AEG Mignon Modell 3, Baujahr 1920 (9)

Abgeholt: März 2018 in Hamburg Sternschanze
Modell: AEG Mignon 3
Herkunft: Deutschland
Seriennummer:
Baujahr: 1936
Mechanik: Indexmaschine mit Typenzylinder
Renoviert von: Heiko Stolten im März 2018

Die hier habe ich gestern (18.3.2018) in Hamburg abgeholt.

AEG Mignon Modell 3, 1920, 1.collage

Die Mignon, oder auch „die Süße“ ist verkauft! Nach….?? Süßen, im Juli 2018

Vor ziemlich genau zwei Wochen hatte ich meine AEG Mignon Modell 4 verkauft, weil sie zwar vom Design her toll aussieht, aber als Schreibmaschine an sich völlig untauglich für mich ist. Mit dem Erlös finanziere ich mir meine „Adler-Mädels“ und deren Versorgung mit Ersatzteilen, weil die Mignon offenbar begehrt bei Sammlern und Liebhabern ist. Nun denn! Mir macht es Spaß alte Schreibmaschinen zu restaurieren, und anderen eben diese Art Maschine zu besitzen. Dann kommt ja zusammen was zusammen passt.

Gefunden habe ich sie, ohne sie zu suchen, also zufällig in Hamburg. Was bedeutet, ich konnte sie selbst abholen. 100 Euro Verhandlungsbasis war in der Annonce aufgerufen. Hätte ich nie und nimmer dafür ausgegeben, zumindest nicht in diesem Zustand, und haben wollte ich sie auch nicht wirklich. Also habe ich ganz unverschämt ein paar Euro angeboten. Die Verkäuferin stieg auch prompt, nur 10 Minuten später auf meine Unverschämtheit ein.
„Dafür könne ich sie haben“, schrieb sie mir.  Ich schrieb ihr das ich sie auch sofort abholen können. Sie würde sich also den Versand ersparen. Ein „pling“ in der Anzeigenbörse signalisierte mir eine Antwort, etwa 15 Minuten später.  Gemacht! Ich könne sie haben, wenn ich sie selbst abhole. Die Maschine würde dem Vater der Verkäuferin gehören, und als dieser hörte das da ein Typ wäre, also ich, der die Mignon restaurieren würde, sagte er:
„Dann soll er meine geliebte alte Mignon haben“ Das hörte sich richtig fürsorglich an.

Mignon 4 entpuppt sich
als Mignon 3

Und nun steht sie hier bei mir Zuhause und ich mache die ersten Fotos von der noch unangetasteten Mignon, Modell 3. Ja das wäre auch noch eine Erwähnung wert. Angeboten wurde mir eine Mignon Modell 4. Ich hatte aber schon auf den Fotos gesehen, das es sich wohl um eine Mignon, Modell 3 handeln müsse, denn die dritte Taste fehlt hier noch. Diese hier hat nur die Auslösetaste für den Typenkopf und eine Leertaste. Meine erste Mignon hatte eine Beschriftung an der Vorderseite. Hier konnte man ablesen, dass es sich um das Modell 4 handelt. Dieser Mignon, übrigens in einen Metallkoffer, fehlt diese Beschriftung gänzlich.

AEG Mignon Modell 3, 1. Foto
Das 1. Foto der unangetasteten Mignon 3

Die Mignon 3
im Zustand nach Jahrzehnten im Ruhestand

Noch Matt und mit einer Schicht Patina der vielen Jahre auf einem Dachboden oder Keller überzogen steht sie da. Steht so da, als wisse sie nichts mit sich anzufangen. Das 1. Foto mit Blitzlicht täuscht erheblich darüber hinweg und lässt die Mignon ganz passabel aussehen. Der Schlitten mag sich nach einem Tastenanschlag nicht so gerne bewegen. Er tut es zwar, ist aber sehr langsam und widerwillig, obwohl die Zugfeder eingehängt ist. Tastenanschlag, und dann leitet er mit Verzögerung, so wie in Zeitlupe, eine kaum wahrnehmbare Bewegung ein.

AEG Mignon Modell 3, 1. Foto Seriennummer
Zugfeder ist eingehängt, trotzdem bewegt sich der Schlitten zur zögerlich.

Schreiben ist so nicht möglich, weil der Schlitten langsamer ist als der zweite Tastenanschlag. Das gibt Buchstabensalat auf dem Papier. Die rechte Taste, also die Leertaste ist etwas verbogen. Das Farbband ist über die Jahre eingetrocknet, aber das ist ja klar. Alles in allem ist die Mignon ziemlich dreckig, vor allem unter ihr haben es sich allerlei Staub und über die Jahre verloren gegangener Kleinkram miteinander recht gemütlich gemacht. Der Schreibzeiger ist zwar beweglich, hat aber auch über die Zeit des absoluten Stillstands seine Geschmeidigkeit eingebüßt. Vom ersten Eindruck her aber eine völlig normale, gebrauchte, fast 100 Jahre alte Schreibmaschine, die es Wert ist wieder in einen Zustand versetzten zu werden der ihrer Würdig ist.

