Royal 10, Baujahr 1927

Abgeholt: 04. Februar 2022 in Hamburg Lemsahl/Mellingstedt
Modell: Royal, Modell 10
Seriennummer: X-88-1061435
Baujahr: 1927
Farbband: 13 mm DIN, zweifarbig. ACHTUNG: Spezielle Spulen
Besonderheit: Kartenhalter zum klappen, die große Variante einer Kursiven Schrift
Restauriert von: Heiko Stolten, Februar 2022

Begegnung mit ihrer Majestät. Her royal highness Royal 10

Eine alte Schreibmaschine aus erster Hand. Mit dieser headline wurde diese Royal 10 angeboten: . Aus Familienbesitz würde sie stammen und sie hätte zunächst im Milchladen der Familie gestanden, und später dann in einem Farbengeschäft, das ebenfalls der Familie gehörte, ihren Dienst versehen.
Ich denke, vielleicht ist eine adelige mal etwas besonderes. Eine Royal? Warum nicht! So eine königliche aus den USA ist bisher noch nicht persönlich bei mir vorstellig geworden. Nach diesen kurzen Überlegungen, der genannte Preis ist übrigens auch Anreiz für mich, nehme ich die Anzeigenfotos einmal etwas genauer unter die Lupe. Wortwörtlich, denn in der Vergrößerung taucht immer das auf was man so im unbearbeitetem Foto nicht sehen kann. Und da taucht es auch schon vor mir auf. Direkt aus der unschärfe und der Tiefenzeichnung des Fotos. Ein schlagkräftiges Argument für ein bedingungsloses „must have“ meinerseits. Die mit digitaler Hilfe aus dem Schatten des Fotos freigelegten Typen zeigen jetzt ganz deutlich ein kursives Schriftbild das mich förmlich anlächelt! Die muss ich haben! Und weil ich die Royal auch noch selbst abholen kann dürften meine Chancen sie auch zu bekommen ganz gut stehen.

Das Anzeigenfoto

In der Tat, nur fünfzehn Minuten später wird der Anzeige ohne das ich darum gebeten hatte das ersehnte „Reserviert“ hinzu gefügt. Gut so, denn ich weiß ja nicht wer, außer mir, sich noch die Mühe macht die Fotos digital zu durchsuchen. In zwei Tagen, so haben wir verabredet, hole ich sie ab. Toll!
Mir soll sogar eine kleine Geschichte zur Royal erzählt werden. Ich bin gespannt.

Die kleine Geschichte der Royal

Die Royal stammt tatsächlich aus Familienbesitz und ist somit eine bald 100 Jahre alte Schreibmaschine aus Erstbesitz. Das findet man nicht all zu oft. Die Royal mit dem wunderbaren, und wie ich jetzt schon sehen kann, sehr großen kursiven Buchstaben, wurde einst vom Großvater des 72 Jährigem Verkäufers neu gekauft. Die Großeltern des Verkäufers hatten ein Milchgeschäft in Hamburg, und danach noch ein Farbengeschäft. Der Verkäufer erzählt mir das er sich daran erinnern kann in den Geschäften der Großeltern gespielt zu haben. Und eben auch dort wo diese Royal 10 einst stand, also im Büro. Er sagte er würde sich genau erinnern, und es heute noch bildlich vor sich sehen können, wie seine Großmutter an dieser Maschine Rechnungen und andere Geschäftsbriefe schrieb. Das wäre nunmehr wohl mehr als 60 Jahre her. Später bekam der Verkäufer, als er selbst erwachsen war, die Royal Schreibmaschine als ein Erbstück. Das war etwa um 1980 herum. Der Verkäufer sagte mir, er und seine Frau würden jetzt aus Altersgründen beginnen ihren Hausstand zu reduzieren. Beginnen wollten sie damit die Schreibmaschine, die schon so lange als Deko ihr Haus zierte, zu verkaufen.

