Triumph 12-WLT36, Bj. 1935 (28)

Telegrafen-Sondermodell WLT-36

Renoviert von: Heiko Stolten im Mai 2019

Quietschgelb, mächtig und schwer.

11.05.2019

Nur einen Tag später nachdem ich die Adler 16 abgeholt hatte ist mir dieses Postgelbe Triumph 12 Modell buchstäblich zugelaufen. Dieses mal sozusagen in meiner Nachbarschaft, in einem Nachbarort, genauer gesagt in Uetersen, 20 Autominuten von Krempe entfernt.
Durch meine Nummer 20, ebenfalls eine Triumph mit der Sonderbezeichnung „WLT-32“, war ich sensibilisiert und ahnte bereits das es sich wieder um ein Sondermodell der ehemaligen Reichspost handeln dürfte, und das ihr Baujahr wohl in den 1930er Jahren anzusiedeln wäre.

Eine sechs Monate alte Anzeige

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Aus Nachlass.
Es kommt eine sehr alte Schreibmaschine „ Triumph WL T36 „ zum Verkauf.
Die Schreibmaschine benötigt ein wenig Pflege und Zuwendung wie Ihr aus den Bildern sehen könnt.
Wird als defekt verkauft, da es hier und da klemmt. Vielleicht nur ein paar Tropfen Öl oder etwas mehr. Der Versandkosten trägt der Käufer 15€. Versand erfolgt auf eigenen Risiko Abholung wäre mir am
liebsten.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
So stand die Anzeige sage und schreibe unbeachtet, von mir ja auch, seit mitte November 2018 im Netz. Also seit ziemlich genau 6 Monaten

Kontakt – Verhandeln – Abholen – Fertig

Kurz, knapp und schnell. Von der Kontaktaufnahme bis zum Zeitpunkt die Triumph 12 als meine Beifahrerin begrüßen zu dürfen vergingen höchstens 120 Minuten. Das könnte immer so sein.

Über die Kleinanzeigenbörse, und wer meinen Blog liest weiß, ich war über dieses Wochenende allein Zuhause und hatte natürlich nur meine Tippsen im Kopf, fand ich schon am frühen Morgen das auffällig gelbe Foto der Triumph. Tja, wenn ich Zeit habe durchsuche ich auch die uralten Anzeigen, auch auf die Gefahr hin das der Inserent nur vergessen hat sie zu löschen.

Die Antwort der Verkäufers auf meine Anfrage kam praktisch sofort, und innerhalb von 30 Sekunden:
„Alles Klar“ , stand zu lesen.
Er war also damit einverstanden sie um mehr als die Hälfte herunter gehandelt zu haben. Ich bekomme sie, weil ich sie innerhalb der nächsten Stunde abholen würde für 20 Euro und nicht für den Preis inklusive Versand, der sich auf 70 Euro belief.
Nächste Frage nach der Adresse!
„Uetersen“
„Okay, welche Straße“?

Er nannte mir nun die Straße. Manchen Inserenten muss man jede Information buchstäblich aus der Nase ziehen. Warum das so ist? Ich weiß es nicht. In diesem Fall war es aber unerheblich, weil der Mann umgehend antwortet, wir also einen fast zeitgleichen Chat führten.

Glück und Selbstzweifel

Die beiden, Glück und Selbstzweifel liegen ja bekanntlich oft nah beieinander. So auch hier.
„Da steht sie“, begrüßte mich der Inserent fröhlich und deutete auf einen Schuppen vor dem auf einer Holzbank die quietschgelbe Matrone thronte. Sieht richtig gut aus die Gelbe Triumph in dem überwiegend frühlingsgrünen Garten und vor dem dunklen Schuppen. Das hatte etwas von Deko! Doch dann kam ich ihr näher und …

Tasten – Bewegen sich keinen Millimeter
Walze – Ächzt bedenklich beim Drehversuch
Schlitten – Knarzt ebenso unter schmerzen
Dazwischen – Staub und Dreck in Massen
Darunter – Tierfriedhof und Spinnweben