AEG Mignon Modell 3, 1920 erste Schriftprobe
Erster Schreibtest

Das erste was sein muss, ist natürlich ein erster Schreibtest. Ein neues Farbband einlegen und los ging es. Klappt! Ich musste der Mignon zwar noch etwas auf die Sprünge helfen, weil ihr Schlitten noch nicht im Vollbesitz seiner vollen Kraft war. Ich habe ihm per Hand nachgeholfen seine Altersstarrheit zu überwinden, und habe ihn nach jedem Anschlag etwas angeschubst. Im Gesamteindruck eine Schreibmaschine die komplett und demnächst wieder funktionstüchtig sein wird.

Die Mignon 3 wird entkleidet

AEG Mignon Modell 3 Bodenplatte im Original
Unter der Mignon. Bis auf die Schrauben sah es so aus!

Unter der Mignon sah es Zeitgemäß aus. Staub. Dreck und allerlei Fundstücke die auf einen Büroalltag schließen lassen. Einige Büroklammern, diverse Briefklemmen und Papierschnippsel, vereint mit Staub und Patina. Irgendwann muss der Vorbesitzer die Maschine vom Bodenblech gelöst haben, denn das Bodenblech und der Metallkoffer wurden einst mit silberner Farbe bedacht. Nicht gerade Fachmännisch, aber einigermaßen passabel. Und es hat den Metallkoffer offenbar vor all zu starkem Rostbefall bewahrt, dem er sicherlich seit der Außerdienststellung der Einzeigerschreibmaschine ausgesetzt war. Während ich dabei bin die Mignon zu demontieren muss ich innerlich immer mal wieder schmunzeln, weil ich mir die Frage stelle wie man mit dieser Schreibmaschine in einem Büro sinnvoll Texte schreiben kann. Ich stelle mir vor wie da jemand sitzt und den Zeiger von Buchstabe zu Buchstabe schiebt und dann jeweils den Auslöseknopf drückt. Andererseits kann ich mir vorstellen das es aus heutiger Sicht auch eine entschleunigte Zeit gewesen sein müsste. Zumindest was Büroarbeit angeht. Ich schaffe nach einiger Übung in etwa 25 bis maximal 35 Anschläge pro Minute.

AEG Mignon Modell 3 auseinander nehmen 3
Nach und nach wird sie entkleidet

Das Innenleben der Süßen entpuppt sich zwar als ziemlich dreckig, aber völlig intakt und vollständig.
„Kind wo hast du dich nur wieder herumgetrieben?“ hätte meine Mutter damals zu mir gesagt, wenn ich, und das nicht selten, ebenso dreckig nach hause kam.

AEG Mignon Modell 3 auseinander nehmen 3
Mein Unterlegtuch zeugt schon von einigen Schreibmaschinenreparaturen. Nach der Mignon muss es nun doch mal in die Wäsche, sagt meine Frau.

Nach und nach wird das Innenleben der Mignon sichtbar. Mit Benzin und Zahnbürste geht es zunächst den Verkrustungen an ihren Gelenken und Federn an den Kragen. Beim auseinandernehmen des Schlittens stelle ich fest, dass die Gegendruckwalzen für den Papiereinzug durch die langen Jahre der Untätigkeit eingedrückt sind. Das hatte ich zuerst nicht bemerkt, denn das erste Blatt Papier wurde anstandslos eingezogen und auch wieder ausgegeben. Da ich dafür keinen Ersatz habe, bleibt es erst einmal so. Es funktioniert ja. Und da Mignon Schreibmaschinen heute begehrt bei Sammlern  und Dekofreunden sind und aus diesem Grund oft verhältnismäßig teuer zu erwerben sind, wird es für mich zumindest dabei belassen. Es sei denn ich habe wieder so ein Glück und bekomme günstig eine Ruine mit intakten Walzen.

AEG Mignon Modell 3 auseinander nehmen 4
Hier gibt es viel zu tun!

Sie atmet wider durch

Diese Mignon nehme ich fast vollständig auseinander. Bei meiner ersten Mignon 4 habe ich mir das noch nicht zugetraut, obwohl die Mechanik gegenüber einer „richtigen“ Schreibmaschine sehr viel simpler ist, wie ein Blick unter die Mignon 3 veranschaulicht.

AEG Mignon Modell 3 unten fast fertig
Under the boardwalk … äh, unter der Mignon. Hier schon fast fertig

Wie man sieht, kaum nennenswerte Mechanik, und so genial einfach. Und doch! Ich habe mir fast die Zähne daran ausgebissen. An einer ganz winzigen Kleinigkeit. Drei Tage habe ich geknobelt (wie gesagt, ich bringe mir alles über Schreibmaschinen selbst bei) wie ich den Mechanismus wieder in Gang bekomme. Der Schlitten wollte nach dem Zusammenbau keinen Millimeter von alle machen. Alle Taste (Haha, alle! Es sind nur zwei) funktionierten, aber die Auslösemechanik um den Schlitten von links nach rechts und hin und her schieben zu können hing schlaff in der Gegend herum. Es ist so einfach! So einfach, dass ich drei Tage brauchte um endlich die erlösende Idee zu bekommen.

