Olivetti M40, Bj. 1940 (19)

Sonntag – Regen – Sturm & Langeweile

Anfang Dezember 2018.
Ein grimmiger Sonntag. Meine Frau ist seit den Mittagsstunden und für den Rest des Tages, wohl bis in die Nacht hinein unterwegs. Seit dem Langweile ich mich. Was also macht so ein völlig unbeaufsichtigter und dazu noch gelangweilter Fan alter Schreibmaschinen so ganz allein Zuhause wenn draußen der Sturm fegt, der Regen peitscht und sich in seiner Geldbörse nur noch erbärmliche 18 Euro befinden?
„Na klar“, dummes Zeug! Er schnappt sich sein Tablet und scrollt durch die Anzeigen-Börsen, und das obwohl im Keller eine erst halb zusammen gebaute Adler 7 Schreibmaschine ihrer endgültigen Fertigstellung harrt. Soll sie halt warten, ich muss mal etwas anderes sehen!
 
Alles klar soweit? 

Olivetti M4, 1940 Fertig Logo hinten

Schwer zu putzen dieses Zellulite Muster

Tablet-PC einschalten und …!  Gar nicht erst Weiträumig suchen. Nur die Anzeigen in meiner nächsten Nähe auswählen. Ich hätte Lust eine SM abseits meiner vertrackten Adler 7 zu bearbeiten. Einfach nur zur Entspannung, für Fingerübungen und auch nur um mal wieder ein schnelles Erfolgserlebnis zu haben. Und da ploppt sie auch schon auf, gleich in der obersten Reihe. Offenbar vor kurzem erst eingestellt und keine 15 Kilometer entfernt.

Eine dicke italienische Matrone – Ich glaub` es kaum!

So eine Schreibmaschine von der ich bisher immer sagte:
„So einen Bürokoloss würde ich nie haben wollen“.  Es gäbe sonst nur Langweilige und herunter gekommene Erika’s, Princess‘, Triumph’s, Robotron’s und eine bemitleidenswerte Underdwood in meiner Nähe zu bekommen, für die mir 5 Euro schon zu schade wären. 
„Die dicke Olivetti wäre aber, weil der Name schon Klangvoll ist, annehmbar“
Ein richtig übergewichtiges und schweres Eisenschwein mit einem trägen, behäbigen Design. Eine feiste italienische Büro-Matrone. Ihr Beiname „M40“, klingt für mich irgendwie militärisch, beinahe so wie die Typenbezeichnung eines Kampfpanzers. Und so sieht sie auch aus, wie ein matt schwarzer Panzer. Also ein Kampf-Weib?

Abholen

Entfernung stimmt! Budget meiner derzeitigen Barschaft passt auch, da bleibt sogar noch etwas übrig, und die dralle M40 soll einigermaßen funktionsfähig sein.
Nun dann! Nach erstaunlich schnellen 5 Minuten bekomme ich das „go“ für meine Anfrage. 25 Minuten später treffe ich trotz Regen und Sturm in Elmshorn ein und nehme die Maschine in Empfang die, wie mir gesagt wurde, seit 40 Jahren, als Dekoration diente. Heute ist Schluss damit – Ich befreie sie.
Mehrere Interessenten, vor allem welche aus Italien, hätten sie haben wollen, so sagte mir der Verkäufer, aber sie wöge 20 Kilo und das wolle er sich nicht antun. Ob die fette Olivetti wohl ein beliebtes Sammlerstück ist? Keine Ahnung. Vielleicht in Italien? Wenn ja, dann kann ich sie nach der Restauration wenigstens wieder gut verkaufen, dachte ich. Es soll ja nur ein kurzes Intermezzo werden. Tatsächlich dachte ich anfangs sie würde für mich so etwas wie eine Fingerübung werden. Bei diesem günstigen Preis und dem Schlachtross-Design würde es mir egal sein wenn ich sie verhunze.

Erstes Kennenlernen

Weitere 35 Minuten nach der Übergabe stand die Wuchtbrumme schon auf meinem Tisch im gemütlichen Werkstattkeller. Manchmal bin ich irgendwie Hemmungslos, tadle ich mich selbst. Was will ich bloß mit diesem Monstrum? Aber nun Thront sie hier, und ich begutachte meinen Neuzugang. Grau, rubbelige Metallteile, keine glatten Flächen. Schwer zu putzen. Zellulite? Wie sagte eine bekannte deutsche Sängerin? „Lieber Zellulite als gar kein Profil“! Nun denn…, ran an die speckige!

