AEG, Modell 6, Baujahr 1928 (73)

Abgeholt: 04. Dezember 2021 in Hamburg Lurup
Modell: AEG Modell 6
Seriennummer: 91831
Baujahr: 1928
Farbband: 13 mm DIN, zweifarbig. ACHTUNG: Spezielle Olympia 8/AEG 6 Spulen
Besonderheit: Kippwagenumschaltung
Restauriert von: Heiko Stolten, Dezember 2021

Das erstes Foto. Noch im noch unangetastetem Zustand

Olympia 8 entpuppt sich als das Vor-Vormodell AEG 6

Man kann nicht alles wissen, dass ist ja wohl jedem klar. Bei mir hat sich aber hiermit eine Wissenslücke geschlossen. Ich weiß jetzt, es gab eine Vorläuferin der Olympia 7 und 8. Ein Modell 6, und zwar nicht von Olympia, sondern noch aus der Zeit Olympia AEG hieß.
Das die Firma AEG jene Fima war aus der später „Olympia“ hervor ging, dass wusste ich auch schon. Auch das die Olympia 8 unter verschiedenen Namen verkauft wurde, zum Beispiel als „Erfurt“, „Diplomat“ oder DM, auch das war mir Bewusst. Das es aber ein Modell 6 gab, dass wusste ich wiederum nicht. Ich dachte AEG wäre auch eine Variante der vielen Namen. Hätte ich aber wissen müssen, denn die Mignon ist ja auch von AEG gewesen.
Gesucht hatte ich ein Modell 7 oder ein frühes Modell 8, und zwar wegen der Glastasten die bei diesen Modellen noch eingesetzt wurden und nicht wie später üblich mit Kunststofftasten ausgerüstet waren. Glastasten finde ich einfach schöner und sie fühlen sich viel besser als Kunststofftasten an. Deshalb hatte ich nach einem frühen Olympia 8 oder nach dem Vormodell 7 gesucht.

Gesagt – getan / gefunden – abgeholt !
Und um eine weitere Erfahrung reicher

Das oben am Papierführungsblech „AEG“ anstelle von „Olympia“ zu lesen ist hatte mich erst gar nicht weiter irritiert. Ich hatte mehr auf die Form geachtet, die typische Form der Olympia 8 ohne Farbbandspulen neben dem Segment. Das es sich jedoch um eine waschechte AEG Schreibmaschine handelt, und das sie um zwölf Jahre älter ist als meine 1940er Olympia 8 hatte ich überhaupt nicht realisiert als ich sie das erste mal sah. Und das diese AEG, die ich für eine Olympia 7 oder eine frühe 8 hielt, sich als ein Modell 6 entpuppen würde konnte ich erst recht nicht wissen weil ich die Vormodelle der Olympia 8 nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Erst der spätere Blick in die Burghagen Liste ließen mich Erleuchtung finden. Baujahr 1928 !? Hoijoijoi, was für ein alter Zossen.
Ich hatte mich schon gewundert das die Tabulatoren dieser AEG noch so umständlich per Hand einzustecken sind und nicht automatisch und auf Tastendruck Ein-und ausrücken wie beim Modell 8. Und wozu dient der rote Punkt auf einem der Tabulatorenreiter?

Die Reiter für die Tabulatoren zum selbst stecken. Ganz links der Reiter mit dem rotem Punkt. Das ist die Sicherung für den Wagen. Zieht man diesen Reiter, lässt sich der Wagen spielend leicht abnehmen. Zu der Holzschraube die da hineingedreht wurde komme ich später noch zu Sprechen.

Ich hatte wieder einmal Glück , und das ganz unvorhergesehen, denn ein gut erhaltenes Modell 6 zu erwischen ist, wie ich später höre nämlich genau mit selbigem verbunden, mit Glück. Das Modell 6 ist nicht mehr so oft wie ein Modell 7 oder 8 zu finden. Wobei es das Modell 8 noch recht häufig gibt. Ich ging auf die Suche nach einer Maschine die ich selbst abholen konnte. Diese AEG fand ich, nach dem ich mich dazu entschloss mich etwas mehr auf eine Olympia 7 oder 8 zu konzentrieren, binnen einer Woche. Meine neue Erfahrung lautet:
Es gibt ein Modell 6, eine AEG zwar und keine Olympia, jedoch stammen beide aus einem und dem selben Stall, und sie sind mit kleinen Abweichungen auch noch baugleich. Ja, und begonnen hatte alles mit dem Modell 3. Das wäre jetzt aber eine andere Geschichte. Zudem habe ich bereits ein Zwittermodell gesichtet. Eine Maschine bei der mittig AEG, und rechts daneben Olympia zu lesen ist. Und ein Modell das mit AEG bezeichnet ist und bei dem vorne am Rahmen „Modell 7“ drauf steht.

