Perkeo 2, Baujahr 1923 (61)

Angekommen: 29.10.2020 aus Puchheim/Bayern
Modell: 2
Herkunft: Dresden, Deutschland
Seriennummer: 28036
Baujahr: 1923 (SN von 20000 – 30000 liegen zwischen 1920 und 1924)
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm auf speziellen, kleinen Spulen
Restauriert von: Heiko Stolten im Oktober 2020

Etwas zur Perkeo

Die Perkeo ist das Nachfolgemodell der „Albus“, sie ist wesentlich stabiler gebaut und fast alle Teile können leicht ausgewechselt werden. In Frankreich ist die Maschine auch unter dem Namen „Galiette“ in kleinen Stückzahlen verkauft worden.

Erstes Foto nach dem auspacken.

Die Albus wurde in Wien hergestellt. Ihr war jedoch kein großer Erfolg beschieden, und so verkaufte man 1912 die Fabrikationseinrichtungen an die Firma Clemens Müller aus Dresden. Diese brachte noch im selben Jahr die überarbeitete und verbesserte Albus unter dem Namen „Perkeo“ auf den Markt. 
Das noch weiter verbesserte Modell 2 kam 1914 auf den Markt, und bereits ab 1925 wurde die Perkeo von der „Urania-Piccola“ abgelöst.

Die Seriennummern sind etwas kurios: Für das Modell 2 beginnen sie im Jahr 1920 mit der Nummer 20.000 und gehen weiter bis zur Nummer 30.000 im Jahr 1924. Für das Jahr 1924 wird dann plötzlich die Nummer 60.000 angegeben. Man nimmt an, so schreibt der Burghagen Verlag, dass die fehlenden 40.000 Seriennummern für die Urania Piccola genutzt wurden. Für die Perkeo Modelle im Zeitraum von 1920 bis 1924 kann man also kein eindeutiges Baujahr bestimmen.

Zeitgenössische
Werbung


Perkeo“ war übrigens der Name eines legendären, kleinwüchsigen Mannes, der im 18. Jahrhundert als Hofzwerg oder Hofnarr am Heidelberger Hof für seinen Witz, seine Schlagfertigkeit und seine Trinkfestigkeit bekannt war. Ob die Perkeo ihren Namen nun von der kleinwüchsigkeit, der schlagfertigkeit oder gar der trinkfestigkeit des Herrn Perkeo’s bekam …. Wer weiß?

So kommt das klappbare
Zwerglein zu mir

Am 20.10.2020 entdecke ich eine ziemlich unscheinbare Annonce in den Kleinanzeigen. Eine Annonce ohne Fotos, nur ein kurz gefasster Text verrät mir das es sich um jene besondere Maschine handeln müsste die ich schon länger suche. Eine die sehr selten Angeboten wird und die mir, wenn sie denn mal angeboten wird, immer viel zu teuer war. Eine Perkeo! Nur welches Modell und welches Baujahr war nicht in Erfahrung zu bringen. Preislich waren wir uns schnell einig, die Verkäuferin und ich. Nur mit den Fotos, dass war das so eine verzwickte Sache. Diese zu bekommen dauerte eine ganze Weile. Die Dame hatte erst Probleme diese der Anzeige hinzuzufügen und dann eben solche sie mir per eMail zu senden.

Für Sammler. Perkeo Schreibmaschine von ca. 1920. Versand möglich. Preis „VB“

Erst per socialmedia gelang es ihr mir diese vier unscharfen Fotos zu senden. (siehe unten) Schon erstaunlich, eine ältere Dame kommt besser mit einem Nachrichtendienst per Handy zurecht als damit ein Emal zu senden. Egal hat’s halt ein paar Tage gedauert. Das regt die Vorfreude an.

