(17) Oliver Stolzenberg 4, Bj. 1904

Die Oliver Stolzenberg 4

Sie ist ein technischer Zeitsprung zurück in das Jahr 1904. Wir hatten noch einen Kaiser. Die Welt ist noch ein einziges Funkloch, der Computer nebst Drucker eine ferne Utopie und vom Bildtelefon wagten Techniker noch nicht einmal zu träumen.

Vorschau auf mein nächstes Projekt …

Heute Mittag (01.10.2018) ist die Oliver Stolzenberg 4 eingetroffen. Maschine ohne Polsterung, einfach nackt,  hochkant im 45 Grad Winkel, in einen dem Gewicht der Oliver nicht gewachsenen, schon löchrigen, abgewetzten Karton geworfen und an mich abgeschickt. So eine liederliche Verpackung hatte ich bisher noch nie gesehen. Schon gar nicht bei einer fast 15 Kilo schweren Schreibmaschine. Möglicherweise eine Folge meiner zähen Preisverhandlung? Aber die Oliver ist bekanntlich robust und so hat sie den Transport unbeschadet überstanden. Nicht einmal der Staub hatte sich los gerüttelt. Wenn ich bedenke, dass ich in meiner Anfangszeit 30 Euro als ziemlich teuer für eine alte Schreibmaschine empfand, so habe ich jetzt ausnahmsweise mal tief in die Tasche gegriffen und habe 70 Euro locker gemacht. Ich nenne hier den Preis, weil ich die Oliver selbst behalte, und mit ihr schreiben möchte.

Eine Oliver sollte es sein

Ich kann es kaum glauben. Zwei so tolle Oliver Maschinen innerhalb nur eines Monats gefunden zu haben. Und das nachdem ich bisher schon lange und vergeblich nach einer gesucht hatte, weil ich die Preise die im allgemeinen für eine unrestaurierte Oliver verlangt werden als zu übertrieben empfand. Eigentlich hatte ich nach einer Oliver ab Modell 5 gesucht. Das es nun ein Modell 3 sowie ein Modell 4 wurde ist mir auch recht. Und das es nun zwei deutsche Oliver geworden sind, also Stolzenberg’s, stört mich ebenso wenig.

Oliver Stolzenber 4 und 3

Das ist mir zuerst gar nicht aufgefallen. Die Oliver Stolzenberg 4 ist breiter als die Oliver 3 und sie hat auch mehr Tasten. Somit passen einige Teile dann doch nicht zusammen.

 

Licht aus! Spot an! – „Bat-Wing“

Am Abend habe ich die Oliver Stolzenberg zu ihrer ersten Fotosession in meine Werkstatt in den Keller gebeten. Sie hat sich nicht geziert. Ich beinahe schon, denn sie ist ein echt schwergewichtiges Weib das man nicht mal so eben mit sich herum trägt.

03 Oliver Stolzenberg 4 Seriennummer unten vorher nachher

Seriennummer vorher und nach der Reinigung

 

Ihr Gewicht ist groß, ihre Seriennummer dafür recht niedrig, wie ich bei Licht jetzt sehen konnte: „D159“, also die 159ste Maschine des Modells 4, und das Baujahr müsste demzufolge 1904 sein, wie mir wieder der amerikanische Oliver Fachmann sagte. Die früheste Seriennummer einer Oliver 4 Stolzenberg die ihm bekannt ist. Na, wenn das nix ist. Aber ob das etwas sinnvolles für mich aussagt? Mir ist das herzlich egal. Ich möchte nur  eines: Endlich auf dieser „Batwing“ schreiben dürfen um ihr genüsslich dabei zusehen zu können wie die Typen abwechselnd von links und rechtes aufschlagen und dabei herum Fuchteln wie der Dirigent vor seinem Orchester. Da ist mir die Seriennummer und das Baujahr ziemlich wurscht.

 

02 Oliver Stolzenberg 4 Schriftzug 2 Vorne

Schöner und gut erhaltener Schriftzug. Und Staub natürlich.

 

03 Oliver Stolzenberg 4 rechte Seite

Der Charakter von Messing gefällt mir eigentlich ganz gut. Aber Nikotin, und das ist Nikotin, sowie Patina auf einer SM? Das muß runter!

 

03 Oliver Stolzenberg 4 von Vorne

Noch verstaubt und unangetastet. Auf den Tasten stecken noch vergilbte Tastenschoner aus, ich schätze mal, Zelluloid.

 

Dies sind vorab die ersten drei Fotos von der „Schönheit“! Zuvor ist aber noch ihre Kollegin an der Reihe wiederbelebt zu werden. Die Oliver Stolzenberg 3.