Warum ausgerechnet so eine
dicke Olympia?

Seit ich 2018 den ersten Bericht über die erste Olympia 8 veröffentlicht hatte bekomme ich dazu ungewöhlich viele Mails mit Fragen, Anfragen und vielem mehr was diese Maschine betrifft. Besonders nach den besonderen Farbbandspulen werde ich oft gefragt. Mich hat das von Anfang an gewundert. Warum ist ausgerechnet diese Schreibmaschine so gefragt? Ich dachte es müsste doch eher eine seltene sein die das Interesse erregt, so wie wie die Hammond 2 oder die Adler 16 zum Beispiel. Beide Modelle habe ich übrigens schon gar nicht mehr.
Nein, es ist die Olympia 8 die für großes Interesse sorgt. Es passiert nicht selten, dass Eltern für ihre Minderjährigen Kinder anfragen, was mich natürlich besonders freut. Kinder lieben offenbar die Olympia 8 – Toll!
Also habe ich mich hingesetzt um meine Statistiken auszuwerten. Ich bin dabei zu folgenden Ergebnis gekommen. Die Olympia 8 bringt es rund auf 2.000 Klicks. Die Hammond 2 nur auf etwa 100.

Eines kann ich jetzt mit Bestimmtheit sagen:
Die Olympia 8 ist die am häufigsten angefragte Schreibmaschine auf diesem Blog, also den „Schlagfertigen Tippsen„. Sie steht mit großem Abstand vor allen anderen Schreibmaschinen auf Platz eins der Beliebtheitsskala. Für viele Menschen, besonders für jüngere gilt eine Olympia 8 als erstrebenswert und als ein echtes „must have„.

Also dachte ich mir daraufhin, ich restauriere ein paar dieser schönen Olympias und beglücke damit jene Menschen die sie so lieben. Dies war meine erste Intention. Und nun habe ich gleich zu Beginn meiner Suche eine AEG 6 ergattert die ich sicherlich erst einmal nicht wieder hergeben werde.
Und das kam so

Die AEG hat mich gefunden

Es trug sich also zu … Nein, keine Märchenerzählerei! Die AEG hatte mich tatsächlich gefunden, und nicht ich sie. Warum, wieso, weshalb mir ausgerechnet eine AEG 6 praktisch vor die Füße gelegt wurde weiß ich (noch) nicht. Möglicherweise wollte sie befreit werden. Schreibmaschinen sind ja mitunter ziemlich Sensibel wenn es darum geht lange still stehen müssen. Das mögen sie alle nicht besonders gerne.
Jedenfalls war die AEG 6 in Hamburg Lurup beheimatet und auch dort abzuholen. Erstaunlich war der Abholort. Er befand sich praktisch genau gegenüber, also auf der anderen Straßenseite vom Haus meiner Eltern.
Somit waren für mich alle Grundvorraussetzungen geschaffen dort selbst, und zwar ohne Parkplatzproblem hin zu kommen, denn die AEG sollte ja auf gar keinen Fall verschickt werden.

Samstag, 9:00 Uhr, ich hatte vorher noch Brötchen gekauft (Bääh – Große, leichte mit viel Luft darin), stehe ich pünktlich wie vereinbart vor der Haustür und drücke auf den Klingelknopf mit dem mir genannten Namen.

Optisch gar nicht einmal so schlecht. Tja, die Kurbeln fehlen. Und die Typen sind Mattschwarz?? Gehört das so??

Zuvor jedoch hatte ich die Verkäuferin, wie es sich gehört, angeschrieben. Ich wollte zunächst das übliche wissen. Ob sich noch alles dreht und bewegt und ob die Farbbandspulen vorhanden sind. Das konnte man auf den Anzeigenfotos nicht sehen. Postwendend kamen weitere Fotos auf denen zu sehen war das alle beiden Farbbandspulen vorhanden sind, die Kurbeln jedoch fehlen. Mist, wie fast immer!