Vier dunkle und unscharfe Fotos die fast nichts aussagen

Hmm, tja, soll ich nach diesen Fotos eine Schreibmaschine beurteilen? Ich habe bisher noch keine Perkeo leibhaftig in Händen halten können. Ich bin also nicht nur unentschlossen sondern auch ziemlich Ahnungslos worauf ich mich mit der Perkeo einlasse.
Bis auf eine Schraube, so wie es scheint, und zwar die für die linke Farbbandspule scheint sie aber komplett zu sein. Ich kenne nach wie vor weder die Seriennummer, noch das Modell, noch kenne ich das Baujahr oder weiß ob sie funktioniert. Die Dame konnte mir all diese Fragen nicht beantworten. Okay, bei 40 Euro kann ich die Perkeo im schlimmsten Fall auch als Teileträger einsetzen. Doch wofür? Ich habe ja noch nicht einmal eine Perkeo die ich mit fehlenden Ersatzteilen versorgen könnte. Ich gehe aber trotz aller Ungewissheit auf den Handel ein. Mal sehen was passiert. Ich verlasse mich auf mein Glück.

Sie trudelt ein …

Die gute Nachricht, nachdem sie aus einem wirklich gut verpackten Karton hervor gekommen lautet …, die Schraube für die linke Farbbandspule, wie auf den Anzeigenfotos zu sehen, fehlt nicht. Diese hatte die Verkäuferin, wie sie mir später sagte, aus Unwissenheit darüber wo sie hingehören konnte mit Klebeband an den Rücken der Perkeo geklebt. Super! Die Schrauben einer Klapp Erika 2 hätten zwar auch gepasst, das habe ich ausprobiert, und die hätte ich auch von einer Schlacht-Erika parat gehabt. So nun ist die Perkeo also zu Einhundert Prozent komplett. Das Glück war wieder einmal mit mir.

Mit der Schraube auf der linken Farbbandspule. Staubig aber gesund.

Damit ist sie also doch komplett und es fehlt ihr an nichts. Dann hat sich das Wagnis sie fast blind zu kaufen also gelohnt, und sie wird nicht als Teileträger enden.
Einziger Mangel: Die Aufzuschnur ist gerissen. Das sehe ich aber nicht als ein Mangel an. Die Schnur sollte aber schnell wieder ersetzt sein.

Aufzugschnur gerissen!

Das ist eine Erika, eine Klapp-Erika

Was man damals in den 1920er Jahren scheinbar, und das ohne dafür belangt zu werden, einfach so kopiert hatte wäre heute als Plagiatvorwurf vor Gericht gelandet. Das wäre ein Gerichtsverfahren namens Seidel & Nauman vs. Clemens Müller geworden. Aber es war wohl, wie ich erfahren habe, ein Lizenznachbau und keine Raubkopie.

Erika / Perkeo Vergleich.

Es sind zwar Unterschiede zu erkennen, aber hier wurde ganz klar, mit ein paar kleinen optischen Veränderungen zwar, nachgebaut. Natürlich gibt es noch weitere Unterschiede. Zum Beispiel braucht die Erika ein 16 mm Farbband, während die Perkeo mit einem üblichen 13 mm Band auskommt. Aber der Klappmechanismus ist 1: 1 kopiert. Ich habe es nicht ausprobiert, aber ich denke die könnten untereinander getauscht werden.
Nur die Stützen für den eingeklappten Wagen sind unterschiedlich. Während die Erika ausklappbare Stützen aus Metall hat, kommt der Wagen der Perkeo auf festen Stützen, die links und rechts neben der Tastatur zu sehen sind zum liegen. Nun gut. In jedem Fall sind beide, die Erika und die Perkeo wirklich ansehnliche Kleinschreibmaschinen. Wohl die schönsten die je gebaut wurden, wenn man noch die Corona daneben stellen würde.

Um es schon mal vorweg zu nehmen. Sie schreibt wieder! Erstes Foto nach dem ersten Schreibtest mit der Perkeo.

Erste Einsichten

Eine kleine, wie es anfangs nicht den den Anschein hatte, Schmuddel-Prinzessin. Zumindest innerlich, denn äußerlich sah sie nach dem auspacken und auf den ersten Blick recht ordentlich aus. Im Inneren hat zwar Gott sei Dank kein Zahn der Zeit genagt, dafür aber hat sich die Zeit selbst als Künstlerin betätigt. In der Perkeo wurde mit Jahrzehntelangem Fleiß und unendlich bedächtiger Geduld Staubkörnchen für Staubkörnchen miteinander zu einem weichen Teppich verflochten. So weich und trocken, das er, als ich den Kompressor zum auspusten ansetzte, sich beinahe komplett wie eine Nebelschwade aus der Perkeo heraus bewegte. Fast so wie ein Flaschengeist oder ein Sandsturm im Kleinformat.

