Remington Portable 2, 1929 (40)

Abholttag: 06. Januar 2020
Modell: Remington Portabe 2 • Exportversion
Mechanik: Oberaufschlag mit aufstellbaren Typen
Seriennummer: V 141570
Baujahr: 1929
Farbband: 13 mm auf speziellen Spulen
Renoviert von: Heiko Stolten im Januar 2020

1. Foto im Originalzustand am Kauftag. Ganz ordentlich soweit! Mit aufgestelltem Typenfächer.

Der Anzeigentext lautete:
„Antike Schreibmaschine“. „Diese alte Schreibmaschine ist ein eyecatcher und ein echtes Liebhaberstück. Da der Deckel fehlt ist sie ein wenig eingestaubt“.

Dahinter verbarg sich, wie auf einem etwas unscharfem Handyfoto zu sehen war, eine Remington Portable. Ich habe aktuell nichts in der Werkstatt zu tun und hatte mich schon an einer wuchtigen Dalton Rechenmaschine aus den 1920er Jahren vergriffen die seit einem Jahr unbeachtet herum steht. Da war die Entdeckung der „Lütten“ eine willkommene Abwechslung für mich. Und eine besondere Mechanik bringt sie auch mit.
Der geforderte Preis der Remington stimmt, hier handel ich gar nicht erst. Die Entfernung stimmt auch und die Verkäuferin ist nett. Drei Grundlegende Voraussetzungen die einen baldigen Besitzerwechsel einer Schreibmaschine ankündigen.

Ihre ID-Card – Baujahr 1929

So geschehen am 6. Januar 2020. Ich hole die kleine Amerikanerin nach Feierabend in Bargteheide in Schleswig Holstein ab. Sie ist so klein und leicht, dass ich sie schon dreißig Minuten nach Feierabend wie ein Kellner, nur auf einer Hand zum Auto balancieren kann.
Es fehlte mir eigentlich nur noch ein kultiges Dinnerjacket, ein weißes Hemd und Fliege, sowie ein weißes Serviertuch am Arm um diese Szene glaubhaft machen zu können. Richtig niedlich die kleine die ich auf meinen Beifahrersitz serviert habe. Typenfächer rauf, Typenfächer runter, das waren meine ersten Spielereien an der ersten roten Ampel der ich habhaft werden konnte. Echt witzig das Teil. Ich denke wir mögen uns schon.

Zustandsbericht
Optisch matt
Staubig, aber nicht verdreckt (das ist selten)
Der Kofferdeckel fehlt (kann ich verschmerzen, brauche ich eh nicht)
Die Aufzugschnur ist gerissen (wird erneuert • Das wird fummelig)
Ansonsten komplett. Mit einer neuer Aufzugschnur wäre sie voll funktionsfähig

Und hier mit abgesenktem Typenfächer im Originalzustand.

Ein Modell mit Geschichte

Auf so einer Remington Portable, genauer gesagt auf einer aus dem Jahr 1928, haben im Juni 1942 und im Januar/Februar 1943 Hans Scholl und Alexander Schmorell die Wachsmatrizen für ihre Flugblätter der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ getippt.
Diese Maschine wurde im Februar 1943 beschlagnahmt, und im selben Monat dem Volksgerichtshof in München als Beweismittel gegen Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst vorgelegt. Diese Portable befindet sich heute im Besitz des Weiße-Rose-Instituts in München.

Über die Remigton Portable

Meine Meinung! Die Remington Portable ist eine der interessantesten Kleinschreibmaschinen die es gibt und immer noch toll beschreibbar ist. Die Portable mit ihren aufklappbaren, bzw., versenkbarem Typenfächer überrascht auch heute noch jeden der sie sieht. Dadurch das die Typen versenkbar sind wird die Maschine sehr viel flacher und handlicher. Mit Koffer, den ich ja nicht habe, misst sie gerade mal 10 Zentimeter Höhe. Zum Betrieb wird der gesamte Typenkorb mit dem auf der rechten Seite befindlichen Hebel angehoben. Jetzt können die Typen im 45 Grad Winkel von oben auf die Walze schlagen. Das Schriftbild ist dadurch jederzeit sichtbar. Damals ein unschlagbares Werbeargument für eine flache Reisemaschine. Und so kam es dann auch. Dieses Modell war außerordentlich erfolgreich.