Ich frage danach ob die Kurbeln noch vorhanden sind. Vielleicht lagen die ja irgendwo daneben. Zur Antwort bekomme ich ein „nein“ und das die Dame im Preis noch ordentlich nach unten gehen wolle, denn die Maschine soll möglichst schnell weg. Das ist mir auch noch nicht passiert.
Ja, und außerdem würde sie wohl defekt sein. Also die besagte Maschine, nicht die Dame. Der Wagen würde ohne einzurasten von Links nach rechts zu schieben sein. Das schieben wäre schwer und er würde dabei komische Gräusche machen und die Typen würden zudem noch klemmen.
Hmm, auf jeden Fall hört es sich nach einem nicht intaktem Zugband an. Wahrscheinlich! Und die Schaltung? Ohah, die könnte auch defekt sein.

Okay! Was wohl ein kräftiger Preisnachlass bedeuten würde? Ich halte mich vorerst zurück und sehe mir die Maschine erst einmal Life und in Farbe an, denn der in der Anzeige geforderte Preis gehört schon zur moderateren Sorte. Nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht das ich einem Modell 6 auf der Spur bin. Für mich war das immer noch eine völlig normale Olympia 7 oder 8 mit Glastasten, nur eben mit dem Namen AEG.

Farbbandspulen vorhanden. Die Kurbeln glänzen durch Abwesenheit. Dafür sind alle vier Gummifüße tadellos intakt und sogar noch weich.

Von knallharten Verhandlungen
und einer schlabbrigen Unterhose

Punkt 9:00 Uhr klingel ich unten an der Treppenhaustür und warte. Die Anbieterin wohnt in der ersten Etage wie sie mir schreib. Es dauert ungewöhnlich lange bis der Summer endlich ertönt und mich einlässt. Naja, vielleicht war sie auf der Toilette. Ich ersteige also, maskiert natürlich, die erste Etage und sehe mich suchend um. Vier Wohnungstüren sind hier im finsteren Flur zu sehen. Keine öffnet sich, Merkwürdig!
Dann entdecke ich den Namen und will gerade klingeln als sich die Tür doch noch einen Spalt breit öffnet. Sehr merkwürdig! Ob ich hier nicht richtig bin? Hmm, der Name stimmt aber. Ein ziemlich verwutzelter Männerkopf lugt fragend aus der dunkeln Wohnung heraus. Ich hatte eine Frau erwartet. Ob die auch so verpennt ausgesehen hätte?

Ich komme wegen der Schreibmaschine

Er murmelt etwas unverständliches und verschwindet wieder. Wirklich sehr merkwürdig. Er telefoniert jetzt hinter der Tür und spricht eine, wie mir scheint Osteuropäische Sprache. Polnisch vielleicht oder russisch. Ich kann das nicht auseinander halten. Dann kommt er wieder heraus und stellt die Schreibmaschine wortlos auf den Treppenabsatz.
Boah ey! Der Kerl, ein langer dürrer, älterer Mann, ziemlich verkatert scheinbar oder verschlafen, hat nur ein zerkittertes T-Shirt und eine miserabel sitzende, labbrige Feinripp Unterhose an.

Ob die mal gewaschen werden müsste??
Jaaa unbedingt!!

Mit einem undeutlichem „da“ stellt er die Maschine ab und hält die Hand auf.

Mooooment ….

Erst mal untersuchen! Tatsächlich, der Wagen lässt sich so als wäre die Freilauftaste gedrückt, schwergängig zwar, aber hin und her schieben. Einige Tasten bewegen sich, lösen aber den Wagenvorlauf nicht aus. Andere Tasten klemmen am Aufschlagsort fest. Die Schreibwalze dreht, aber nur unter ächzendem Protest. Die Heckscheibe fehlt und die Kurbeln, das wusste ich ja bereits, ebenfalls.

