Stoewer Elite, Baujahr 1925 (71)

Abgeholt: 07. August 2021 in Neumünster
Modell: Version 2 mit gewölbter Rückseite
Herkunft: Bernhard Stoewer, Stettin-Grünhof, Deutschland
Seriennummer: E 100285
Baujahr: 1925
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 13 mm auf Din Spulen, zweifarbig
Besonderheit: Geneigte Farbbandspulen
Renoviert von: Heiko Stolten, Schreibstube Krempe

Schon auf dem ersten Foto, im Originalzustand, zeigt sie ihr freundliches Gesicht. Kannst Du es erkennen?

Gotcha! Endlich eine Stoewer Elite gefunden,
und sie bringt gleich noch zwei Freundinnen mit.

Eine Verkaufsanzeige auf einer dieser zahllosen Anzeigenplattformen titelte Mitte Juli 2021 so: „Antike Schreibmaschinen, 29 Stück“. Ganz schön viele!
Wir, meine Liebste und ich sind derzeit mit unserem Wohnmobil kreuz und quer durch Deutschland unterwegs als ich irgendwo in Bayern diese Anzeige entdecke.
Es wird in der Anzeige auch erwähnt das die 29 Maschinen auch einzeln gekauft werden können. Okay, gucke ich mir das Angebot mal wohlwollend, Foto für Foto durch. Das Gros der Maschinen für mich, so wie es aussieht nicht relevant, wenn da nicht … Ja was versteckt sich denn da hinten auf dem Boden?
Das Titelfoto zeigt mehrere große Standardmaschinen wie Continental, Kappel 5, Adler 31, Seidel & Naumann und einige mehr die nebeneinander in einem Regal stehen. Das Foto selbst ist etwas dunkel!
Dazwischen, und kaum zu erkennen, erregt diese kleine „Diamat“ mein Interesse. So eine habe ich schon, und ich frage mich wie viel dieses Exemplar wohl kosten würde.
Sechzig Euro wird mir mitgeteilt. Fünfzig Euro für den Fall, würde ich sie selbst abholen. Das versteht sich von selbst, Neumünster ist ja nur knapp 45 Minuten von der Schreibstube Krempe entfernt. Und bei einer solchen geringen Entfernung vermeide ich natürlich das Risiko das bei einem Paketdienst Schreibmaschinenbruch entstehen könnte.

Eine Woche später sind wir für einen Tag wieder Zuhause. Der Garten sieht nach vier Wochen Abwesenheit aus wie eine Wildnis. Den Tag darauf soll es noch einmal fürs Wochenende nach Fehmarn gehen. Am Abend sehe ich mir die Fotos doch noch einmal gründlicher an. Dieses mal nicht auf dem kleinen Handy sondern am PC. Und ich bearbeite sie mit Photoshop um noch mehr Details sehen zu können.

Aufregung erfasst mich! „Stoewer Elite“ lese ich auf einer halb verdeckten und Mittelgroßen Maschine die im Hintergrund hervor lugt und mir förmlich zuzuwinken schien. Ein recht fröhliches Ding, so wie es scheint.
Ja genau, so eine wollte ich schon lange haben. So eine mit den schräg nach vorne geneigten Farbbandspulen die der Maschine in der Frontalansicht und mit etwas Phantasie so etwas wie ein Gesicht mit Mund und Augen verleihen. Seit zwei Jahren etwa suche ich schon nach so einer bezahlbaren Maschine. Frühere Angebote waren für mich immer jenseits dessen was ich breit war auszugeben. Die Stoewer Elite soll ebenfalls Fünfzig Euro kosten. Abgemacht, am nächsten Samstag sind sie mein, die Diamant und die Elite. Vorfreude macht sich breit, das kann ich nicht verhehlen
Mit dem Verkäufer vereinbare ich ein Treffen am nächsten Samstag in Neumünster. Also fahren wir an diesem Wochenende erst einmal über Neumünster nach Fehmarn. Ein wenig Ostsee genießen.

Synchronizität oder ein Deja vu

Eine Woche später. Der angegebene Straßenname kommt mit seltsam bekannt vor. Warum nur, woher nur? Mir fällt es partout nicht ein. Samstag 10:30 Uhr ist ausgemacht und fünf Minuten vor der Zeit parke ich ein, und zwar auf dem Parkstreifen vor einem Supermarkt. Und vor diesem Supermarkt befindet sich so ein unübersehbarer Zeltbau. Diese Zelte vor vielen Supermärkten gehören bereits seit einigen Monaten zum gewohnten Stadtbild.
„Coronatestzentrum“ … Jetzt fällt es mir wieder ein … Genau hier machten wir, meine Liebste und ich, vor Haargenau einer Woche Zwischenstation als wir mit dem Wohnmobil nach Fehmarn fuhren. Auf dem Weg dorthin hatten wir per Navi dieses Testzentrum auf unserer Strecke in Neumünster gesucht, es gefunden und auch angesteuert. Wir mussten uns, bevor wir Fehmarn anfuhren, testen lassen. Und dieses Testzelt befindet sich nicht nur in Sichtweite, sondern exakt vis a vis, so etwa 30 Meter auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu der vom Verkäufer angegebenen Adresse. Wenn das keine Synchronizität ist, was denn dann? „Was das wohl noch bringen mag“ denke ich als ich mir dessen Bewusst wurde und „Ding-Dong“ den Klingelknopf drücke.