Hier ist die Royal 10 schon fertig renoviert und nach ihren ersten Schreibtest.

Erster Eindruck

Rein äußerlich bekomme ich eine recht gut erhaltene Scheibmaschine überreicht. Die Beschriftungen und die Logos sind noch schön erhalten geblieben. Der Lack ist zwar etwas matt, aber das ist ja normal wenn man eine seit Jahrzehnten unangetastete Schreibmaschine entgegen nimmt. Sie sieht soweit sauber aus und der Wagen läuft leicht. Ich hatte nur die Leertaste ausprobiert um zu sehen ob der Wagen funktioniert. Die Typen hatte ich gar nicht getestet. Ich mache immer wenig aufhebens bei einem Verkäufer. Mein erster Eindruck ist dazu meistens entscheidend. Besonders dann wenn der Preis so niedrig ist das ich die Maschine auch jederzeit und ohne Verlust als Ersatzteillager verwerten könnte. Mein erster Eindruck bei dieser Royal ist: „Die wird mir, auch wenn ich sie noch nicht kenne, keine Probleme bereiten„! Also belasse ich es dabei, lasse mir die Geschichte erzählen und nehme sie danach mehr oder weniger unbesehen mit.

Salatöl Queenie

Auf dem Nachhauseweg, also bereits im Auto bemerke ich das einige Typen fast nicht dazu zu bewegen sind sich anständig zu heben, geschweigen denn sich wieder zu senken. Oh, oh! Hat mich mein erster Eindruck dieses mal etwa getäuscht?
Okay, ein Segment sieht ja nach mehr als zig Jahren Arbeitszeit und vierzig Jahren Stillstand nie besonders appetitanregend aus. Aber so schlimm sieht dieses nun wirklich nicht aus als das die Typenhebel einen guten Grund zum murren hätten. Dem Phänomen muss ich Zuhause genauer auf den Grund gehen. Unterwegs im Auto habe ich dazu keine Möglichkeiten, wie man sich denken kann.

Die erste Untersuchung in der Werkstatt ergibt! In den Segmentschlitzen und an den Typenhebeln befinden sich sonderbare schwarze „Haare“. Es sieht aus wie eine ungepflegte Haarbürste. Die Haare entpuppen sich als Farbbandfasern. So viele auf einem mal hatte ich noch nie gesehen. Und diese Farbbandfasern waren ungewöhnlich steif und nicht so beweglich wie man es erwarten könnte. Diese Fasern waren beinahe steif und ungewöhnlich dick für losgelöste Fasern aus einem Farbband. Erst das manuelle anheben der Typenhebel offenbarte das Desaster. Alle Typenhebel sind in etwa bist zur Hälfte ihrer Länge von beiden Seiten mit einer bräunlichen Kruste überzogen in die viele der Farbbandfasern eingebettet, ja beinahe wie in Kunstharz eingegossen sind. Die Konsistenz erinnert in etwa an hart gewordenes Kaugummi. Dieses Konglomerat ragt auch in die Segmentschlitze hinein. Einige weiter unten in der Maschine befindlichen Bauteile sind ebenfalls zur Hälfte damit eingesuddelt. So als hätte jemand von oben etwas dickflüssiges in das Segment gegossen, etwas das man da besser niemals hinein gegossen hätte. Überschüssiges ist dann nach unten getropft. Somit ist die Mechanik der Royal unterhalb des Segments verschmutzt und die Seiten links und rechts sind sauber geblieben.

Ich komme zu dem Schluss das es sich um ein für eine Schreibmaschine sehr minderwertiges Öl gehandelt haben musste. So ein Öl von dem ich bisher nur gehört hatte das es von Laien hin und wieder Verwendung in Schreibmaschinen fand. S A L A T Ö L ! !