Mein erster Gedanke geht dahin diese Maschine als Ersatzteilspenderin einzusetzen. Oder soll ich sie lieber gleich hier stehen lassen? Ich schwanke noch. Die Diagnose ist erst einmal vernichtend. Im Inneren kollert sogar ein Stange mit einem Zahnrad herum und hinten hat jemand, warum auch immer, eine Holzschraube in die Schaltung geschraubt. Die AEG blinzelt mich traurig vom Treppenabsatz her an. Och menno, da kann ich dann auch nicht so leichtfertig „nein“ sagen.

Sehr gediegen. Was soll die Holzschraube da? Hat sich jemand etwas dabei gedacht? Eine provisorische Reparatur oder so? Eine niedrige Seriennummer für eine Olympia 8 dachte ich so bei mir.

Alles in allem sieht diese AEG nicht sehr vertrauenserweckend aus. Ich frage den Typen nach dem Preis, denn meine Verhandlungspartnerin ist ja weit und breit nicht zu sehen, und der Preis sollte ja kräftig gesenkt werden. Weiß er das?
Scheinbar nicht! Der Unterhosenknilch nimmt wieder wortlos sein Handy und telefoniert noch einmal. Dann reicht er mir mit dem Wort „Frau“ das Handy. Nun bin ich offenbar durch eine sehr schlechte Verbindung mit „Frau„, wohl mit meiner Verhandlungspartnerin verbunden.

Es knarzt in er Leitung, so wie die AEG. Ich verstehe kaum die Hälfte weil alles abgehackt ist und die Frau auch kaum deutsch spricht. Ich höre sie nur den Preis nennen und ich sage „nein„, dann lasse ich die Maschine hier, gebe den Unterhosenfratz das Handy zurück und wende mich zum gehen. Ich höre ihn mit mir unverständlichen Worten mit seiner Frau sprechen worauf ein „okay“ hinter mir her gerufen wird. Er hält wieder seine Hand auf und ich drücke ihm den mir vorschwebenden Preis in Form von Geld in die Hand. Er nimmt es und verschwindet mit einem grunzen wieder hinter seiner Tür.

Hey, was was denn das jetzt„? So eine ähnlich denkwürdige Verhandlung hatte ich zuletzt wegen meiner Fraktur Adler 7 vor ein paar Jahren. Egal, ich schleppe die mächtige AEG mit dem Bewusstsein zum Auto wohl eine Ersatzteilspenderin erworben zu haben. Meine erste von hoffentlich bald mehreren Olympia 7 oder 8 Modellen die ich Restaurieren möchte.

Das sieht nach Arbeit aus.

Zuhause angekommen lüften sich Geheimnisse

Schon auf dem Weg nach hause beschleichen mich Ahnungen. Mit der Maschine ist irgendetwas anders als ich dachte. Auf der Landstraße habe ich immer gute Gelegenheit um zu sinnieren. Dieser altertümliche Tabulator macht mich stutzig. Es ist einer bei dem man noch per Hand die Reiter umstecken muss. Die Olympia 8 hat schon einen praktischen Setztabulator der über die Tastatur zu bedienen ist. Ich werde Zuhause jedenfalls erst einmal Fotos von der unangetasteten AEG machen und dann in der Fachliteratur nach dem Baujahr forschen. Während der ersten Fotosession, ich hatte die Seriennummer noch nicht gefunden, fällt mir diese Zahnradstange entgegen. Wo zum Geier gehört die hin und was hat es mit der Holzschraube auf sich?

Hier drinnen fand ich die Zahnradstange, rechts neben der Holzschraube. Wo kommt das Teil denn her???

Ich will erst einmal den Wagen abnehmen, was sich jedoch als schwierig erweist. Es dauert etwas denn ich finde den Sperrmechanismus nicht. Neben meiner Recherche wegen der Seriennummer durchsuche ich dazu auch das Internet nach Antworten.
Aaaahah! Man muss den Tabulatorreiter mit dem roten Punkt entfernen, das würde die Arretierung für den Wagen sein.
Jetzt finde ich auch die Serienennummer direkt unter der Holzschraube. Und diese Seriennummer sagt mir … und nun staune ich Bauklötze, es würde sich um eine 1928 gebaute AEG Modell 6 handeln. Also zwei Modelle vor meiner zu erwarteten Olympia 8. Später erfahre ich sogar noch das es sogar einigermaßen selten ist ein gutes Modell 6 zu finden.