Schau mir in die Augen Kleines …! Okay, der Blick ist noch etwas verschleiert und matt.

Ein liebenswertes Ehepaar öffnete mir, begrüsst mich und führte mich sogleich die Treppe herauf in die erste Etage ihres Hauses. Und hier standen sie alle in Reih‘ und Glied in einem Vorraum. Insgesamt neunundzwanzig verschiedene Schreibmaschinen. Alle vor vielen Jahren zu Dekozwecken zusammen getragen. In einer Zeit als der Herr hier im Haus noch Selbstständig in seinem Büro gearbeitet hatte. Als Deko für sich und seine Kunden, und schon lange her, wie er mir sagte. Die kleine „Diamat“ entpuppt sich als leicht defekt, Das Zugband ist gerissen.
Bei der Stoewer scheint das gleiche Problem vorzuliegen, und zudem fehlen ihr zwei Tasten sowie die rechte Achse für den Farbbandtransport. Und weil der Herr merkte das ich mich für kleinere Maschinen interessierte verschwand er kurz mit den Worten: „Ich habe da noch etwas besonderes für Kenner“ in einen Nebenraum um gleich darauf mit einem kleinen Schreibmaschinenkoffer zurück zu kommen. Im Koffer wohnhaft, eine wunderbar erhaltene und völlig intakte und zusammengefaltete „Perkeo“ mit dänischer Tastatur. Die könne ich auch haben und zwar zum selben Preis wie die Diamant.
Erst Eine, dann Zwei, dann war’s plötzlich drei und das Trio damit vollständig. 40 Euro pro Maschine wenn ich alle drei nehme lautete sein Angebot. Aber sicher, was will ich mehr? – Abgemacht!
So also kam ich unvorhergesehen zu meiner lang ersehnten Stoewer Elite. Das war also die Synchronizität. Über die Diamat hatte ich zur Stoewer Elite gefunden und dabei noch eine Klapp-Perkeo gefunden.

Etwas zur Stoewer Elite

Von 1912 und bis 1926 wurde die Dreireihige „Stoewer Elite“ hergestellt. 1926 wurde sie durch eine neue „Stoewer Klein-Schreibmaschine“, eine Viereihige abgelöst. Charakteristisch sind ihre nach vorn geneigten Farbbandspulen. Die Farbandumschaltung von Schwarz auf Rot geschieht ohne Schalter. Es werden hier die Farbbandgabeln per Hand gespreizt, was gut funktioniert. Ich persönlich finde das ist sehr praktisch, aber auch ungewöhnlich.

Im Jahr 1930, und nach wirtschaftlichen Problemen, wurde die Liquidation der Firma Stoewer eingeleitet. Somit ist die Stoewer Elite eine nur über einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum hergestellte Maschine, und somit heute nicht mehr so häufig zu finden. Zitat: „Jeder Typenhebel kann für fremdsprachliche Korrespondenz ausgewechselt werden„. So steht es im Martin. Wie das gemacht wird hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht heraus gefunden. Der damalige Verkaufspreis lag bei 260 bis 300 Mark.

Die ersten ca. 200 Produzierten Elite’s hatten an den beiden Seitenwänden noch ein großes durchgehendes Fenster, danach waren es, wie hier zu sehen, je zwei getrennte Fenster. Ab Seriennummer 43950 erhielt der Rahmen noch eine Verstärkung zusätzlich, wodurch die Fenster etwas kleiner wurden und die zuvor gerade Rückseite jetzt nach hinten ausgewölbt ist.

Zustandsbericht

+++ Das muss gemacht werden +++
1.) Die rechte Achse des Bandtransports fehlt (geht auch vorerst mit der linken)
2.) Zugband nur ausgehängt (braucht nur wieder eingehängt zu werden)
3.) Zwei Tasten, das „D“ und das „G“ fehlen (Muss ich ersetzen)
4.) Nur staubig und etwas putzbedürftig (ist aber kein großes Ding)
5.) Die Typen und die Umschaltung sind Schwergängig (Kennt man ja)

+++ Pluspunkte +++
Eine völlig intakte Schreibmaschine mit einem wunderschönem und ungewöhnlichem Design. Alle Decals sind intakt und der Lack hat nur wenig Abplatzer. Das wird wieder eine richtige Schönheit werden.