Nach dem entblößen zeigte sich mir dieses Bild. Puh, das war aber ein langer Stillstand.

Die Perkeo, dass habe ich vorher schon gelesen, lässt sich sehr leicht auseinander nehmen. Das stimmt schon mal, allerdings kannte ich das ja bereits von meinen drei Klapp-Erika’s.

Zwei Schrauben lösen, und die vordere Verkleidung ist schnell entfernt. Noch zwei weitere Schrauben entfernen und der Wagen ist demontiert.

Nachdem ich also nur vier Schrauben gelöst habe sieht die Perkeo so aus. Praktisch, ich komme jetzt überall gut heran um sie zu reinigen. Ich könnte jetzt noch das Segment entfernen und die Typenhebel ausbauen. Das wäre beinahe ebenso einfach. Wohl eine Fummelarbeit, ganz klar, aber einfach! Das hat die Perkeo allerdings nicht nötig, und so belasse ich es dabei Staub zu wischen.

Die Maschine wäre ein Erbstück des Vaters, sagte mir die Verkäuferin, die augenscheinlich auch nicht mehr zur jungen Generation zählt. Und somit, und weil die Perkeo wohl nur privat und in Privaträumen genutzt wurde, sie zu ihren Dienstzeiten gut gepflegt wurde, ist das was hier als Dreck zu sehen ist nur loser Staub und ein paar Spinnweben aus einer geschätzt über Vierzigjährigen Stillstandzeit. Keine Nikotinanhaftungen, keine verharzten Ölklumpen und Schmierfilme sind an ihr zu finden. Das lässt auf eine verhältnismäßig kurze Wiederbelebung hoffen.
Das einzige was auf Anhieb nicht so gut funktioniert sind die Typenhebel. Einige sind etwas, wie man so sagt, Lahmarschig, und kommen nur langsam von ihrem Anschlagsort zurück. Auch die Tastatur braucht etwas mehr Pflege. Aber immer Gemach! Eines nach dem anderen!

Wiederbelebung

Größenvergleich mit einer Standard Büromaschine, einer Stoewer Record

Wie gesagt, auf den ersten Blick etwas dreckig, aber auf den zweiten Blick ganz harmlos und unspektakulär. Das ist ja auch mal ganz schön. Ich möchte somit den geneigten Leser nicht schon wieder mit den stets wiederkehrenden; wieviel Staub, Dreck, Patina und sonstwas ich aus einer Maschine heraus befördert habe und wie viele Putzlappen ich verbraucht habe langweilen. Ob große oder kleine Schreibmaschine. Es ist ja immer das selbe, also kann ich jetzt mal sagen dass die Perkeo nach etwa fünf Stunden wieder im voller Pracht vor mir steht. Somit ist die Überschrift für diesen Absatz pure Prahlerei, denn sie brauchte gar nicht wiederbelebt zu werden, sie lebte noch und brauchte nur geputzt zu werden. Punkt!

Die neue Aufzugschnur bereits installiert.

Na gut, das sei aber bitte noch erwähnt. Eine neue Aufzugschnur habe ich ihr geschenkt. Es scheint, als verstünden wir uns, die Perkeo und ich.

Große oder kleine Schreibmaschine

Sie schreibt wieder. Ja, so würde ich es durchaus bezeichnen. Sie schreibt wieder, und für ihre Verhältnisse sogar sehr gut. Sie tut genau das wofür sie einst geschaffen wurde. Aber …
Immer dieses „aber„!