Nun aber mal ganz sachte und ganz besinnlich einen neuen Plan ausbaldowern. Jetzt interessiert mich erst einmal, was vorher gar nicht der Fall war, woher diese Zahnradstange kommt und wohin sie zurück muss. Den Wagen konnte ich nun schon einmal ganz einfach abnehmen und den Ort in Augenschein nehmen wo ich die Zahnradstange fand.

Ade du schönes Ersatzteillager.
Willkommen du verdrecktes und verstocktes Eisenschwein.

Oben links: Vor dem Aufzugmechanismus sitzt die Tabulatorbremse.

Sie wie es aussieht gehört es wohl zu dem Zahnradgestänge das für die Tabulatorbremse zuständig ist. Einen anderen Ort kann ich als passend dafür nicht ausmachen. Probiere ich es mal aus. Das geht erstaunlich schnell und es passt wie die Faust aufs Auge. Nun noch die Justierschraube lösen, auf die Achse setzen und befestigen. Jedoch es rührt sich noch nichts, der Wagen ist ja noch ziemlich starrsinnig und die Schaltung ebenso. Hier hilft nur noch WD 40 Rostlöser. Nach 10 Minuten und einigen Bewegungsversuchen, ich komme mir vor wie ein Physiotherapeut der die Patientin Schreibmaschine in der Reha Maßnahme trainiert, dreht sich wieder alles wie es soll. Und es ist Haargenau diese Zahnradstange für die Tabulatorbremse.

Nun noch die Holzschraube? Ich drehe sie mal raus, mal sehen was geschieht. Nichts! Ich vermute mal da haben einst Kinder gespielt und die Schraube dort befestigt. Es war jedenfalls keine provisorische Reparatur wie ich erst vermutet hatte.
Das WD 40 tut hervorragend seinen Dienst. Die Rädchen am Wagen drehen sich wieder, die Schaltung läuft wieder geschmeidig und der Aufzugmechanismus ist nebst Tabulatorbremse wieder aktiv. Die Typenhebel sind auch wieder, allerdings ohne WD 40, soweit wieder gangbar das ich einen ersten Schreibtest wagen kann.
Das was ich anfangs diagnostizierte, nämlich das das Zugband defekt ist stellte sich bald als Falsch heraus. Es ist nicht nur vorhanden, sondern sogar nocht in einem recht ordentlichem Zustand.

Prächtig, die Schaltung schaltet auch sauber, der Wagen rückt vor, die Farbbandgabel hüpft fröhlich auf und ab und das alte Farbband produziert klare Buchstaben auf dem Papier. Nur wird das Papier noch nicht eingezogen obwohl keine Walze einen Platten aufweist. Sie sind scheinbar nur schwergängig. Das muss noch bereinigt werden. Hier kommt wieder WD 40 an den Drehpunkten der kleinen Walzen zum Einsatz und nach etwa 10 Minuten wird ein Bogen Papier wieder schnurgerade und beinahe hungrig eingezogen. Sehr schön. Wie lange die AEG wohl kein gutes Papierfutter mehr bekommen hat?

AEG-Deutsche Werke AG-Berlin Werk Erfurt steht hier in leider nur noch undeutlicher Schrift. Das Segment ist noch rostig und die Typen wirken wie gleichmäßig Schwarz angemalt. Das rührt vom ewigen Farbbandabrieb her. Ob das wieder schön wird?

Dann mal auf zum fröhlichen aufpolieren und Renovieren dieser AEG Modell 6. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht.

Etwas zur AEG 6

Die AEG 6 war das letzte Modell das unter dem ursprünglichen Namen „AEG“ erschienen. Sie kam 1925 ab Seriennummer 50.000 auf den Markt. Ab 1930 wurde diese Schreibmaschine unter ihrem neuen Namen „Olympia“ weiter gebaut.

Nachdem die von der AEG ab 1904 hergestellte Mignon ein Verkaufserfolg geworden war, entwickelte man etwa ab dem Jahr 1912 eine große Standard Schreibmaschine. Obwohl diese Maschine bereits 1914 reif für die Serienproduktion war, konnte sie erst, Kriegsbedingt nach dem ersten Weltkrieg, ab 1921 unter der Bezeichnung „AEG Modell 3“ herausgebracht werden. Bis hin zum Modell 6 wurden nur wenige Veränderungen vorgenommen, die da wären:
Neue Farbbandführung, Stechwalze rechts, kleiner Zeilenrichter, Dreifacher Zeilenabstand und ein Kolonnensteller. Optisch blieb alles so wie es war. Der Verkaufspreis lag im Jahr 1927 bei 420 Mark.