Wenn die Typen hoch gestellt sind erinnert dies optisch, wie ich finde, an eine Spinne in warnender Haltung. Das Tippen auf ihr hat für mich genau wegen dieser mechanischen Besonderheit seinen reiz, auch wenn es später wesentlich ausgefeiltere Kleinschreibmaschinen gab, wie die Hermes Baby zum Beispiel.
Die Remington Portable war 1920 die erste Reiseschreibmaschine mit einer Viererreihen Tastatur und einfacher Umschaltung.
Für mich allerdings ist sie die erste Schreibmaschine des Jahres 2020. Viel wird es an ihr nicht zu tun geben, wie es aussieht. Also, auf geht’s!

Modell 1, 2, 3 oder 4 ?
Kuriositätenkabinett oder nicht ?

Die Suche über das Internet nach der richtigen Modellbezeichnung für diese Maschine ergab widersprüchliche Aussagen für mich.
Mal sollte es ein Modell 1 sein, mal wurde sie mir als das Modell 2 beschrieben. Hier und da kam das Modell 3 in Frage. Eine Quelle spricht davon das das „V“ vor der Seriennummer für Modell 4 steht. Ein Besonderes Merkmal für diese Widersprüchlichkeiten sind die Schutzbügel links und rechts, Außen an den Typen, die dieser Maschine fehlen. Diese Schutzbügel gab es beim Modell 1 noch nicht. Diese kamen erst mit dem Modell 2 zum Einsatz. Dennoch, damit das meiner Maschine diese beiden Schutzbügel fehlen, wird sie nicht automatisch zum Modell 1. Dafür ist sie leider zu jung. Warum ist das so widersprüchlich?
Die Erklärung hierfür liefert mir freundlicherweise ein Kollege mit fundiertem Fachwissen aus unserem Sammlerverein I.F.H.B.

... Der Schutzbügel-Haken kam erst beim Modell 2 hinzu. Modell 3 und 4 hatten dann keinen Typenkorb-Faltmechanismus mehr. Diese Maschine ohne Schutzbügel ist trotzdem das Modell 2, aber die vereinfachte Ausführung für den Export nach Europa. Hierfür hat man den Bügel und die rechte Umschalttaste weggelassen.
Der Einzel-Buchstabe V wird ab dem Modell 2 beginnend mit September 1928 verwendet.


Nun kommt Licht in die Angelegenheit.

Aufzugschnur erneuern

Gesagt, getan! Und das war’s dann auch schon gleich wieder. Die Aufzugschnur ist gerissen, was ja eigentlich kein Problem ist. Hier aber schon! Ich weiß nicht welchen richtigen Verlauf die von der Aufzugdose auf die andere Seite des Wagens, zu ihrer Befestigung nimmt. Hier ist kaum Platz um etwas hindurch zu führen. Alles ist winzig klein und eng.
Entweder verläuft die Schnur vor oder unter den Wagen, oder mitten durch. Irgendwie sehen alle Möglichkeiten nicht wirklich praktisch und Gangbar aus. Das habe ich so noch nicht erlebt. Eigentlich ist eine neue Aufzugschnur innerhalb von wenigen Minuten eingesetzt und gespannt. Diese hier sieht nach einem Problemfall aus.

Ungewöhnlich, die Zugschnur hängt schlaff unter der Maschine, weil auch der Zugmechanismus unter der Maschine verbaut ist. Das sieht fummelig aus!

