Continental Standard, Bj. 1936 (23)

Abgeholt: März 2019 in Elmshorn
Modell: Standard aus Stockholm, Schweden mit schwedischer Tastatur
Herkunft: Deutschland
Seriennummer: 604560-I
Baujahr: 1936
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm auf DIN Spulen
Restauriert von: Heiko Stolten im März 2019

Nur eine Standard Schreibmaschine! Genau so eine von der ich bisher stets im verächtlichem Brustton der Überzeugung behauptete:
So eine will ich nicht haben“.
„Massenware ist uncool“!

„Die hat doch jeder“

„Und eigentlich …, und überhaupt … tja eigentlich … was eigentlich“?

Sinneswandel eingeläutet

Es scheint mir so als stamme diese, meine Verächtlichkeit, aus einem anderen Leben, denn seit Vorgestern, oder genauer gesagt seit dem 14.03.2019, wurde bei mir ein Sinneswandel eingeläutet. Eben durch diese Continental Standard von 1936. Millionenfach gefertigt, und weil sie so robust ist, heute, Jahrzehnte nach Produktionsende, noch immer an jeder Ecke zu bekommen.
Und das kam so!

Die Conti soll nur Deko sein

Meine Frau und ich sind derzeit eifrig damit beschäftigt die Schreibstube Krempe einzurichten, die im April 2019 eröffnet werden soll. Hier und da fehlen noch kleine Dinge, Einrichtungsgegenstände, Dekoration und Tüdelüt die das Ambiente etwas interessanter gestalten sollen, und die für die Gemütlichkeit sorgen sollen. So kam ich auf die Glorreiche Idee ein paar größere Standard Schreibmaschinen zu besorgen. Die sind meist kostenlos, und wenn sie wieder hübsch glänzen machen sie für das Auge des geneigten Laien auch etwas her. So die Idee!

Ihre schwedische Visitenkarte

Schnell war sie gefunden, und zwar in Elmshorn, unserem Nachbarort. Natürlich wollte sie niemand haben! Nach sechs Wochen erfolglosem Bemühen des Anbieters die Conti los zu werden, hatte er, wie er mir sagte, schon nicht mehr damit gerechnet sie je in andere Hände geben zu können. Nun ja, es gibt ja noch Typen wie mich! Ich konnte sie auf meinem täglichen Feierabendweg abholen. Eine Continental Standard. Eine mit schwedischer Tastatur, wie es in der Annonce beschreiben war, eine von 1936. Das war mir jedoch „noch“ herzlich egal, denn ich wollte nur eines. Eine große, dekorative Schreibmaschine die optisch etwas her macht. Mehr nicht! Ob sie funktionieren würde war mir nicht wichtig. Eben sowenig wie die Marke. Es hätte auch eine Mercedes sein können, eine Orga, eine Ideal oder sonst irgend eine große Standard Büromaschine.

Die Conti überrascht mich

Der Verkäufer erzählte mir er hatte lange in Schweden gelebt und er hätte die Continental mit nach Deutschland gebracht.

Ein erstes begutachten der Maschine ergab:
Die Typen waren etwas schwergängig. Ansonsten sah sie für ihr Alter von über 80 Jahren recht gut aus. Staubig zwar, aber ganz ansehnlich, aber nicht ungepflegt. Dennoch könnte sie durchaus eine Reinigung und Politur vertragen.
Handschlag drauf – Meine Schreibmaschine.

Zerlegen, reinigen und polieren!
Keine 15 Minuten dauert es die Maschine so zu zerlegen wie links auf dem Foto zu sehen.

Schon beim zerlegen der Continental war ich ehrlich gesagt überrascht wie ausgefeilt, intelligent und sensibel die Maschine konstruiert ist. Es lässt sich auf einfachste Weise alles was beim Reinigen hinderlich ist auseinander nehmen. Der Schlitten ist innerhalb von Sekunden abgenommen, und ich gelange so auf einfache Weise in des Innere der Maschine um sie ohne Anstrengung, und vor allem ohne Verbiegungen meinerseits reinigen zu können. Der Schlitten selbst zerfällt nach wenigen Handgriffen und wenigen Schrauben in seine Einzelteile, wie man sehen kann. Da hätten sich so einige Konstrukteure anderer Schreibmaschinen eine dicke Scheibe von abschneiden können. Aber der Clou kommt noch.

Die Typenhebel sind innerhalb von Sekunden aus- und wieder eingebaut.

In der aus dem Internet herunter geladenen Bedienungsanleitung las ich, dass sich die Typenhebel innerhalb von Sekunden ausbauen und auch wieder einbauen lassen würden. Das konnte ich kaum glauben. Aber, … mit ein wenig Übung gelingt es tatsächlich. Das finde ich ja richtig Toll. Eine geniale Idee! Solche Sachen gefallen mir.