Hier zu gut sehen!
Die Optik blieb weitestgehend gleich. Olympia 8 von 1940 und AEG 6 von 1928.

Let’s go

Die AEG ist keine Ruine wie ich eingangs dachte. Da habe ich Glück gehabt. Unvorhergesehener weise bewegt sich nun nach kurzer Zeit wieder alles, es dreht sich das was zum drehen ist und es funktioniert alles so wie es sein soll. Sogar am Zeilenende bimmelt es wieder, der Klöppel saß fest. Auch der Tabulator wird wieder wirkungsvoll von einer intakten Bremse bedient. Ich muss somit sagen:

„So gammelig wie sie mir beim ersten Eindruck erschien ist sie längst nicht„.

Erstaunlich wenig Staub ist in ihr zu finden. Dafür aber haftet ihr eine kräftige Raucherpatina und einiges an Flugrost an. Im großen und ganzen betrachtet ist das aber nichts ungewöhnliches. Die AEG 6 wird sicher schnell wieder auferstehen. Sie wird nur Teildemontiert und dann anständig vom Dreck befreit.

Nikotin mit Flugrost.

Ja und die Tastatur natürlich, die ist ganz wichtig. Eine Tastatur mit Glastasten und Metallringen muss schön sein.
Nun habe ich sie also, meine vermeintliche Olympia 8 mit Glastasten. Und das schneller als ich gedacht hatte. Manchmal sind Wunsch-Gedanken ganz schön mächtig.

Lack- und Metallarbeiten

Der schwarze Lack ist unter der Patina beinahe wie neu erhalten geblieben. Gebrauchspuren mit inbegriffen. Nach beinahe 100 Jahre ist das normal. Die Metallteile sind damals teilweise brüniert worden. Mit der Zeit wurde diese Bräunung bis auf das blanke Metall abgenutzt, und anschließend über die Jahre mit Nikotinpatina vergilbt. Zudem gesellte sich rötlicher Flugrost dazu. Ich habe also ein rötliches, vergilbtes Metall mit Bräunungen dazwischen. Ich weiß nicht genau was ich machen soll. Putze ich die Patina und den Rost herunter, dann wird es Braun-Silbrig-Scheckig. Oder putze ich auf Glanz und somit die restliche Brünierung samt Nikotin und Rost herunter?
Eigentlich ist mir das völlig egal. Ich will mit der Maschine schreiben und keine Schönheitspreise gewinnen. Nur der Nikotinsappsch muss auf jeden Fall runter. Vorher werde ich nicht mit ihr schreiben.

Fertig! Sie hat sich die Farbbandkurbeln ihrer jüngeren Schwester ausgeliehen und ein Blau-Rotes Farbband bekommen. Oben sieht man die Abnutzung an der klappbaren Farbbandabdeckung.

Ich freue mich also den Luxus zu haben mir Zeit mit dieser Entscheidung zu lassen. Ich reinige sie vorerst nur von Innen. Weil ich das immer nur nach Feierabend oder am Wochenende mache, und dann auch nur wenn ich wirklich Lust dazu habe oder wir unsere Freizeitaktivitäten sowieso nach drinnen verlegen, wird diese Entscheidung getrost noch warten können.

Man sieht ihr ein langes Arbeitsleben an. Sie wurde offensichtlich oft und viel benutzt. Sicherlich in einem Büro. Die Leertaste ist abgegriffen, der Rahmen darunter genau so und die kleinen klappbaren Farbbandabdeckungen oben links und rechts zeugen vom häufigem Kontakt mit der Spezies Büromensch.

Da wurden sicher enorm viele Farbbänder eingelegt, denn sonst wäre dort eigentlich keine Abnutzung des Lacks zu erwarten. Die wurden offensichtlich oft hin und her geklappt. Als ich sie bekam hatte ich zunächst gedacht die Typen sind Mattschwarz oder auch Brüniert. Nein, die waren mit einer gleichmäßigen Schicht Tinte aus vielen Farbbändern eingefärbt, jedoch nicht zugesetzt. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen.