Fazit: Die will man nicht wirklich anfassen. Eine beinahe Ruine würde ich sagen. Ich schwanke zwischen Frust und Selbstzweifeln. Selbstzweifel darüber ob es sich gelohnt hat für dieses gammelig Ding Benzin verfahren zu haben. Die muss ich wohl wieder hin bekommen um mein Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren. Das leuchtende Gelb hat mich tatsächlich getäuscht. Nun denn, auf zu neuen Taten. Mittlerweile ist es mir nicht einmal mehr peinlich nur 20 Euro dafür zu zahlen. Wenn man bedenkt, das ich da mindestens 10 Stunden Arbeit hinein stecken werde. Wenn nicht noch mehr. Und ich nicht weiß zu welchem Kurs ich sie wieder los werden kann, dann denke ich ist das okay.

Dreck!!

Da bewegt
sich nichts
mehr freiwillig.

Zuhause angekommen wandert die Dreck-Braut erst einmal auf die Wartebank. Auf dieser Wartebank, es ist tatsächlich eine Holzbank, stehen manchmal drei Maschinen die auf Bedienung warten. Die Triumph steht jetzt ganz hinten. Ich mache nicht einmal Fotos, wie ich es sonst immer sofort mache. Nee, darauf habe ich jetzt überhaupt keine Lust. Ich wollte mir das tolle Gefühl von Gestern, als ich die Adler 16 abgeholt hatte nicht verderben und widmete mich erst einmal ihr. Das bereitete mir ein um Längen besseres Gefühl.

Tage später versöhnen wir uns

Tage später, es waren genau zwei, entstanden die ersten Fotos. Das obige Foto ließ mich wieder etwas versöhnlich werden, denn der Dreck war nicht so ausufernd wie ich ihn vermutet hatte.
Nur mit Petroleum oder Spiritus-Öl werde ich hier erst einmal gar nichts, ich muss sie weitestgehend demontieren um sie wieder in Bewegung versetzen zu können.
Neues Modell, neue Herausforderung.

Ich weiß jetzt wirklich nicht wie die Triumph es schaffte aus der letzten Warteposition auf der Bank nach nur zwei Tagen an die Poleposition vorzurücken. Freches Biest!

Eine Triumph 12 hatte ich noch nicht auseinander genommen. Ich glaube das war es. Ich dachte mir an dem Ding kann ich nichts falsch machen und habe einfach drauf los gebastelt. So nach dem Motte: Wenn ich sie versemmel dann macht das nichts!

Mal sehen was wird. Erst einmal den Typenkorb lösen. Die Typenhebel sind böse verdreckt und können absolut nicht durch ihre jeweilige Führung gleiten. Verstopft ist gar kein Ausdruck dafür.

Das scheint mir eine Katastrophe zu sein…!

Demontage ganz einfach

Soweit so gut. Der Schlitten lässt sich mit zwei an der Rückseite befindlichen Druckhebeln entriegeln und abnehmen. Das war schon mal leicht und praktisch. Die Seitenteil und Blechabdeckungen sind geschraubt, also auch kein Problem. Doch wie komme ich an die verdreckten Typenhebel?
Vorsichtig löse ich die Schrauben vom Typenkorb an. Ich will ja nicht dass mir hier gleich alles durcheinander gerät und auseinander fällt. Wie gesagt, dies ist meine erste Triumph 12! Der Typenkorb beginnt zu wackeln. Es sieht so aus, als könnte ich ihn lösen ohne das mir etwas entgegen plumpst oder alles auseinander fällt.

Soll ich?
Traue ich mich?
Ich muss!

Okay, ab damit! Raus mit den Schrauben! Und dann kommt er mir entgegen. Mit samt den Typen. Darauf war ich jetzt nicht gefasst. Darauf, das ich den Typenkorb samt den Typen in Händen halte. Normalerweise, oder des öfteren, konnte ich den Typenkorb nur ein wenig anheben weil die Typen mit den Typenhebeln verbunden blieben. Nicht bei einer Triumph 12, soviel weiß ich jetzt.
Bevor ich aber ein Foto vom Typenkorb mit den Typenhebeln machen kann, fallen mir einer nach dem anderen heraus. „Katastrophe“, das war mein erster Gedanke.