Geteiltes Leid (Zahnrad)  ist halbes Leid.
Beginn der Restauration.

Gestern (16.10.2018) habe ich eine Kursänderung beschlossen. Die Oliver Stolzenberg 3 dient vorerst als Teilespender für diese Oliver Stolzenberg 4.

Warum? Der „Vierer“ fehlen ihr Zahnrad und die Flügelmutter für den Aufzugmechanismus unter der Maschine. Ebenso eine Papierführungsschine und das Spannmetall für das berühmte klackern einer Schreibmaschine, dann wenn die Walze gedreht wird. Das Metallteil ist gebrochen. Offenbar hat an dieser Maschine schon vor Urzeiten ein Unwissender Laie versucht sie zu reparieren und dabei anschließend einige Teile und Schrauben falsch eingesetzt. Diese fehlenden Teile habe ich der „Dreier“ jetzt entnommen, weil ich diese nach vielen Versuchen noch nicht justiert bekommen habe. Die Umschaltung klemmt sobald man den Schlitten nach links schiebt. Rechts herüber geschoben funktioniert alles so geschmeidig wie es soll. Ich habe bisher noch keinen Plan davon wie ich das austarieren könnte. Und da diese Teile mit beiden Oliver`s kompatibel sind und zudem ziemlich schnell ausgebaut, bzw. wieder eingebaut sind, bekommt die Oliver 4 diese vorerst ausgeliehen, weil sie in allen Teilen geschmeidig funktioniert, nur eben recht schmuddelig ist.

Oliver Stolzenberg 4 vorher Collage

Schon eingestaubt und Dreckig.

 

Sie braucht lediglich eine Reinigung um wieder Gebrauchsfähig sein zu können. Wenn die „Dreier“, die jetzt hinten an steht, fertig ist baue ich die Teile, je nach dem mit welcher ich schreiben möchte, um. So lange bis ich Ersatz dafür gefunden habe.

Oliver Stolzenberg 4 von unten fertig

Unter der Oliver Stolzenberg 4. Nicht viel los hier! Das Leben der Mechanik spielt sich hauptsächlich oberhalb der Maschine ab. Unten links: Das Besagte Zahnrad mit Flügelmutter aus der „Dreier“ eingebaut.

 

Um mir die Zeit einer weiteren Reinigung des Schlittens vorerst zu ersparen habe ich den Schlitten der Oliver 3 auf die Oliver 4 gesetzt. Und siehe da! Es funktioniert. Dennoch, der Schlitten der Oliver 4 wird jetzt auseinander genommen um wieder seinen Dienst auf seiner Heimat-Oliver versehen zu können.

Sie lebt! – Sie schreibt!

Gestern (22.10.2018) hat die Oliver ihren ersten längeren Schreibtest absolviert und mit Bravour bestanden. Alle Tasten, alle Hebel sowie die Mechanik gleiten geschmeidig so das sie mühelos eine ganze Seite Din A4 Papier tadellos beschrieben hat.
Doch bis es soweit war ….,
… war es ein langer Weg. Auch wenn es nur 22 Tage von ihrer Anlieferung bis hin zu ihrer wiedererlangten Diensttauglichkeit gedauert hat.

„Nur 22 Tage“?
„Ja, weil ich`s nicht abwarten konnte endlich auf einer Oliver Klaviatur zu tippen“. 

Oliver Stolzenberg 4 1. Schriftpobe

 

Erster Schreibtest bestanden. Nun gehts an das „Finish“ Jetzt werden die Kleinteile poliert und eine Endreinigung angesetzt.

 