Vorher und nachher. Das hat sich aber gelohnt!

Unter dieser Farbschicht tauchten tatsächlich wieder metallisch glänzende Typen auf. Ebenso der Rost im Typenkorb ist jetzt Geschichte. Leider befand sich der Rost auch in den Segmentschlitzen. Das war dann schon eine etwas umfangreichere Aktion. Hier habe ich Ausnahmsweise einmal mit WD 40 gearbeitet, wovon ich ja sonst immer dringend abrate.

Mein Spruch lautet:
Rost in den Segmentschlitzen ist arg, ist gemein,
der Lümmel darf da keinesfalls sein.

Also habe ich die Maschine auf den Rücken gelegt, ein dickes Tuch unter das Segment gestopft und dann die Schlitze mit WD 40 abgesprüht und eine Nacht lang einweichen lassen. Das Tuch diente nur dazu dass kein Rostlöser in irgendwelche Gelenke trieft. Am nächsten Tag habe ich das Segment ausgebürstet und noch einmal mit dem Kompressor ausgepustet. Passt – Wackelt und hat Luft. Auf gut Deutsch bedeutet es nun, es läuft wieder alles so wie es sich die Schöpfer dieser Schreibmaschine gedacht hatten.

Nun ging es dem Tabulator an den Dreck. Und vor allem an seine Justierung. Diese lag verborgen unter allem Dreck den man so in einer Schreibmaschine vorstellen kann.
Fazit: Die Tabulatorschaltung funktionierte gut, ja sogar die Bremse tat ihren Dienst, doch blieb der Wagen bei keinem einzigen Reiter stehen um einen gewünschten Tab zu setzten. Das Gestänge kam auf Tastendruck nicht genügend hervor um an einem gesetzten Tab greifen und stoppen zu können. Der Wagen rannte somit über die ganze Breite durch. Gelenkarthrose würde ich das nennen!

TAB ist wieder Diensttauglich geschrieben. Jetzt fehlt nur noch die Verglasung. Die muss ich mir noch besorgen.

Auch hier kam WD 40 zu Einsatz und bewirkte nach nur zehn Minuten das Wunder der geschmeidigen Bewegung. Tab Bremse funktioniert, er rastet wieder ein und gesamt betrachtet läuft der Wagen schön geschmeidig und ohne zu rumsen von Tab zu Tab. Im Prinzip ist die Funktionstüchtigkeit der AEG 6 jetzt wieder hergestellt. Jetzt steht die Entscheidung an.

Ich putze was geht und belasse das was ist so wie es sich danach zeigt. Okay, Teilweise ist es jetzt etwas Scheckig, Die Nikotinpatina hatte einen ausgleichenden Effekt. Aber ich mag es wenn eine Schreibmaschine ohne Nikotinschleier aus ihrem Leben erzählen kann. Falls ich mich einmal anderes entscheide habe ich ja die Möglichkeit dazu sie weiter aufzuhübschen. Ich will aber mit ihr schreiben und da ist es mir in erster Linie wichtig das alles tadellos funktioniert. Die Optik ist nur Zweitrangig.

Erster Schreibtest. Den hat die AEG mit Bravour bestanden.

Schreiben mit der AEG 6

Heute, eine Woche nachdem ich die AEG 6 abgeholt hatte schreibt sie ihren ersten Text nach ihrer revision und Wiederbelebung. Ihr Schriftbild ist klar und sie schlägt geschmeidig an. Und was mir persönlich immer sehr wichtig ist: Sie soll recht schön leise tippen und mir nicht mit Ohrenkrawall und AudioSmog auf die Nerven gehen.

Ich habe schon so mache Schreibmaschine wieder weg gegeben weil sie mir zu laut waren. Die ersten Nachkriegs Gabriele’s von Triumph sind solche gewesen. Hübsch waren sie anzusehen und ein Fest für die Augen, aber für die Ohren eine üble Folter. Für mich unbrauchbar.