Wiederbelebung

Das war eine völlig unspektakuläre und vor allem einfache Aktion. Von wegen „Wiederbelebung“, die war sofort nachdem ich das Zugband einhängte erwacht, blinzelte mich an und war schon ganz zappelig endlich los legen zu können. Die Schwergängige Umschaltung und die Typenhebel waren nachdem ich sie mit dem Kompressor ausgeblasen hatte schon etwas williger geworden. Den Rest besorgte der Bremsenreiniger den ich seit kurzem anstelle von WD40 benutze. WD40 nehme ich tatsächlich nur noch als Rostlöser. Kurz mit dem Bremsenreiniger durchbürsten und alles bewegte sich wieder so wie es sein soll.

Die Stoewer erwachte verhältnismäßig schnell aus ihrem nur leichten Stillstandskoma. Nach weniger als sechs Stunden war sie wieder voll Einsatzbereit. Ich hatte den Eindruck sie war sogar schneller als ich. Es schien als wolle sie am liebsten sofort los marschieren, die Putzaktion am liebsten überspringen und dann ganz schnell möglichst viele Din A4 Bögen beschreiben. Und das trotz ihrer leichten Behinderung durch die fehlenden Achse und der zwei Tasten.

Nu‘ guck sich einer dieses kecke Grinsen an. Ist sie nicht Nett?

Und was wirklich toll ist, sie lächelte mich während ich sie putzte und polierte ständig an. Eine ungewöhnlich lebhafte und freundliche Dame mit einem verschmitzten Lächeln. Beinahe wie ein prähistorisches Emoji. Die Dame macht richtig gute Laune und sie verbreitet, sobald ich sie ansehe, umgehend positive Energie in Reinkultur.

Auch im Profil eine Schönheit. Die kann sich sehen lassen.

Gar nicht so einfach – Typenhebel entfernen

Der Mechanismus ist gut versteckt worden, und ich konnte das Rätsel nicht alleine lösen. Sicher wäre es mir gelungen wenn ich eine Bedienungsanleitung gehabt hätte. Außerdem wäre es ja auch durchaus möglich gewesen das diese Möglichkeit nur bei früheren Maschinen bestand und spätere Modelle nicht mehr mit dieser Möglichkeit ausgestattet wurden. So musste ich ein weiteres mal die Schwarmintelligenz des I.F.H.B. in Anspruch nehmen und meine Wissenslücke mit einem „Aha Effekt“ krönen.
Nur kurze Zeit nachdem ich die Frage stellt kam die ersehnte, und mit zwei Fotos ergänzte Antwort aus Holland. Ein Foto zeigte einen entfernten Typenhebel im Typenkorb einer Stoewer Elite liegend, während das zweite Foto den Hebel für diesen Mechanismus mit einem Pfeil markiert zeigte. Das funktioniere ähnlich wie bei einer Remington hieß es im Text. Ja echt!?

Ahah, so geht das also„. Gesagt – Getan, oder besser gesagt „gewollt und erst einmal nicht gekonnt„! So einfach, so wie im Martin beschrieben ist es anfangs nicht. Das schreibt mir auch der Kollege aus Holland so. Ich dachte zuerst ich breche mir die Finger dabei. Man muss schon etwas länger fummeln um exakt den Rhythmus, den Dreh und den Winkel des heraushebens zu finden. Das kommt einer Choreografie gleich, die man bei jedem Typenhebel genau so wiederholen muss. Es funktioniert nur auf diese eine Art und Weise. Hat man sich aber erst einmal diese Choreografie ausbaldowert, dann ist es wie ein zielgerichteter chirurgischer Eingriff und auch tatsächlich so einfach wie der Martin schrieb. Allerdings kein vergleich zu einer Triumph 10 oder der Continental Standard, denn da fluppen die Typenhebel auf Knopfdruck regelrecht heraus.

„Und warum das ganze“?
Besser, schneller und einfacher kann man die Typenhebel gar nicht reinigen. Ebenso lässt sich das Segment, möchte man es nicht gleich ausbauen, so am besten reinigen. Also ohne die darin befindlichen Typenhebel.

Ob man damals wirklich die Typenhebel wechselte um fremdsprachliche Korrespondenzen zu erledigen? Ich möchte das bezweifeln. Denn dazu müsste man ja auch die Tastenköpfe tauschen, was wirklich Aufwändig wäre. Nun ja, vielleicht einmal ein Sonderzeichen auswechseln, vielleicht auch zwei oder drei, dass könnte ich mir schon verstellen. Aber gleich den gesamten Typensatz nebst Tastenköpfen auswechseln? Aber wer weiß wie die Büroseele 1925 tickte … ich kann es nicht wissen, denn das war lange vor meiner Zeit.

Aber egal, meine Stoewer Elite schreibt ganz passabel. Ich hatte mir zwar etwas mehr erhofft, aber das sollte man bei einer so alten Maschine nicht machen. Auch wenn ihr noch zwei Tastenköpfe und die Spulenachse fehlen. Deshalb kann sie zur Zeit das Farbband nur ein eine Richtung transportieren. Das nehme ich vorerst so hin.

© 2019 – 2021 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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