Ach du Sch….!!
Bekomme ich die wieder hinein gebaut?


Hmm, irgend jemand hat die mal eingebaut, dann sollte mir das auch gelingen, beruhigte ich mich vorerst.
Dann fiel mir meine Continental Standard ein. Bei ihr kann man jeden Typenhebel einzeln heraus nehmen und wieder hinein setzten. Ganz leicht sogar!
Typenkorb also wieder eingesetzt und probiert die Typenhebel wieder einzuklinken. Mit einigem hin und her probieren wie das gehen könnte gelingt es mir. Hoch ansetzen, langsam und mit etwas druck nach unten führen und schon rastet der Typenhebel wieder ein. Cool, genial, geil!
Dann kann es ja los gehen mit der Reinigung. Zunächst die Schlitze reinigen und vom Dreck der Jahrzehnte befreien. Dann testen. Kurz wieder zusammen schrauben und ein paar Tasten gedrückt. „Klack, klack, klack“ – und geht! Ich bin gespannt ob sich auch der festgefahrene und nun demontierte Schlitten auf Tastendruck bewegen würde. Doch dazu später!
Ich muss zugeben, jetzt möchte ich sie gerne wieder ganz und gar wiederbeleben. Ich glaube ich mag sie. Da entwickelt sich so etwas wie ein Beziehung. Und das ist immer ein Zeichen für eine gute Arbeit zwischen der Maschine und mir. Also mache ich jetzt mal mit bedacht weiter.

Alles in Reih‘ und Glied angetreten! Und dann einer nach dem anderen zurück an seinen Platz.

Recherche zur Geheimsache WLT36

Zwischenzeitlich habe ich schon mal recherchiert. Diese Triumph ist ebenso ein Sondermodell das nur für die deutsche Reichspost hergestellt wurde wie die kleine Triumph Norm, meine Nummer 20, die bereits einen neuen Besitzer hat. Gebaut im Jahr 1935, soviel sagt schon mal die Seriennummer: 193708
Somit war diese Ausführung im freien Handel nicht erhältlich, wurde in verhältnismäßig geringen Stückzahlen hergestellt und ist damit ein seltenes Stück Kulturgeschichte das überlebt hat.
Des weiteren hat sie eine andere Tastatur als die Norm. Die Norm hatte eine Umschaltung von Groß- und Kleinbuchstaben. Eine Umschaltung fehlt hier gänzlich. Sie kann nur mit Großbuchstaben schreiben. Jeder Typenhebel hat nur ein einziges Zeichen, bzw. Buchsaben. Es fehlen die Umlaute, Doppelpunkt und sonstige Sonderzeichen. Sie hat nur Punkt und Komma und insgesamt nur 44 Tasten. Umlaute brauchte man damals nicht um Telegramme zu schreiben. Zudem ist sie mit einer etwas vergrößerten Schrift, eine ohne Serifen, ausgerüstet die ich persönlich sehr schön finde.

Dennoch, zum schreiben wäre sie für mich nicht zu gebrauchen, weil zu spartanisch. Ich werde sie, wenn sie jemand haben möchte, weiter geben.

Sie wächst wieder zusammen

Nachdem ich so gute Erfahrung mit einem Bad in Petroleum gemacht habe, versenkte ich alle Metallteile und die Typenhebel über Nacht in eben einem solchen.
Um ein weiteres mal bestätigte sich meine Methode. Die Typenhebel brauchte ich im Grunde nur abwischen, die Vertiefungen der Typen mit einer Bürste bearbeiten, und alle Arbeit ist getan. Keine mühseligen Metallreinigungen mehr.

Die Typenhebel
werden nach
und nach
wieder
eingebaut.

