AEG Mignon, Modell 4, Bj. 1924 (3)

Abgeholt: Dezember 2017 in Sinstorf
Modell: AEG Mignon , Modell 3
Herkunft: Deutschland, Berlin
Seriennummer:
Baujahr: 1924
Mechanik: Indexmaschine mit Typenkopf
Farbband: 13 mm
Renoviert von: Heiko Stolten im Dezember 2017

AEG Mignon Titelfoto

Meine 1. Mignon

Gefunden habe ich sie „rein Zufällig“, im Zuge meiner Recherche in den Anzeigenbörsen des Internet. Gesucht habe ich, wie seit der Wiederbelebung der Olympia Simplex, nach einer Schreibmaschine im klassischen Sinne. Mit einer Tastatur. Das es auch Schreibmaschinen ohne die übliche Tastatur gibt, bzw. gegeben hat, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das die Tastatur anders oder gewöhnungsbedürftig wäre wusste ich seit der Adler Modell 7 schon. Aber so ganz ohne Tasten? Das war für mich kurios.
Und genau so eine Maschine tauchte bei scrollen auf. Ich habe das erst gar nicht als Schreibmaschine erkannt und dachte da wäre ein Artikel versehentlich unter der Rubrik „Schreibmaschinen“ zum verkauf eingestellt worden. Und der Markenname „AEG“? Darunter kannte ich bisher nur elektrische Haushaltsgeräte wie Staubsauger, Küchenmaschinen, Föhne und dergleichen. Aber eine Schreibmaschine? Der Anzeigentext sagte jedoch, dass es sich um eine Schreibmaschine handeln würde, eine, wie da geschrieben stand, eine Zeigerschreibmaschine.

AEG Mignon aussen Vorher_Nachher
LINKS: Vor der Reinigung  RECHTS: Nach der Reinigung

Hierbei ist das Internet ja immer eine große Hilfe. „AEG Mignon“ als Schlagwort eingegeben, und es wurde unzählige Beschreibungen, Fotos und Verkaufsanzeigen ausgespuckt. Ahah, die Maschine hat in der Tat keine Tastatur, sondern eine Art Buchstabentableau auf der man mittels des Zeigers den Buchstaben anwählen und treffen muss. Hat man ihn ausgewählt, wird mittels der einen Taste der Schreibkopf auf den jeweiligen Buchstaben gedreht und entweder vor oder zurück geschoben. Dann wird per Tastendruck der Schreibkopf auf das Papier gedruckt. Fertig – man hat einen Buchstaben geschrieben. Die zweite Taste ist für den Leerschritt gedacht.

Vom Ouija Brett zur Schreibmaschine

Im Grunde erinnerte mich das Maschinchen eher an ein spirituelles Ouija Brett (auch bekannt als Gläser rücken) mit dem man per Zeiger oder Glas Buchstabe für Buchstabe einen Text bildet, der so durch die Geisterwelt übermittelt wird. So etwas kennt glaube ich jeder, auch wenn es nicht gerne zugegeben wird. Alles in allem gefiel mir der Name zuerst, obwohl ich nicht wusste was „Mignon“ bedeutet. Das Internet sagt dazu, es wäre französisch und bedeutet: Niedlich, hübsch oder knuffig. Mich erinnerte das eher an das plattdeutsche: „Mien Jung“, also „Mein Junge“!