„Farbband auf die Nullstellung bringen, also so das die Farbbandgabel sich beim anschlagen nicht hebt oder senkt. Dazu auf der linken Seitenwand den hinteren Knopf drehen bis die Nullstellung erreicht ist. Dann den Knopf im Typengehäuse drücken, ihn halten und gleichzeitig ein wenig an einem Typenhebel ziehen und etwas ruckeln, und schon löst sich der Typenhebel“.

Das hatte der Vorbesitzer der Continental wohl nicht gewusst, denn offensichtlich hatte er in grauer Vorzeit mit Öl nicht gegeizt um die wohl unwillig werdenden Typenhebel wieder gangbar zu machen. Irgendwann verband sich das Öl mit Staub und Dreck, und das war es dann. Die Continental stand still und verweigerte ihren Dienst.

Ich ging also wie beschrieben mit dem ersten Typenhebel vor. Entnahm ihn, putzte ihn, setzte ihn wieder ein, … und … er bewegte sich wie er soll – Wie neu! Klasse! Das viele Öl hat die Typenhebel vor Rostfraß bewahrt. Sie glänzen verführerisch unter der Ölpampe. So wie die ganze Maschine, die ich erst einmal entölen musste.
Das hatte den Vorteil für mich, das sich nach und nach eine wirklich toll glänzende Maschine vor meinen Augen entfaltete.

Geheimer Tastenverriegelung

Das finde ich so richtig toll. Eine prähistorische Passworteingabe ist bei der Continental möglich

Die Bedienungsanleitung sag dazu:

… für die geheime Tastenverriegelung ist der an der linken Seitenwand befindliche rechte Drehknopf nach hinten zu stellen, um die Tasten frei zu geben. Zeigt die rote Marke nach oben, so ist eine Betätigung der Tasten nicht möglich und eine Benutzung der Maschine durch Uneingeweihte ausgeschlossen.

Ich liebe diese Continental „A“

Die Konstruktion, die Einfachheit, die Bedienerfreundlichkeit und ihr gründlich durchdachtes Design, sowie die Genialität der Funktionen dieser Schreibmaschine machen mich wahrlich fassungslos. Das hätte ich nicht gedacht. Und so eine wollte ich nie haben?
Nun ja, irren ist menschlich sagt man. Diese Continental, und das gelobe ich, werde ich liebevoll herrichten und auf gar keinen Fall als Deko versauern lassen. Nein, mit ihr will ich schreiben. Ich bekomme immer mehr einen Hang zu den sogenannten „normalen“ Schreibmaschinen. Die erscheinen mir mittlerweile genau so interessant und sexy, wenn nicht sogar mehr, als jene die irgendwann einmal als selten und Sammelwürdig eingestuft wurden. Diese Continental ist für mich eine Offenbarung weil sie so genial konzipiert ist, und ich stufe sie als absolut Sammelwürdig, als eine Homage an die Konstrukteure, ein.

Sekunden vor der Wiedervereinigung

Die Conti beginnt wieder zu leben

Ungefähr 6 Stunden schrauben, putzen, entölen und polieren, dann war es vollbracht. Der Wiedervereinigung von Schlitten und Maschine stand nun nichts mehr im Wege.

Fertig zum Schreiben • Wiedervereinigt!

Die Continental A Standard blinkt, funkelt und erstrahlt im satten Schwarz und Chrom. Sieht einfach toll aus. Viel zu schade um sie als Dekomaschine zu vernachlässigen.
Jetzt noch ein frisches Farbband einfädeln, den ersten Bogen Papier einziehen und dann in die Tasten gehauen. Die ersten Buchstaben werden gleich auf dem Papier erscheinen.

Und dann wartet die Continental mit
einer weiteren Überraschung auf.

Die Typenhebel sausen frisch poliert auf das Papier, und was ich da sehe kann ich kaum glauben. Ich traue meinen Augen kaum. Ich hatte, entgegen meiner Gewohnheit, und weil ich die Conti ursprünglich „nur“ als Deko missbrauchen wollte, überhaupt nicht darauf geachtet worauf sonst mein erster Blick gerichtet ist. Nämlich auf die Schriftart, die mir ja oft das wichtigste ist. Das was ich da auf dem Papier sehe hätte ich nicht bei einer großen Büromaschine vermutet, geschweige denn erwartet.

Eine zierliche, kleine Schrift (Raumsparschrift) namens Perl offenbart sich mir auf dem Papierbogen. Ich bin erst Sprachlos und dann hin und weg von dieser Überraschungs – Maschine die einer Wundertüte gleich kommt. Das haut mich jetzt fast aus den Pantinen. Ich hätte nicht gedacht mich einmal für eine „ganz normale“ Standard-Büromaschine derart begeistern zu können.

Erster Text mit kapitalen Tippfehlern :-), dafür aber Glasklar.