Die auseinander genommene Maschine habe ich erst ausgesaugt und anschließend mit Druckluft ausgeblasen. Den Rest habe ich mit einer Spiritus-Öl-Mischung und einer Zahnbürste gereinigt. Schneller als erwartet kehrte wieder geschmeidige Bewegung ein und in die Triumpf zurück. Mittlerweile ist sie weit davon entfernt eine, meiner ersten Einschätzung nach, Ruine zu sein. Alle Teile bewegen sich perfekt und sanft. Ich bin regelrecht begeistert, und es macht mir wirklich Spaß sie zu bearbeiten. Das hatte ich nicht für möglich gehalten als ich das erste mal versuchte eine Taste an ihr zu drücken. Stück für Stuck kehren auch die Typenhebel an Ort und Stelle zurück. Eine wahre Freude wenn eine Schreibmaschine so konzipiert ist. Beinahe so genial wie die Continental Standard. Ich glaube ich werde mir eine 12er mit Vollausstattung zum schreiben anschaffen.

Alle Organe
wieder an
Ort und
Stelle

Jetzt fehlt nur noch der Schlitten. Auch hier lässt sich einiges zum leichteren reinigen demontieren, was ich natürlich weidlich ausnutze. Klarer Fall!
Die Laufschienen zu reinigen war dann meine leichteste Übung. Was aber nicht bedeutet, dass die anderen Teile schwieriger zu reinigen waren. Nein, aber wenn das Ende einer Reinigung abzusehen ist, muss ich mich am Riemen reißen nicht schlampig und schnell zu arbeiten weil das ausgelobte Ziel ja heißt: Erster Schreibtest!

Okay, ich reiße, und zwar mich am Riemen. Nach etwa einer weiteren Stunde ist der Schlitten wieder zusammen gebaut, gereinigt und aufgesetzt. Er läuft, und er nimmt jeden Befehl an indem er pro Tastendruck einen Schritt vorrückt. Genau so soll es sein! Perfekt! Die anfängliche Ruine ist bereit für einen ersten Schreibtest.

Fertig! Gleich wird geschrieben.

Fertig und ohne Umschaltung

Jetzt noch die Seitenteile, die bereits poliert bereit liegen, angeschraubt und das Gelbe Biest nimmt wieder die Gestalt einer Schreibmaschine an. Das was jetzt noch fehlt ist ein Farbband. Das raube ich ihrer Schwester, einer ebenso mächtigen, aber schwarzen Triumph 10, und stelle es der gelben WLT-36 Matrone zur Verfügung.

Uuuund…. Test!!! Klack, klack, klack…. Sehr ungewöhnlich ohne Umschaltung zu schreiben. Das ist echt gewöhnungsbedürftig, macht aber Spaß. Ein ganz komisches Gefühl so zu schreiben. Behalte ich sie doch?

Erster Schreibtest Erfolgreich. Nur Großbuchstaben!

Kaum ‚isse da, ‚isse schon wieder weg

Abends am 28.05.2019 habe ich sie fertig gestellt und einen ersten Schreibtest gemacht. Und nein, ich werde sie nicht behalten, deshalb habe ich sie am nächsten Morgen schon angeboten. Das Angebot war erstellt, und am Mittag des selben Tages war ich mir bereits mit dem neuen Besitzer einig. Die Triumph 12, WLT 36 tritt ihre Reise nach Holland an. So weit weg …? Schnüff ….!

Trennungsschmerz!
Das gibt’s doch nicht!

Das alles ging dieses mal so schnell, dass ich das erste mal so etwas wie einen Trennungschmerz wahr genommen habe. Auch jetzt, wo ich entschieden habe sie nicht zu behalten. Irgendwie brauche ich wohl länger um eine Schreibmaschine wieder ziehen zu lassen. Und irgendwie entsteht während der langen Stunden der Reinigung so etwas wie ein Beziehung. Das weiß ich natürlich, aber es verging zwischen einer Fertigstellung und dem Abschied noch nie so wenig Zeit. Klingt blöde, ist aber so. Ich hatte es tatsächlich die ersten Stunden bereut die Maschine angeboten zu haben, und ich habe darüber nachgedacht, kurz nur, die Anfrage nach dem Preis ins unermessliche anzugeben, nur um sie vorerst behalten zu können.

Menno, was bin ich doch für ein sentimentaler Typ, ey!

Nein, nein, alles okay. Die Maschine tritt ihre Reise an und über einen angemessenen Wertausgleich sind wir uns einig geworden. Ab in die Niederlande!
Tschüß du dicke, gelbe Wuchtbrumme!

© 2019 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s