Genau das macht die AEG nicht. Ich habe fast den Eindruck sie wäre Geräuschgedampft. Diesen Zusatz trugen einige Olympia 8 Modelle, vielleicht auch schon frühere Modelle wie dieses hier, das weiß ich aber nicht mit Bestimmtheit. Sie schreibt sehr samtig und geschmeidig. Hinzu kommen die Glastasten die für mich wie ein warmer Sommerregen sind. Haptisch ein Fest für meine Fingerkuppen. So hatte ich es mir gewünscht.

Glastasten – Wunderbar!

Die AEG 6 ist eine waschechte Büromaschine und somit perfekt zum schreiben langer Texte geeignet. Dafür wurde sie gebaut, und das kann sie Heute nach wie vor sehr gut und das sogar ohne Einschränkungen. Ich hatte ja einmal überlegt meine großen Büromaschinen abzugeben, eben weil sie so groß sind. Da ich aber gerne mit meinen Maschinen schreibe komme ich um eine große Büromaschine nicht herum. Die sind einfach sehr viel besser als Reiseschreibmaschinen geeignet wenn es darum geht lange Texte zu schreiben. Die Hebelwirkung einer „Dicken Berta“ ist durch ihre Größe sehr viel geschmeidiger und weniger Kraftaufwändig. Alles in allem ist eine „Dicke Berta“ ergonomischer.

© 2019 – 2021 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

5 Gedanken zu “AEG, Modell 6, Baujahr 1928 (73)

  1. Hallo Heiko.

    Was genau war jetzt die Lösung, daß der Wagen wieder vorwärts läuft? Oder war es einfach „alles zusammen“ DIE Lösung für DAS eine Problem?

    Ich frage, weil meine Olympia anscheinend die 8 ist. Letztens hatte ich das Problem, das ich den Hebel für die Sperrschrift nicht kannte. Das wurde ja im entsprechendem Beitrag gelößt. Nun ist die Sperrschrift weg, aber der Wagen bewegt sich nicht mehr automatisch vorwärts und die Typen schlagen auf der selben Stelle auf das Papier.

    Vielleicht muß ich sie aber auch einfach mal einer WD40-Kur unterziehen 😉

    Vielen Dank für Deine interessanten und ausführlichen Beiträge. Die Geschichtchen drumrum – hier mit Feinrippbeilage – sind sehr interessant und belustigend. Wo und wie doch Menschen alte Schätzchen finden und anbieten.

    Vielen Dank für die kleinen erheiternden Berichte.
    Nicole

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  2. Moin Nicole
    Ja das war ein Gesamt-Dreck-Problem. Einfach mal den Wagen von Deiner 8er abnehmen und das Gestänge für die Sperrschrift von Hand bewegen. Mitunter hängt das fest oder ist verklemmt. Und denn eventuell mit etwas WD40 nachhelfen.
    Des Gestänge findest Du links unter dem Wagen, wenn Du dem Sperrschriftschalter folgst. Links neben der Aufzugdose befindet sich wohl die Problemzone.

    Gruss
    Heiko

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  3. Hallo Heiko.
    ich sammel auch alte Schreibmaschinen.
    hier mal eine liste meiner Schreibmaschinen

    AEG Modell 6 – 52569 1926

    Adler 7 – 197721 1921

    Klein-Adler 1 – 288321 1925

    Olympia 8 – 449330 1942-1943

    Olympia 8 – 789392 1946

    Ideal DZ33 – 1002552 1941

    Continental Standard – 71104 1913

    Triumph, Modell 10 – 124611 1931

    MERCEDES 6 EXPRESS – 477081 1934

    Rheinmetall 9 – 10970 1929

    Torpedo 18 – 471291 1949

    Orga Privat – 175307 1933-1934

    Orga Privat3 – 126319 1925-1927

    Senta 3 Bank – 41738 1927

    Fortuna – 61376 1928

    Urania 4 – 37098 1922

    GROMA – 93602 1928

    KAPPEL MODELL 1 – 31039 1914-1916

    ERIKA Modell 5 – 540053/5 1936-1937

    Stoewer Record – 28481 1911

    Juwel – 13683 1940

    AEG Mignon 3 – 174189 1923

    Courier Standard – 12216 1916

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    • Hallo Heiko,
      ja ich sammle die alten Schätzchen, aber jetzt mache ich eine Pause, der Platz wird knapp. Ich mache sie auch wieder schreibfähig. Ich habe große Freude an alten Dingen.
      Mit freundlichen Grüßen, Christian

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