Das Drama mit der Zugfeder

Fakt war: Ich konnte die Schreibtaste auslösen, und der Typenkopf senkte sich auch wie er soll auf die Schreibwalze. Nur die Leertaste, die konnte ich zwar auch ganz leicht auslösen, zeigte in der Mechanik unter dem Schlitten aber kaum eine Wirkung. Drei Tage dachte ich, ich hätte etwas falsch zusammen gebaut, und versuchte mehrere Möglichkeiten den Fehler zu beheben. Ohne Erfolg. Ich dachte, wenn ich per Hand dem Schlitten die Spannung gebe die eigentlich die Zugfeder gibt, müsste es doch funktionieren dass der Schlitten einen Schritt weiter fährt wenn eine Taste ausgelöst wird. Dem war aber nicht so.
Mein Fehler war es zu glauben ich könne die Zugfeder mit meiner eigenen Kraft ersetzen. Die Zugfeder lag noch im Kasten und wartete darauf poliert zu werden. Und da sie innerhalb weniger Sekunden wieder eingebaut ist, verzichtete ich vorerst darauf. Ich wollte kein ungeputztes Teil einbauen, wollte aber schon mal die Funktion der fast fertigen Mignon überprüfen.

Pustekuchen, das war wohl nix!! Ich hatte zwar schon bemerkt, dass die Mechanik die den Schlitten weiter fahren lässt durch die beiden Tasten, Auslöse -und Leertaste, unterschiedlich weit bewegt wurde, und das kam mir natürlich spanisch vor. Das ich nur die Zugfeder hätte einsetzten müssten kam mir irgendwie nicht in den Sinn. Jeden anderen Schlitten einer Schreibmaschine konnte ich bisher auf diese Weise ohne Zugband oder Zugfeder Testen. Diese nicht! Nur wusste ich das noch nicht. Wie gesagt die erlösende Idee kam mir drei Tage und einer neuen Schreibmaschine, einer Klapp Erika 3, später.

Ich putze das letzte Teil der Mignon, die besagte Zugfeder, und setzte sie ein. „Yeah…“! Mit einem mal funktionierte der Schlitten wieder. Ich hatte nicht bedacht, das die Zugfeder auch die Mechanik des Ausklösemechanismus des Schlitten genau dort hin zog wo ich sie immer per Hand hinziehen wollte. Da mir die Zugfeder beim auseinander nehmen heraus fiel, hatte ich nicht darauf geachtet, das sie direkt auf die Auslösemechanik aufgesetzt wird, sondern hatte nur die sichtbare Einhängung an der Seriennummer noch in Erinnerung. Die Mignon ist so einfach und genial konstruiert, das die Einfachheit mich schlicht überfordert hatte, und ich dem Biest schon mit dem Metallschrott drohte.
Jetzt sind wir aber wieder versöhnt, und meine dusseligkeit als Erfahrung verbucht. Nun, die nächste Mignon wird wieder einfacher für mich. Man lernt ja nie aus. Ich werde sie mir jetzt noch eine Weile genüsslich betrachten und mich an ihrer Schönheit und meiner Arbeit erfreuen, bevor ich sie wieder zum Verkauf anbiete. Eine Mignon ist für mich keine wirkliche Schreibmaschine. Zumindest nicht in dem Sinne, dass ich damit lange Texte schreiben kann, was ich von meinen anderen Schreibmaschinen erwarte. Da muss alles für mich stimmen. Schönheit und schreiben von Textseiten. Schön ist die Mignon, dass ist unbestritten, nur mit dem schellen schreiben hapert es für mich.

Mignon 3 erstes schreiben nach reinigung
Erster Text nach der Fertigstellung

Natürlich habe ich auch mit ihr geschrieben, wie man oben sieht. Ein neues Farbband bringt auch gleich gute Ergebnisse. Tippfehler allerdings auch! Man muss lernen mit ihr umzugehen – Mit dieser Buchstabensuchmaschine, wie ich immer sage, das mechanische Ouija Brett.

Mignon 3 fertig 1
Und hier ist sie nun! Das alte Mädchen hat sich hübsch gemacht
AEG Mignon Modell 3, 1920 Vorher-Nachher
Und hier der Unterschied. Links im Urzustand, und rechts ist sie fertig. Man beachte das messingfarbene Skalenblech am Schlitten. Das war vorher Schwarz. Ich war perplex wie viel Glanz darunter steckte.

Wer sie also haben möchte kann mich gerne kontaktieren. Sie steht ab sofort zum Verkauf. Würde ich sie behalten, würde ich ihr einen neuen Walzenbezug gönnen und die Gegendruckwalzen ebenfalls neu machen lassen. Das allerdings würde ich einem Fachmann überlassen. Die Walzen sind beide naturgemäß innerhalb der vergangenen fast 100 Jahre verhärtet.

© 2018 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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