Olivetti M4, 1940 Urzustand 3

1. Foto. Äußerlich ganz annehmbar.

Olivetti M40 mit Lego Applikation

Die gesamte Umschaltung klemmt. Kein heben und senken des Typengehäuses ist möglich. Ebenso die Farbbandumschaltung von Schwarz auf Rot. Die Farbbandgabel hebt und senkt sich nach einem Anschlag auch nicht mehr so wie sie es sollte. Die Typen schlagen somit ohne Farbband auf die Walze auf. Die beiden dafür zuständigen Knöpfe lassen sich ebenfalls nicht drücken und klemmen ebenso irgendwo fest. Das wäre also der Defekt den der Verkäufer mir beschrieben hatte und den es nun zu beheben gilt. Für eine SM zum Zweck der Dekoration ist das sicherlich egal, für mich aber nicht. Sie soll schreiben!

Mehr als 40 Jahre alte Ablagerungen

Vor lauter dicken, 40 Jahre alten, Staubknäulen sehe ich aber erst einmal fast gar nichts. Ein flauschiger Teppich von elegantem Grau durchzieht das gesamte Innenleben der drallen Dame, windet sich um sämtliche Teile, um die kleinen so wie um die großen. Es ist nicht zu erkennen, ob sie je benutzt wurde. Nur die Tasten zeugen von einer längst vergangenen Benutzung und sind nachhaltig verkrustet. Wahrscheinlich wiegt das Ungetüm gleich ein ganzes Kilo weniger wenn ich sie erst einmal ausgesaugt habe, denke ich scherzhaft. Gesagt – getan!

Die Seitenteile und die vordere Abdeckung sind schnell demontiert. Der Staubsauger braucht sich nur unwesentlich anzustrengen. Der Staub der sich locker in die Maschine gelegt hat ist offenbar nie feucht geworden und fliegt förmlich, ähnlich eines grauen Tornados, in Richtung Staubsaugerrohr davon und dann hinein. Nichts darunter ist verklebt oder verkrustet. Die Staubschicht ist im Nu eliminiert, und ein passables Innenleben offenbart sich mir.

Olivetti M4, 1940 Urzustand innen 1

Vor der Reinigung. In wenigen Stunden wird ein über 40 jähriges Dasein als Dekoration im Ruhestand beendet sein.

Und siehe da! Jetzt zeigt sich auch wo der Hase hier im Pfeffer liegt. Die Umschaltung wird von einem flachen Legostein blockiert. Im Gelenk der Farbbandumschaltung von Rot auf Schwarz hat es sich wohl schon vor langer Zeit ein gelber Plastikdübel gemütlich gemacht um dieses in seiner Tätigkeit zu behindern. Heimwerker und Kinder waren wohl gern gesehen Gäste in der Nähe der zur Dekoration abgestellten Olivetti M40. Also raus mit den vergangenen Kinderträumen und den Hinterlassenschaften des fleißigen Heimwerkers. So erlangte Signora Olivetti binnen fünf Minuten ihre vollständige Beweglichkeit zurück. Erstaunlich.

Erster Test.
Sie entfaltet sich.

Ein neues, zweifarbiges Farbband einfädeln, Papier einlegen, welches sauber und exakt von den Walzen eingezogen wird, und sofort drauf los getippt.
„Mannoman, das hätte ich jetzt nicht gedacht“.
Die adipöse italienische Matrone tippt federleicht, erstaunlich leise und präzise. Gar nicht so plump wie ein schwerfälliges Schlachtross. Ich habe den Eindruck, die Typen fliegen nur so hin und her und der Schlitten gleitet nahezu Samtweich und geschmeidig von rechts nach links. Die Dame ist erstaunlich beweglich für ihr mächtiges Fahrgestell. Sie beginnt sich jetzt nach und nach vor meinen Augen zu entfalten, von einer behäbigen Matrone, für die ich sie hielt, zu einer anmutigen italienischen Dame. Zu einer bella Donna!
Also keine Fingerübungen, und ich werde auch keinen Gedanken mehr daran verschwanden das es mir egal wäre sie zu verhunzen. Ich werde sie so behandeln wie es einer echten Signora zusteht, sie vorsichtig putzen, sorgfältig reinigen und hingebungsvoll polieren.  Ich kenne mich fast nicht wieder.

Mit den Tabulatoren spielen

„Das macht ja richtig Spaß“. Ich mag gar nicht wieder aufhören. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mit ihr einen ersten Din A4 Bogen gefüllt. Und was auch noch toll ist, sie glänzt, wie ich später recherchiert habe, mit der seinerzeit kostenpflichtigen Sonderausstattung. Mit Tabulatoren! Auch diese funktionieren jetzt wieder tadellos und sehr genau. 

Olivetti M4, 1940 Tabulatoren

Die Tabulatoren waren ausgehängt. Eine kniffelige Aufgabe diese wieder zum funktionieren zu bringen.