Diensttauglichkeit bedeutet vorerst  noch nicht
Glanz und Gloria…


Ich habe die Oliver zuerst nur abgestaubt und mich dann ausschließlich der mechanischen Wiederherstellung gewidmet. Auf Äußerlichkeiten wie Glanz und Gloria habe ich dabei vorerst bewusst verzichtet. Das erledige ich erst dann wenn sie wieder tadellos schreibt. Sie muss also erst den Beweis ihrer Schreibfähigkeit antreten bevor sie im Schönheitssalon bedient wird.
Ich habe mich also vorerst intensiv mit ihren Innereien beschäftigt um sie so schnell wie möglich zum Schreiben zu bewegen. Dabei erlebte ich ein Dejavu.  Ich erinnerte mich an meine allererste Schreibmaschine, einer Olympia Simplex, bei der ich es auch nicht abwarten konnte endlich mit ihr schreiben zu können.
Ein wunderbares sowie gleichzeitig ein ehrfürchtiges Gefühl. Wunderbar, weil die Oliver Stolzenberg 4 mit ihrem Atemberaubenden Design beeindruckt.
Ehrfürchtig, weil ich mir beim Schreiben vorstelle wer wohl schon auf dieser Schreibmaschine, die 1904, also 10 Jahre vor dem ersten Weltkrieg gekauft wurde, und die unbeschadet zwei Weltkriege überdauerte, geschrieben hat. Beim ersten schreiben mit ihr beschleichen mich diese besagten und seltsamen Gefühle.
Sie schreibt herrlich leicht und hat einen leichtgängigen Anschlag, sowie einen ganz eigenen Sound. Und nach einigen Justierungen per 13er Maulschlüssel schlugen die Typen auch wieder exakt in einer Linie auf. Was zuvor eher einem Buchstabentanz glich, wurde so wieder zu einem flüssig lesbarem Schriftbild. Was ich dabei allerdings leider nicht erleben durfte war das worauf ich mich am meisten freute. Der optische Genuss der von links und rechts aufschlagenden Typen. Um das erleben zu können müsste ich Zehnfinger Blind schreiben können um so nicht ständig auf die Tastatur starren zu müssen. Kann ich aber nicht! Meine Frau, die das einmal gelernt hatte, setzte sich vor die Oliver und versuchte ihr Können. Auch Sie scheiterte an der ungewohnten Belegung der nur Dreireihigen Tastatur. Das ist also keine Standardtastatur. Wieder eine Tippse mit einer noch andern Tastatur. Aber egal! Die Oliver schreibt wenn man sich an sie gewöhnt hat, und das Klaglos und schnell .

Tschüß Patina, und

auf Nimmerwiedersehen Rost

Nachdem die Oliver so nachdrücklich und mühelos ihre Schreibtauglichkeit unter Beweis gestellt hatte, stand einer Kur im Schönheitssalon nichts mehr im Wege.

02 Oliver Stolzenberg 4 von schräg vorne fertig

Fertig! Sie ist wieder oliv statt schwarzbraun. Eine Oliver Stolzenberg 4 mit diesem Schriftzug, ich habe viel herum gefragt, ist bisher nicht bekannt.

 

Erst jetzt, nachdem die Mechanik ihre Tauglichkeit beweisen hat, habe ich damit begonnen die Kleinteile zu demontieren und einzeln nacheinander aufpzuolieren. Es erstaunt mich immer wieder welch ein Glanz aus den alten angerosteten Metallteilen hervor kommt. Es wäre schon schön, wenn der Lack ausgebessert würde. Ich denke aber die Maschine würde ihren antiken Charme verlieren und belasse es so.

Vorher – Nachher

Oliver Stolzenberg 4 vorher nachher

Nach weiteren zwei Stunden ausbauen, polieren und wieder zusammen setzten war das Werk getan. Nun habe ich endlich eine Oliver Stolzenberg 4 die cool aussieht und auch noch schreibt. Mein erster mit ihr geschriebener Brief bekommt mein Schreibmaschinen-Brieffreund.

Oliver Stolzenberg 4 vorher nachher 2
Das einzige was ich jetzt noch in Angriff nehmen werde sind die Tasten der Oliver 4. Ich hätte am liebsten neue, wenn es die gäbe. Aber so wie es scheint muss ich mir selbst etwas überlegen um sie wieder „schön“ und lesbar hin zu bekommen.

Oliver Stolzenberg 4 Typenimpression fertig

Tolle Fotos gelingen mit der Oliver 4 als Modell

 

Oliver Stolzenberg 4 Schriftzug 1904 fertig

Danach werde mich dann wieder dem Problem der „Dreier“ zuwenden, deren Mechanismus immer noch schwerfällig ist und dessen Ursache ich noch nicht finden konnte.
„Ich will“,
so steht es in meiner ganz persönlichen SM-Bibel:
„Ich will auch mit der Oliver 3 schreiben können.“  

Oliver Stolzenberg 4 und 3 02
 

Links die „Dreier“, noch unfertig. Rechts die fertige „Vierer“. Hier sieht man noch etwas deutlicher den Größenunterschied.

 

 

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2 Kommentare zu „(17) Oliver Stolzenberg 4, Bj. 1904

    1. Danke für Dein Lob! Mich hatte es auch gepackt als ich sie zum ersten mal auf einem Foto und dann auf einem Video sah. Mir waren die Olivers nur immer viel zu teuer. Das je eine so günstig bekomme hätte ich mir nicht träumen lassen. Aber ich muß sagen, sie sind es wert. Es ist der Hammer auf ihr zu schreiben. Die ist viel zu schade für eine Vitrine.

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