Die Taufe mit Salatöl fand offenbar vor langer Zeit statt, denn alles ist sehr krustig geworden und erinnert an einen Kunststoffüberzug. Die Royal ist ein waschechtes Salatöl-Queenie. Toll!!

Nun, ich will nicht meckern, denn der Preis war wirklich ganz weit unten angesiedelt und der Verkäufer hatte sicherlich keine üblen Absichten. Also Schrubben …

Reinigen vom Salatöl

Bremsenreiniger – Spiritus – Petroleum – WD 40! Dies und dazu noch diverse Bürsten und Putzlappen sind für die nächsten Stunden meine treuen Begleiter auf dem Weg die Royal wieder in den Status von „Diensttauglich“ versetzen zu können. Zusammen bilden wir nun eine eingeschworene Gemeinschaft, denn die Royal ist alles andere als ein Hoffnungsloser Fall. Das geschmeidige Auf und Ab der Typenhebel ist schon nach etwa dreißig Minuten wieder möglich. Jetzt, und bevor ich weiter reinige, wird erst einmal ein Schreibtest gemacht um das allerwichtigste für mich zu offenbaren. Nämlich:

Wie sieht das kursive Schriftbild der Royal 10 auf Papier geschreiben aus„?

Doch zuvor halse ich mir doch tatsächlich noch eine kleine Zitterpartie auf. Ich hatte es bisher sträflich versäumt es zu kontrollieren ob das Papier auch sauber eingezogen wird – Ob das Papier überhaupt sauber und gerade eingezogen wird, oder ob die Gegendruckwalzen eventuell einen „Platten“ haben und das Papier von der Salatöl Queenie womöglich zerknüllt wird.
So nach dem Motto: „Firma Falz und Knüllwerke GmbH“!

Bäh, fieser Gedanke“ …
Papier rein, Walze drehen – Knackel-di-kanckel-di-knack – Und …? Läuft sauber, gerade, ohne zu ruckeln und elegant durch die Walzen – Perfekt, genau so soll es sein! Mein meist verwendeter Text wenn ich das erste mal mit einer neuen Schreibmaschine schreibe lautet:
Ich schreibe das erste mal mit der [Name] … Royal 10 … von 1927.

Ein tolles Schriftbild! Eine etwas vergrößerte Variante einer kursiven Schrift. Das sieht richtig gut aus. Doch was ist das? Am Ende des Satzes steht da nicht wie gewünscht … von 1927, sondern … von 192|. Ein Blick in den Typenkorb bestätigt meinen Verdacht. Die Type mit der „7“ fehlt. Mist!

Der Anschlagregler zum drehen. Er befindet sich hinten unter der Maschine

Und nun? Verdammich noch eins! Hmm, die 7 braucht man nicht so oft. Ich könnte drauf verzichten, denn wo und wie soll ich denn eine kursive 7 her bekommen? Die Royal ist nicht so ganz oft zu finden und mit großer kursiver Schrift schon mal gar nicht. Da gibt es nur eine reelle Chance: Erst einmal weiter putzen und währenddessen eine Anfrage beim I.F.H.B. starten.

