Triumph Gabriele 10, 1977 mit Schreibschrift (13)

Modell: Gabriele 10
Mechanik: Vorderaufschlag
Baujahr: 1977
Schriftart: Ro 75, größere Version der Schreibschrift
Seriennummer:
Farbband: 13 mm, Din 2103 Spulen
Renoviert von: Heiko Stolten im August 2018

Triumph Gabriele 10 Schriftzug

Prinzipien und Bewusstsein

„Prinzipien“ – Prinzipien sind nützlich um an und mit ihnen zu wachsen. Sie sind reformierbar und sollten so dann und wann modifiziert und auf das Gegenwärtige Dasein abgestimmt und feingetuned werden. Soweit so gut!

Meine Prinzipien waren bis vor ein paar Tagen noch:
Nur Schreibmaschinen zu kaufen oder mir in die Werkstatt, bzw. auf den Schreibtisch zu stellen, die wenigstens Vorkriegsware sind, und die eine Designrichtlinie erfüllen die ich mir selbst gesetzt hatte. Die also meinem persönlichem Geschmack entsprechen.

Am liebsten auch noch welche die mit einer Dreireihigen Tastatur daher kommen. Doppelte Umschaltung – Versteht sich von selbst!
Dazu gehörten bisher meine ollen Adler-Damen, Mignons und Klapp Erikas, und seit neuestem eine Oliver Stolzenberg, sowie ein paar andere. Und dazu gehörte, und gehört immer noch, dass ich es super finde, wenn eine Schreibmaschine ein besonderes, vom typischen „Pica“ Schriftbild abweichendes Schriftbild mitbringt. Siehe meine Adler 7 mit Kursiv Schrift und eine weitere Adler 7 mit Frakturschrift. Dieses Prinzip der besonderen Schrift habe ich bisher beibehalten, was nicht bedeutet ich nähme keine Maschine mit „Normalschrift“.
Was ich aber modifiziert habe ist, dass ich mir jetzt eine „Design-Sünde“ der späten 1970er Jahre angelacht habe, eine Triumph Gabriele 10 von 1977 in einem „Man-Muss-Es-Nicht-Mögen“ Plastikkleid nebst Plastikkoffer.
Aber…, ja aber, und jetzt kommt’s …,
… eine die mit wunderschöner Schreibschrift protzt und ihr mangelndes Design somit ad absurdum führt. Anders herum gesagt, das Schriftbild ist wichtig, und das Design gerät somit zur Nebensache. Das ist Prinzipien-Modifikation und keine Prinzipienreiterei mehr. Eine neue Entdeckung produziert ein erweitertes Bewusstsein, welches durch Prinzipienmodifikation angepasst wird. „Hah, das habe ich aber so richtig intellektuell verpackt“.  🙂

Triumph Gabriele 10 Schreibschrift
Sieht doch bestechend schön aus !

Gabi kommt, … oder,
Gabi wartet im Park

Tja, und so kam ich auf die „Gabriele“ Ich suchte schon länger nach einer Schreibmaschine mit dieser besagten Schreibschrift. Ich wusste es gibt sie! Zum Beispiel bei einer Privileg 270S, (scheußlich, von Quelle) oder bei einer Adler Tippa (Aua, aber geht gerade noch) und noch einigen mehr. Allesamt aus den 1960er und 1970er Jahren, die ich ja prinzipiell nicht gewollt hatte. Und dann tauchte da die Gabi auf. In der Kleinanzeigenbörse. Ich hätte auch eine Adler Tippa genommen, oder eine Privileg. Mir ging es nur um die Schreibschrift.

Wochenlang hatte ich diverse Inserenten mit der Frage: „Ist Ihre Maschine mit Schreibschrift ausgerüstet?“ genervt.
Antworten wie:
„Nein“,
„Weiß‘ nicht“,
„Was ist das?“,
„Da kenne ich mich nicht aus“,
bis hin zum „schweigen im Walde“, also gar keine Antwort, waren die Ergebnisse die ich erzielte. Wäre doch schön, wenn die Inserenten einfach mal die Typen der Maschine fotografieren würden, oder wenigstens ein Blatt Papier mir einigen Buchstaben beschrieben. Aber darauf kommen die wenigsten. Und wenn doch, dann ist die Maschine sündhaft teuer. Bei solchen Angeboten drehen einige Sammler förmlich durch und bieten Preise die jenseits von Gut und Böse sind. Ebenso wird von einigen Verkäufern angenommen das eine Schreibmaschine zwangsläufig alt ist, was wohl stimmt. Das macht sie aber nicht automatisch zu einer Antiquität oder zu einer Rarität die enorm teuer sein muss. Ich habe schon Erikas der 50er Jahre gesehen für die in Annoncen 500 Euro verlangt wurden. Natürlich kauft die kein Mensch der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Aber es gibt sie tatsächlich, die wirklich seltenen, uralten und besonderen Schreibmaschinen, die auch mal einen Vierstelligen Preis erzielen. Aber die sind wirklich, wirklich Rar.