AEG Mignon Innen Vorher_Nachher
LINKS: Vorher  RECHTS: Nachher

Ob sie nun niedlich oder knuffig ist konnte ich anhand der Fotos, und weil ich so eine Schreibmaschine in Natura noch nie gesehen hatte, nicht beurteilen. Hübsch aber ist sie auf jeden Fall. Der Inserent hatte einen VB Preis von 75 Euro veranschlagt. Zur Maschine, so schrieb er, würde es noch den Original Holzkasten mit Aufschrift geben. Er könne jedoch nicht prüfen, ob die Maschine funktionstüchtig ist, denn das Farbband würde fehlen. Jedoch würde sich alles bewegen, obwohl die Mignon viele Jahrzehnte ein unbenutztes Dasein auf einem Dachboden fristete. Gutes Angebot, dachte ich, und es wäre etwas besonderes. Nur ich müsste weit fahren, etwa 60 Kilometer, denn das gute Stück stand in der Nähe von Sittensen, und es gab für den Inserenten keine Möglichkeit sie per Paketdienst zu verschicken. Ich glaube eine Schreibmaschine per Paketdienst zu verschicken ist sehr wagemutig. Wer einmal gesehen hat wie in einem Paketzentrum mit den Kartons umgegangen wird, wird das bestätigen können. Wie schnell können die filigranen Teile einer Schreibmaschine abbrechen, da ist es egal ob ein Paket versichert ist oder nicht.

Wieder gingen wir, der Inserent und ich durch zähe, schriftliche Preisverhandlungen. 75 Euro Verhandlungsbasis! Ich bot ihm zunächst einmal 30 Euro an, und das ich die Maschine nähme wie sie ist, also auch eventuell funktionsuntüchtig, und das ich die Maschine selbst abholen würde. Wieder schien sich niemand für die Maschine zu interessieren, nur ich alleine. Also wartete ich ab, und hoffte der Inserent möchte die Mignon so schnell wie möglich los werden. Wollte er auch, wie er sagte, und schickte mir auch einen Tag später einen Preisvorschlag, der da lautete: „50“ Euro. Ich wartete dieses mal zwei Tage, bis Samstagmorgen ab und beobachtete den Besucherzähler seiner Anzeige. Die rückte und rührte sich nicht. Wir hatten den 2. Advent hinter uns, und standen kurz vor Weihnachten und Silvester, was wohl auch ein Grund dafür gewesen sein mag. Am Samstag schrieb ich ihm, das ich mit 45 Euro einverstanden wäre, und wenn er einschlagen würde, ich Heute noch vorbei kommen könne. „Nein, heute geht nicht, ich muss arbeiten“, war sein Kommentar. Morgen aber, wenn ich Sonntag käme, wäre er mit 45 Euro einverstanden.

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Der Schreibkopf mit den Typen

Jetzt zeigte ich meiner Liebsten meine mögliche Errungenschaft, und ob wir morgen einen Ausflug in die Heide machen wollen. Nebenbei könnte ich die Maschine abholen, und anschließend machen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch die Heide. Sie daraufhin: „Die Maschine finde ich doof, aber wenn du sie magst – Ja dann lass uns in die Heide fahren“ Gesagt, getan! Das Wetter wurde allerdings unterwegs so schlecht, das wir den Spaziergang mit Kaffee und Kuchen in einem Landgasthof eintauschten.

Wieder eine Maschine vorm Recyclinghof gerettet

Die Übergabe der Maschine ging dann Blitzschnell über die Bühne. Der Verkäufer sagte mir er hätte die Maschine von einem Freund mitgenommen, der sie zum Recyclinghof bringen wollte. Sein Freund hatte den Dachboden ausgemistet und dafür einen Container bestellt. Hieraus fischte mein Verkäufer die Mignon samt Holzkoffer. Guter Mann! Deswegen, und weil er sich für Schreibmaschinen überhaupt nicht erwärmen konnte, dieses Teil aber für antik erachtete, dachte er, er könne dafür einen Liebhaber finden und wenigstens ein paar Euro auf einer Kleinanzeigenbörse damit erzielen. Wie gesagt: „Guter Mann“. Deswegen, so sagte er, wäre er mit 45 Euro vollends zufrieden, und es hätte sich sonst niemand für die Schreibmaschine interessiert. Ich glaube er hatte sogar etwas Mitleid mit mir, weil ich so weit fahre um solch einen „Plunder“ abzuholen. Somit waren wir also beide glücklich, und das ist die Hauptsache.

