ich hatte den Schlitten in wenigen Minuten wieder knochentrocken getupft. Schnell noch die Führungen mit etwas Öl betupfen, die Hubfeder wieder einhängen und der Wiedervereinigung beider Teile des Schlittens stand nichts mehr im Wege. Schrauben wieder an Ort und Stelle, und selbst das aufsetzen des Schlittens auf die Schreibmaschine ging völlig Problemlos von statten.

Die Adler 7 in ihrer vollen Pracht

Tags zuvor hatte ich das alte Farbband vorsichtig mit Rostlöser besprüht und über Nacht einziehen lassen. Das aktiviert die vertrockneten Farbpigmente in einem alten Farbband. Ich weiß noch nicht wie lange die Wirkung anhält (ich werde darüber berichten). Ich hatte den Tipp jedenfalls aus dem Internet bekommen, und es scheint zu funktionieren. Das 25 mm Farbband (Standard sind 13 mm), welches die Adler 7 benötigt bekommt man nicht sofort an jeder Ecke, und somit ist dies möglicherweise eine praktikable Lösung und spart erst einmal 17 Euro für ein neues Farbband. Soviel habe ich gesehen wird dafür im Internet verlangt.

Schriftbild Adler 7 1909
Das Schriftbild finde ich toll. Das wird meine Briefschreib-Adler

Nun, diese Aktion ist jetzt schon 4 Wochen her. Tags darauf habe ich sie noch mit Druckluft ausgeblasen um mögliches verstecktes Wasser zu beseitigen. Es hat sich kein Quäntchen Rost oder ähnliches durch die Tauchfahrt des Schreckens des Adlerschlitten gezeigt. Sie schreibt wie am ersten Tag, ist fleißig und hat schon einiges an Text und Briefen produziert. Ich glaube das ist ein ganz besonderes Adlermädchen. Sie glänzt, sie schreibt, sie sieht toll aus und ich habe sie für 30 Euro erstanden, mein Adlermädchen das 1909 das Licht der Welt erblickte. Einziges Problem! Die linke Farbbandspule, bzw. der Farbbandtransport funktioniert nur eingeschränkt. Nach einer halben Umrundung klemmt etwas. Warum weiß ich nicht. Zum schreiben darf ich die Spule nur locker auflegen und muss sie hin und wieder vom Transportzapfen lösen, dann geht es.

Stillgelegt! Ersatzteilträger?

Im Frühling 2018 habe ich sie ausgemustert!
Grund: Die Achse der Aufzugdose ist wohl durch einen Sturz (von mir unbemerkt und vor meiner Zeit geschehen) geringfügig verbogen worden. Sie drehte sich zwar, hatte aber eine Unwucht davon getragen, so das der Zapfen für den Bandtransport geringfügig unrund lief und sich nach einer halben Umdrehung am Halter der Farbbandspule fest fraß. Ebenso rastet das Zahnrad nicht mehr richtig ein und kann das Farbband somit nur noch in eine Richtung bewegen. Eine Zeit lang habe ich so geschrieben, was aber nicht wirklich komfortabel war. Der Versuch dies Aufzugdose auszubauen scheiterte daran das die Schrauben im Rahmen wohl ebenfalls durch den Schlag etwas abbekommen haben und jetzt unlösbar fest saßen.
Selbst ein Büromaschinenmechaniker, den ich um Hilfe bat, ist daran gescheitert. Schreiben ging nur, wenn ich die Farbbandspule locker einlegte, so das sie von der anderen gezogen werden konnte. Das nervte!
Irgendwann später versucht ich per Hand die Achse, die den Farbbandtransport behinderte, gerade zu biegen. Dabei ist mir das Gusseiserne Gehäuse der Halterung buchstäblich zerbröselt. Ich war zerknirscht und die Adler sowieso, weil sie von mir vorerst zum schnöden Ersatzteillager degradiert wurde, und ich zum Trost mit der anderen Kursiv-Schrift Adler weiter schreib. Aber immer mit der Idee im Bewusstsein den kursiven Schriftsatz irgendwann in einer anderen Maschine verwenden zu können.

Erneute Wiederbelebung

November 2018: 
Es war endlich soweit. Ich erwarb eine Adler 7-Ruine die zwar ebenfalls einen Sturz hinter sich hatte und einen Rahmenbruch im Schlitten davon trug, die aber als Ersatzteillager super geeignet ist.
Ich widmete mich also noch einmal der Aufzugdose der 1909er Adler. Dieses mal mit richtiger Brutalität. Was kann schon passieren dachte ich mir? Schreiben kann ich mit ihr  in diesem Zustand nicht. Entweder haue ich sie in Klump, oder …
Ich rückte der geschraubten und unlösbar fest sitzenden, aber schon angebrochenen Halterung der Aufzugdose mit einem kräftigen Schraubendreher und einem Hammer zu Leibe. Ein kleines Teil war schon im Frühling abgebrochen, als ich mit Hilfe des Büromaschinentechnikers versuchte die Schrauben zu lösen.
Und siehe da: Ein paar vorsichtige Hebelbewegungen mit dem Schraubendreher, ein paar vorsichtige Schläge mit dem Hammer und der Rest der Halterung bröckelte nach und nach wie vertrocknetes Brot ab. Möglicherweise waren schon durch den Sturz Haarrisse in der Halterung entstanden. Jetzt ragten die verspannten Schrauben hervor. Sie waren Gott sei Dank in der Halterung und nicht im Rahmen verspannt und somit  wieder frei zugänglich. Nun waren sie wieder bereit sich mühelos aus dem Rahmen drehen zu lassen.
Die Aufzugdose aus der gerade gekauften Adler passte. Die Aufzugdose hat zwar nicht den schönen Drehknopf wie zuvor, aber sie passte, ich konnte es kaum glauben, perfekt in die Schraubenlöcher. Freundlicherweise brachte die Adler-Ruine auch gleich einen Holzkasten mit in dem jetzt die 1909er mit Kursiv-Schrift staubfrei aufbewahrt wird.

© 2017 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

2 Gedanken zu “Adler Modell 7, Bj. 1909-Kursivschrift (4)

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