Zurück ins Leben

Das entfernen der hart gewordenen Krusten ist eine echte Sisiphus Arbeit die mehrere Stunden in Anspruch nimmt und dennoch nicht wirklich von Erfolg gekrönt ist. Dieses Konglomerat ist über die Jahrzehnte in das einst glänzende Metall der Typenhebel vorgedrungen und hat sie verfärbt. Der Glanz ist nicht wirklich wieder herzustellen. Nun haben die glänzenden Typenhebel bräunliche verfärbungen. Es sieht aus wie Strähnen. Okay, das ist aber hinzunehmen und behindert nicht die Funktion. Sieht man es doch auch nur dann wenn man einen einzelnen Typenhebel hoch hebt. Das Gesamtbild des Typenkorbs ist annehmbar für eine alte Schreibmaschine aus dem Jahr 1927.
Apropos 1927 – Ich will jetzt mal nach einer „7“ Type forschen und starte die besagte Anfrage. Derweil vergnüge ich mich weiter mit dem Lack und den anderen, vom Salatöl verschont gebliebenen Teilen der Royal. Sehr schön, der Lack hat zwar Raucherpatina abbekommen, glänzt aber nach einer Schönheitspflege mit Autopolitur in einem verführerischen Schwarz.
Ebenso die Metallteile. Nachdem sich die vergilbte Raucherpatina nun erbarmt hat vom Lack in meine Putzlappen umzusiedeln scheint die Royal 10 eine radikale Verjüngungskur hingelegt zu haben. Der Lack glänzt wieder wunderbar und ihr Metall ebenso. Ich bin sehr zufrieden. Nun noch die Glastasten eine nach der anderen aufpolieren, dann sollte es das gewesen sein. Erst einmal, denn dann warten noch die restlichen Typenhebel auf Pflege.

Seven of forty four

Wer hätte das gedacht? Die Type mit der „7“ ist bereits zwei Tage nach meinem Aufruf unterwegs zu mir. Leider nur eine in der Normalsauslage und nicht in Kursiv, aber es ist eine passende. Das ist auf alle Fälle besser als gar keine Type auf dem besagten Hebel und sieht optisch auch besser aus. Eine „7“ braucht man ja nicht sooo oft. Ein fehlendes oder ein nicht kursives „S“ oder „E“ wäre da schon viel schmerzlicher und unschön für das gesamte Schriftbild. Ich denke das ist ein guter Kompromiss.

Da ist die „7“ wieder. Nicht in Kursiv, aber die Lücke im Gebiss ist wenigstens wieder gefüllt. Die „7“ mit einem „&“ darauf. Tja, nun ihat meine Royal zwei „&“-Zeichen. Was solls?

Der I.F.H.B. Sammlerkollege hat, wie er sagt, mehrere Tausend Typen auf Lager, aber keinen passenden für die große Kursivschrift der Royal. Die „7“ Type wird mir übrigens aus Holland per Post zugestellt. Wieder einmal rangiert der I.F.H.B. in Sachen „Ersatzteile“ für uralte Schreibmaschinen an vorderster Stelle. Wo hätte ich die Type sonst her bekommen können? Wahrscheinlich nirgends! In den Schreibmaschinengruppen die über die üblichen Social Media Kanäle etabliert sind ist ein so gut funktionierendes Netzwerk mit Ersatzteilen praktisch nicht vorhanden.

Erstes Schreiben mit der Royal 10

Sie tippt wirklich ungewöhnlich ruhig und schön. Die Glastasten tun das übrige um mich zu begeistern. Ich finde Glastasten sind das absolute highlight jeder Schreibmaschine. Gut, einige Kunststofftasten sind auch nicht schlecht, aber ich würde, wann immer es geht, Glastasten bevorzugen.

Auch die kleinen Dinge am Rande, wie der Kartenhalter oder die Abstandstütze mit dem kleinem Rädchen für die Leiste mit den beiden Papierandruckwalzen sind einfach nur schön.

Das Schriftbild begeistert mich am meisten. Diese schöne, etwas vergrößerte Kursivschrift ist Bildschön und eignet sich ganz hervorragend für elegante Briefe. Es ist jedenfalls eine Freude mit dieser amerikanischen Schreibmaschine zu schreiben.

Bewahre mich vor einem Plattfuß. Der Abstandhalter für die Papierandruckrollen.

Ein paar Tage später sind die ersten Briefe mit dieser königlichen fertig getippt und verschickt. Die Empfänger sind rundherum begeistert. Genau so wie ich, und so soll es sein. Die Royal 10 wird in der Schreibstube Krempe als Schönschreib-Maschine bleiben und hoffentlich noch viele Schreiber und Schreiberinnen mit ihrem Charme verzaubern.

© 2019 – 2022 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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