Kasten Vorher_Nachher
LINKS: Vorher  RECHTS: Nachher

Zuhause angekommen, es war bereits dunkel geworden, haben wir uns unsere AEG Mignon erst einmal nur angesehen. Ein passendes Farbband hatte ich noch auf Lager, alle Teile der Maschine waren zwar schmutzig und mit Patina belegt, aber voll beweglich. Also mal ein paar Zeilen tippen.

Buchstabensuchmaschine

Haha, tippen ist schon mal ein Witz. Suchen trifft es eher! Buchstabe gefunden – klack – und siehe da, er erscheint auf dem Papier. Und in der Tat, die Mignon ähnelt eher einem Ouija Brett als einer Schreibmaschine.

DSCF2325
Die „Tastatur“ oder das Ouija Brett mit Zeiger der Mignon

Mir fehlt wirklich eine gut beleuchtete Werkstatt, denn am nächsten Tag nach Feierabend war es natürlich wieder dunkel. Nichts desto trotz, nach dem Essen räumte ich den Küchentisch frei und inspizierte das Ouija Brett Maschinchen.
Ganz schön staubig und angelaufen. 2 Stunden putzte ich, nahm die Teile ab die mir als am einfachsten erschienen, und unterzog sie einer gründlichen Reinigung und Politur. Das Ergebnis ließ hoffen! Am nächsten Tag habe ich sie mit zur Firma genommen, um sie einer Druckluftreinigung zu unterziehen. „Was hast Du denn da für ein komisches Teil?“ fragten die Kollegen. Das ich hin und wieder eine Schreibmaschine mitbrachte war schon ein gewohnter Anblick geworden. Dieses Gerät aber konnte keiner als Schreibmaschine identifizieren. Also schrieben wir ein paar Worte. Verwunderung, Begeisterung und staunen erregte die Mignon bei den Kollegen.

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Die nächsten Tage schraubte ich ein Teil nach dem anderen ab und polierte den alten Chrom und den Lack wieder auf Hochglanz. Dabei stellte ich fest, das der Mechanismus denkbar einfach ist. Viel simpler als zum Beispiel bei der Olympia Simplex, die ja sogar mit ihrem Namen für Einfachheit prahlt. Aber wohl eher bei der Handhabung als bei der Mechanik. Bei der Handhabung ist die Olympia Simplex der Mignon Haushoch überlegen. In einer alten Beschreibung las ich, wenn ich das richtig erinnere, das man auf der Mignon, wenn man geübt ist, bis zu 200 Anschläge pro Minute hinbekommen kann. Vielleicht waren es auch 300. Lange Texte zu Schreiben ist mit der Mignon jedenfalls absolut unpraktisch, da ziehe ich die Olympia eindeutig vor. Dennoch macht es Spaß, und das knuffige Teil ist wirklich ein Hingucker. Ich frage mich, denn die Mignon wurde damals wohl sehr erfolgreich verkauft, wer sich zu Zeiten einer normalen Schreibmaschine, damals so ein Ding gekauft hatte, und warum? Vielleicht war es der günstige Preis von  80 Mark.

Werbung Mignon
Historische Anzeige für die Mignon

Und was toll ist, hier lässt sich wirklich alles kinderleicht abschrauben, reinigen und wieder zusammen setzten. Selbst der Holzkasten, der ziemlich matt war, ließ sich mit Möbelpolitur wieder auf Hochglanz bringen. Ebenso der verrostete Griff und das Schloss.

Im März 2018 habe ich diese Mignon verkauft, sie lebt nun in Süddeutschland.
Sie war zwar ein ansehnliches Stück, aber sinnvolles schreiben ist auf ihr nicht möglich. Daher haben wir uns getrennt. Dennoch hat es Spaß gemacht sie wieder herzurichten. Und ich könnte mir vorstellen noch eine Mignon zu restaurieren. Mal sehen …

© 2017 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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