Nun ist es amtlich! Die Continental belehrt mich eines besseren. Ich werde sie als Schreibmaschine und als Schreibgerät behalten. Und dekorativ ist sie ja allemal. Da schlage ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Eine tolle Schreibmaschine und ein schönes Stück Deko.

Die Continental in ihrem natürlichen Habitat. In der Schreibstube Krempe.

Das ihr offensichtlich wohl schon vor längerer Zeit ein neuer Wagen aufgesetzt wurde stört mich persönlich nicht. Solange er funktioniert ist das völlig okay. Aufgefallen ist es mir nur, weil sie vorne rechts die typische Tabulatorentaste hat, jedoch ihr am Rücken die Tabulatoren gänzlich fehlen. Ebenso hat der Schlitten eine andere Seriennummer als der Rahmen. Egal, ich finde sie trotzdem Großartig und sie schreibt wunderbar! Mal sehen, vielleicht kann ich das bald mit einer Schlachtmaschine wieder komplettieren.

Fertig zum schreiben.
Bitte Platz nehmen.

Sieht doch wirklich prächtig aus auf dem antiquarischen anmutenden Schreibtisch.
Unten am Rahmen befinden sich zwei kleine Drehknöpfe. Der rechte von beiden ist der sogenannte „Geheime Drehknopf“.
Bedient man diesen, ist der Tastenanschlag jeweils gesperrt oder frei gegeben.
Ich denke ich werde mich jetzt auch mal einer Mercedes nähern können, ebenso einer Orga, einer Ideal oder einer anderen Standard Maschine.

Die Continental hat mich jedenfalls eines gelehrt, nämlich auf mein Bauchgefühl zu achten und mich nicht zum Sklaven meines Verstands/Egos zu machen, der mir bisher deutlich einflüsterte eine Schreibmaschine müsse wenigstens drei wichtige Attribute erfüllen:
Uralt – selten – teuer. Alles Quatsch aus meiner Sicht.

Ich finde diese Continental Standard „A“ ist um einiges schöner, technisch gewitzter und vor allem Bedienerfreundlicher als so manch andere als „selten“ eingestufte Schreibmaschine die in Sammlerkreisen heiß begehrt ist.

Fazit nach zwei Wochen:
Wenn man mit einer Schreibmaschine schreiben möchte, dann ist diese Standard Continental eine derer die für mich an ganz vorderster Stelle rangiert. Ich beginne immer mehr sogenannte Standardmaschinen zum schreiben zu bevorzugen. Ist ja auch klar, denn nicht ohne Grund standen genau diese Bürokolosse als unermüdliche Arbeitstiere millionenfach in den Büros der ganzen Welt.

Optisch ist sie ein Genuss. Zudem schreibt sie absolut wunderbar, klar, geschmeidig und leise. Diese Maschine lehrt mich die Vierreihige Tastatur mit einfacher Umschaltung wieder zu favorisieren. Die Vierreihige ist einfach ergonomischer und logischer als eine Dreireihige Tastatur mit doppelter Umschaltung. Wie gesagt, wenn man damit schreiben möchte. Alles in allem zur Zeit eine meiner Lieblingsmaschinen zum schreiben.

© 2019 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

5 Gedanken zu “Continental Standard, Bj. 1936 (23)

  1. Nachdem ich wegen Deinem Hang zu portablen Vorkriegsmaschinen auf Deiner Webseite gelandet bin, ist mir neulich eine Mercedes Büromaschine zugeflogen. Was Du über die dicken Dinger schreibst kann ich voll bestätigen. Leider ist die Mercedes innen so rostig, dass die nicht wieder zum glänzen zu bringen ist, ohne sie komplett zu zerlegen (und selbst dann…). Schreiben damit ist aber ein Traum (und das reicht mir). Eine M40 ist schon im Anflug (breite Walze, keine Kr), mal sehen, ob diese der Mercedes Konkurrenz machen kann. (Die fehlt in deinem Dicke Dinger Menu.) Bei den portablen Maschinen belasse ich es bei meiner Erika Modell 5.
    Danke für Deine sehr informative und unterhaltsame Webseite.

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  2. Ich habe hier noch eine tolle „geheime“ Einstellung für dich (und alle die es interessiert), die ich bei der ausführlichen Restauration einer 1938er Conti Standard kennengelernt habe: Beim Umschalten auf Großbuchstaben wird ja die Walzeneinheit angehoben und die ist ziemlich schwer. Daher gibt es hinten im Wagen, unter dem Blech mit dem Continental-Schriftzug (abschrauben), eine starke Feder, die den Hubvorgang unterstützt und der Schwerkraft entgegenwirkt. Diese Feder kann man mit einem Zahnmechanismus nachstellen, sozusagen härter machen. Bei meiner Maschine geht das Umschalten jetzt wieder wunderbar leicht und elegant.

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