La Donna Italiana

Ich denke ich sollte beginnen meine Meinung über große, plumpe und gewichtige Büromaschinen zu revidieren. Zumindest darüber was ihre Funktionen anbelangt. Das Design der großen Büromaschinen namens Continental, Mercedes, Underwood, Torpedo und Co. entsprechen nach wie vor noch nicht dem was ich als „schön“ empfinde. Aber die Olivetti M40 bildet da zumindest eine erste Ausnahme die mich eines besseren belehrt. Ich beginne sie immer mehr zu schätzen. Ich befürchte fast das ich sie behalten werde. Man sagt italienischen Frauen ja nach Beinhart und hauchzart zu sein, was für Signora Olivetti mehr als gut beschrieben und zutreffend ist.  

Oben aus dem Wohnzimmer tönt jetzt ein älterer italienischer Song aus dem Radio zu mir in den Keller. „Bello e impossibile“ von Gianna Naninni. Dabei gefällt mir besonders eine Textzeile die mir zu einem Ohrwurm wird, und die da lautet. „Ti penso forte forte e forte ti vorrei“. Später lasse ich mir die Zeile per Internet übersetzen, und sie lautet: „Denke fest an dich, fest und immer fester und ich begehre dich“. Na, wenn das mal kein Omen und ein Plädoyer aus dem Äther für die italienische Dame ist!? 

 

Olivetti M4, 1940 Fundstücke

Fundstücke in der Olivetti. Diese Teile blockierten die Umschaltung und die Farbbandumschaltung.

„Perfetto Maccina da scrivere“

Praktische Bauweise! Ich komme fast überall gut heran und hinein. Ich brauche dazu nur die Seitenelemente entfernen, die sich ganz einfach entfernen lassen, und mir so einen problemlosen Zugang zu den Innereien der Olivetti erlauben. Das Typengehäuse ist ebenso schnell zugänglich, weil es nur von vier Schrauben gehalten wird. Auch das Tabulatorengehäuse am hinteren Teil der Maschine lässt sich problemlos öffnen und herunter klappen. Es ist mit nur, von zwei mit kräftigen Federn gespannten Haltern, befestigt. Sehr Reinigungswillig die Dame. Etwas Staub ist dennoch zurück geblieben. Hier und da gelangte der Staubsauger in zu enge Winkel nicht hinein. Diesen Rest erledigt der Kompressor mit Druckluft. Einmal von allen Seiten ausgeblasen, und die Olivetti ist wieder vollkommen Staubfrei. Mit einem Gemisch aus Reinigungsbenzin und einem Tröpfchen Öl, auf eine Zahnbürste aufgetragen, bearbeite ich noch die beweglichen Teile wie Gelenke, Federn, Hebel, die Typenstangen, sowie die Typen selbst. Mit einem trockenen Tuch nach wischen, und das war`s im Grunde schon. Finito!

Olivetti M4, 1940 Fertig Tastatur

Die Tastatur ist auch wieder erkennbar

Zu guter Letzt noch die Tastatur. Die ist etwas hartnäckiger und unwilliger einer Reinigung zugetan. Die Krusten sind offenbar nie beseitigt worden und krallen sich demzufolge wie Zahnstein ziemlich fest. Aber schöne verchromte Tasten mit Glasplättchen? Das muss Glänzen – Basta! Eine Stunde später hat Signora Olivetti das makellose und strahlende Gebiss ihrer Jugend zurück erhalten und lächelt mich verführerisch an. Chiao ihr blöden Tastenkrusten! Nun ist sie wieder eine, wie man auf Italienisch sagt, „Perfetto Maccina da scrivere“, eine perfekte Schreibmaschine.

„Buon giorno bella Signora Olivetti, würden sie mich bitte zu einem Diktat ermuntern“?
Braucht sie gar nicht. Ich tippe freiwillig einfach drauf los, einen Brief an unsere lieben Freunde, und es macht richtig Spaß. 

Olivetti M4, 1940 Fertig Schreiben

Erster Schreibtest nach der Fertigstellung. Toll!

Zu guter Letzt

Der Zeilenschalthebel und die Umschaltung sind noch ein wenig träge. Beide kommen nur mit leichter Verzögerung in ihre Ausgangsstellung zurück. Ich hatte gehofft das beide sich wieder von selbst regenerieren würden während ich die Olivetti beschreibe. Doch hier ist dann doch etwas Rostlöser und eine tiefgreifende Reinigung der Gelenke und Spannfedern notwendig. Das ist aber Gott sei Dank nur eine Kleinigkeit, die schnell erledigt ist. 

Olivetti M4, 1940 Fertig von vorne 1

Die graue italienische Eminenz ist fertig!

Olivetti M4, 1940 Fertig von vorne 3

Signora Olivetti, geboren 1940.

Sie ist wieder eine perfekt funktionierende Schreibmaschine, die ich trotz aller meiner vorangegangenen Widerstände gegen große, dicke, fette und schwere Schreibmaschinen hegte, behalten werde. Auch weil mir ihre Ausrüstung mit den Tabulatoren wirklich gut gefällt. Sie gefällt mir sogar so gut, dass ich ernsthaft überlege mir das fehlende „M40“ Emblem, vorne rechts, zu besorgen.

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