Da wurde tatsächlich eine Privileg 270 S für über 100 Euro angeboten, und offenbar auch verkauft, denn die Anzeige verschwand alsbald. Eine Privileg mit Normalschrift ist fast unverkäuflich, die wechselt oft nicht einmal als Geschenk ihren Besitzer. Andererseits ist es auch gut für mich wenn viele Inserenten sich damit nicht auskennen, denn so bin ich schon zu den zwei Adler 7 mit Kursivschrift gekommen, sowie die andere Adler 7 mit Frakturschrift. Alle drei für wirklich kleines Geld.

Dann vor ein paar Tagen! Sommerferien – Sommerloch – wenig Angebote, und ich gelangweilt, sah ich sie, diese merkwürdige Annonce in den Kleinanzeigen mit der Überschrift.
„Schreibmaschine zu verschenken“,
und im Folgetext hieß es:
„Alte Schreibmaschine von ca. 1975 mit Kursivbuchstaben – Selbstabholer“
Das Wort „Kursivbuchstaben“ als Suchtext einzugeben, darauf wäre ich nie gekommen! Und so ist diese Annonce, als sie eingestellt wurde, von mir aufgrund des Fotos unbeachtet geblieben. Das entsprach halt nicht meinem Beuteschema. Man lernt halt nie aus!
Seit etwa 4 Wochen war die Anzeige nun schon online, und der Besuchszähler lag bei verschwinden geringen 12 Klicks. Nun ja, als erstes sieht man das Foto. Ich auch! Und  scrollt weiter. Diese Maschine will man nicht wirklich haben, diese komische Plastik-Tippse von 1977. Ich wollte sie auch nicht. Erst als ich den Folgetext las, das war etwa 3 Wochen später – warum auch immer ich das tat, ich weiß es nicht, stolperte ich über das Wort „Kursivbuchstaben“. Und der Knüller; die Gabi wartete tatsächlich, so wie in diesem Schlagertext, in so einer Art Park auf mich. In Wedel bei Hamburg, keine 30 Kilometer für mich zu fahren.

Ich will die Gabi! – Und zwar sofort

„Die hätte ich gerne abgeholt, wann hätten sie Zeit“
lautete mein Ansinnen mir eine solche Maschine ins Haus zu holen.
„Gerne! Sofort?“
war die Antwort.
„Um 17 Uhr?“
wurde in der darauf folgenden Nachricht hinzu gefügt
Perfekt, ich fahre gleich los“,
Nun bekam ich auch die Adresse von Gabi zugesandt, und prompt, eine Stunde später bin ich in Wedel vorgefahren. Wie gesagt, ein Parkähnliches Ambiente.
„Das ist sie“,
sagte eine ältere Dame,
„damit habe ich früher Speisekarten für das Restaurant meiner Eltern getippt“. „Deswegen hat sie nur Kursivbuchstaben“,
entschuldigte sich die Dame förmlich. Sie empfand die Schriftart als untypisch und als einen Makel für eine Schreibmaschine, worauf ich ihr versicherte, dass es genau dieser „Makel“ ist der mich zu ihre führte. Ein warmer Händedruck, und die Maschine wechselte ihren Besitzer. Kostenlos – Innerhalb von 2 Minuten!
„Kursivbuchstaben“, ich musste unweigerlich schmunzeln als ich mit dem Koffer in der Hand, darin die Gabriele, zum Auto ging. Das ist Schreibschrift in seiner schönster Form.

Zuhause angekommen, sagte die Frau meines Herzens mit einem verständnislosen Gesichtsausdruck:
„Oh Gott ist die hässlich. Was willst du denn mit der Gurke?“
„Ich dachte Du wolltest niemals“ ….

Ja, wollte ich ja auch nie, aber nun habe ich doch so eine 70er Designsünde abgeschleppt. Aber sie weiß ja, ich mag die schöne Schriften. Den ersten Brief in Schreibschrift schreibe ich an meinen Schreibmaschinen-Brieffreund, dem ich meine Princess geschenkt hatte. Oder doch lieber an meine Frau? Einen Liebesbrief in Schreibschrift. Ja, warum eigentlich nicht.