Fertig! Hier der erste Bogen beschriebenes Papier

Dies ist eine Kleinschreibmaschine. Es gab aber, wie ja jeder weiß, auch große Schreibmaschinen, die dicken Standard Büromaschinen die professionell und im Berufsleben genutzt wurden.
Warum wohl?
Nun, weil die großen eben sehr viel besser schreiben, und dies heute auch noch tun. Möchte ich einen längeren Text schreiben, greife ich oft zu einem meiner Dickschiffen und nicht zu einer Reiseschreibmaschine, einer sogenannten Kleinschreibmaschine.
Selbst die mittelgroßen Maschinen, so eine wie Beispielsweise eine Olympia SM, Triumph Norm oder die späteren Alpinas, Gabrieles und Monikas schreiben nicht so komfortabel und elegant wie eine große Standard Maschine.
Das liegt daran, dass große Maschinen allein schon durch ihre Größe einen entscheidenden Vorteil haben. Sie haben einen längeren Hub der die Anschlagskraft sehr viel präziser auf die Typen, bzw. Typenhebel überträgt. Viele große haben Kugelgelagerte Typenhebel, was bei einer kleinen aus Platz- und Gewichtsgründen nicht der Fall ist.
Je kleiner eine Maschine also ist, desto weniger Hub und desto knalliger ist ihr Anschlag, sowie die Kraft die man aufwenden muss um einen präzisen Anschlag zu finden. Eine große schreibt gefühlt fast von alleine, eine kleine ist da oft nicht so umgänglich.
Man kann das wohl am ehesten mit einem Klappfahrrad und einem normalem Tourenfahrrad vergleichen. Ein Klappfahrrad ist eher behelfsmäßig, eine bessere Variante kleine Strecken nicht zu Fuß gehen zu müssen. Ein Tourenfahrrad mit großen Rädern hingegen bietet sehr viel mehr Komfort, Laufruhe, Geschwindigkeit bei weniger Kraftaufwand und ist für lange Strecken und Bequemlichkeit ausgelegt.

Die Perkeo ist also nicht dafür gemacht um lange Texte zu schreiben, was ich mit ihr auch sicherlich nicht machen werde. Ich schreibe ja mit meinen Mittelgroßen auch keine ausgedehnten Texte. Höchstens mal einen Brief an meinen Brieffreund.

Fertig

Was die kleinen allerdings, und vor allem die in den 1920er Jahren herum und früher gebauten im Gegensatz zu ihren großen und Gleichaltrigen Schwestern haben ist ihr Witz, ihr Charakter und Charme.
Man sieht ihnen förmlich die Freude an die ihre Konstrukteure daran hatten wie sie alles mögliche unternahmen um eine Schreibmaschine für den Privatgebrauch zu verkleinern. Die Perkeo, die Corona und die Erika 1 bis 4 sind solche Beispiele dafür wie versucht wurde eine große Schreibmaschine zu verkleinern. In diesen Fällen sogar mit einem Klappmechanismus versehen. Es gibt weitere tolle Ideen dafür. Die Klein Adler 1, die Remington Portabe, deren Typenkorb man versenken kann oder die Blickensderfer (die erste Reisemaschine überhaupt) seien hier nur einmal als drei Stellvertretende Beispiele genannt

Und das ist es was ich an den alten Kleinschreibmaschine mag, die Raffinesse mit denen sie konstruiert und gebaut wurden. Dieser Witz und dieser Charakter, so finde ich, fehlt den Klein- und Mittelgroßen Maschinen nach 1945. Gegen eine Perkeo wirkt zum Beispiel eine Olympia SM bieder und witzlos. Technisch sicherlich ausgereifter, aber lange nicht so verspielt und ansehnlich. Die SM ist eine gute Schreibmaschine, aber an ihr kann man sich schnell satt sehen, an einer Perkeo nicht wirklich.

Ein Gesamtkunstwerk, wie ich finde!

© 2020 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

2 Gedanken zu “Perkeo 2, Baujahr 1923 (61)

  1. Hallo Heiko, diesmal bin ich als beinahe Dresdner und Seidel & Naumann Fan zum Kommentar fast aufgerufen 😉 Die Albus, die Klapp-Erika und die Perkeo sind alles offizielle und genehmigte Lizenznachbauten der Standard Folding aus den USA, mit nur kleinen Modifikationen. Die Ähnlichkeiten sind daher völlig in Ordnung, müssen so sein und sind dennoch kein Plagiat. Weiterer Lizenznehmer war auch die Sächsische Strickmaschinenfabrik Meteor, welche unter gleichem Namen ebenfalls eine Schreibmaschine nach der Standard Folding fertigte. Ob es noch mehr Lizenznehmer im In- und Ausland gab, konnte ich so schnell nicht recherchieren. Wie heute auch, sind Lizenzen oft günstiger als die Eigenentwicklung eines Produktes, besonders für den ersten Einstieg in die Fertigung. Also weder heute noch damals Grund für einen Rechtsstreit. 😉 Viele Grüße, Torsten

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