Des weiteren bräuchte ich mal wieder die filigranen Fingerchen einer japanischen Geisha. Und das möglichst sofort, also jetzt und umgehend!
Hier ist vieles vorhanden, aber so gut wie kein Platz für eine Aufzugschnur. Oder doch? Vorher war ja auch eine montiert!
Mein erster Versuch die Originalschnur, die noch lang genug ist, wieder einzusetzen gelingt zwar nach vielem Gefluche. Das ich die Schnur an einem dünnen Schaschlikspieß fest tapen muss um sie hier irgendwo hindurch pfriemeln zu können war mir schon klar. Ich habe sie aber offensichtlich falsch zur Befestigungsschraube durch das Wageninnere geführt. Nach drei Zeilen Text klemmt etwas und sie reißt in ihrer Mitte durch. Super!!!
Okay, nehme ich eine Nylonschnur. Das beantwortet mir jedoch noch immer nicht wie der Verlauf der Schnur ist. Die Suchmaschine hat nach längerer Suche keine Antworten parat!

Frage und Hilferuf absetzen, und zwar diese mal direkt in das Schreibmaschinen-Netzwerk und die Suchmaschine dabei außer acht gelassen. Noch am selben Tag, passend nach Feierabend, bekomme ich von einem Kollegen aus dem I.F.H.B. einige Fotos zugeschickt auf denen der Verlauf der Aufzugschnur dokumentiert ist. Klasse! Danke!

Dennoch, ich fasse es nicht, brauche ich geschlagene 40 Minuten um die Schnur durch die winzigen Ösen, Führungen und vor allem durch den Wagen hindurch zu führen. Das war die bisher längste und fummeligste Operation an einer Aufzugschnur überhaupt. Aber nun tippt die Remington Portable 4 wieder und der Wagen zuckt wie er soll.

Alle Typen hoch“! Erster Text mit neuer Aufzugschnur

07. Januar 2020

Putzen und aufpolieren

Mehr ist hier nicht nötig. Die Remington ist etwas verstaubt, aber nicht verdreckt. Leider ist der Lack nicht mehr der tollste. Der sieht aus wie ein altes Ölgemälde, etwas brüchig, aber auch irgendwie schön. Oder gehört das so?
Das putzen und polieren ist hier wirklich schnell beendet. Eigentlich viel zu schnell, es hatte keine zwei Stunden gedauert. Aber was solls, morgen kommt endlich meine zweite Archo an und ich kann wieder nach Herzenslust basteln.

Was die kleine Remington Portable für mich so attraktiv macht ist ihre beeindruckende Mechanik. Die Mechanik, dass sich der gesamte Typensatz im Ruhezustand flach auf die Maschine legt, und er sich per Knopfbetätigung in einem 45 Grad Winkel aufstellen lässt wenn man schreiben möchte. Ich mag Schreibmaschinen mit „Besonderheiten“.

Die kleine Amerikanerin mit deutscher Tastatur ist so eine Schreibmaschine mit genau diesem Merkmal. Dieses Modell mutete damals sicherlich sehr futuristisch an. Ich jedenfalls bin begeistert darüber das sie nach so langer Zeit, sie ist jetzt 91 Jahre alt, noch immer so gut in Schuss ist und geschmeidig ihren Dienst tut.
Und was für mich eine weitere Kaufentscheidung war, und somit ein weiteres Schlagkräftiges Argument für sie ist: Sie ist klein, flach und leicht. Sie wird, wenn wir unterwegs sind, in unserem Wohnmobil ihr Zuhause finden. Hier zählt ja bekanntlich jedes Gramm an Gewicht, und sie wiegt nur etwa 3 Kilo.

© 2020 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

4 Gedanken zu “Remington Portable 2, 1929 (40)

  1. Die Maschine wurde in Berlin gefertigt. Bezeichnung: Remington Compact. Dieses Modell zählt zur zweiten Version,Staubschutz,
    aber ohne den zweiten Umschalter. Das Modell war etwas preiswerter.
    MfG

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  2. Hallo, habe auch das Problem mit der Aufzugsschnur einer Remington Portable. Könntest du mir die Bilder über den Verlauf zukommen lassen?
    Ist die Schnur noch irgendwo zu bekommen?
    Danke und Grüße
    Peter

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