Triumph Gabriele 10 im Koffer
So langsam gewöhne ich mich an sie und ihren Hartschalenkoffer in Lederoptik der 1970er

Ich lerne Gabi kennen

Zu aller erst aber wird die Gabi einer Untersuchung unterzogen. Nach der ersten Vorstellung landete Gabi dann erst einmal auf meinem Arbeitsplatz im Keller.  Erster Check! Und siehe da, sie ist voll funktionsfähig, jedoch verstaubt und schmuddelig. Ein erster Schreibtest mit frischem Farbband ergibt: „Bestechend schön“! Also das Schriftbild jedenfalls. Ich bin hellauf begeistert. Das Schriftbild, das wenig benutzt wurde, wie neu wirkt, tröstet über alle Designmakel hinweg. Tolle Maschine – Tolles Schriftbild! Und die Maschine wird immer schöner für mich. Und meine Prinzipien?

Triumph Gabriele 10 auf Arbeitsplatz
Erster Schreibtest am Arbeitsplatz bevor ich sie auseinander nehme und reinige. Die Mignon, rechts auf dem Tisch muss erst einmal warten.

Und ich denke, ich beginne sie zu mögen. Zumindest ist sie nicht schüchtern, denn sie spricht schon mit mir, was ja immer ein gutes Zeichen ist.
„Entschuldige meine Hemmungslosigkeit, Gabi!
Ich muss dich jetzt von deinem Plastikkleidchen befreien,
damit ich dir mal darunter schauen kann“.
„Gar nicht mal so schlimm
„,
denke ich, nachdem ich sie entblößt hatte, „da sind mir schon schmuddeligere Mädels unter gekommen.“
Alles in allem nur Staub unter der Haube der sich leicht entfernen lässt. Das Plastikgehäuse und andere Plastikteile weiche ich im warmen Wasser mit Soda und Spülmittel ein. Leider hilft das nicht gegen die gelbliche Verfärbung.
Nikotin? Oder das Zusammentreffen von Plastik und Licht, welche sich auf Dauer nicht gut miteinander vertragen? Aber der Dreck und die Flecke sind wenigstens durch das Tauchbad verschwunden.
Während also das Plastikkleid einweichte, gehe ich an Gabi’s Innereien. Hier kommt wieder meine Zahnbürste als Staubputzer zum Einsatz, etwas Benzin sowie Spiritus, und Gabi’s Organe sehen gleich wieder aus wie neu.

Triumph Gabriele 10 unangetastete Schrauben
Unangetastet! Die rote Farbe, wie ein Siegel, ist noch völlig intakt. Hier hat noch nie jemand herum geschraubt.

Sie triumphiert, die Triumph

Innerhalb von nur 4 Stunden ist die Gabriele 10 wieder sauber und voll einsatzbereit. Jetzt noch den Koffer putzen, und alles ist wieder so hergerichtet, dass man sie, wenn man möchte, bedenkenlos auf den Esstisch stellen könnte.

Das Schriftbild, geschrieben mit doppelten Zeilenabstand, sieht wirklich bestechend aus. Warum in aller Welt gibt es dieses Schriftbild nicht bei einer Vorkriegsmaschine? Das wäre für mich der Oberhammer, eine Klein Adler 1 oder eine Klapp Erika mit Schreibschrift.

Triumph Gabriele 10 ohne Koffer
Und das ist Gabi nun! Fertig und geputzt.
Triumph Gabriele 10 Schreibschrift Typen
Und hier ihr wunderschönes, geputztes Gebiss mit Schreibschrift! Ro 75, die größere Version.
Triumph Gabriele 10 Typehebel sauber
Innereien!  Auch wieder Blitzblank

Also wir, die Gabi und ich, sind plötzlich und unerwartet Freunde geworden, und ich beginne sogar ihr Design zu respektieren. Es sind eben nicht immer die Äußeren Werte, sondern die Inneren die zählen. So wie bei einer Person, also auch bei einer Schreibmaschine. Und wenn jemand von innen her beginnt zu leuchten, dann sind Prinzipien eher ein Hinderungsgrund.

Ich werde jetzt auch nicht mehr sagen das sie hässlich ist. Nicht einmal denken! Sie ist eine tolle Freundin die ich nicht missen möchte. Und da sind äußere Merkmale zweit -bis drittrangig. Sie hat eben ihren ganz persönlichen Charme, und ich ein erweitertes Schreibmaschinen-Bewusstsein.

Und weg isse

Einmal kommt immer der Tag der Trennung. Auch für die Liebenswürdigste Schreibmaschine. Im Dezembeer 2020 habe ich die Triuph(ale) Gabi weg gegeben – An einen großen Freund schöner Schriften. Hier ist sie in guten Händen und wird weiterhin benutzt. Ich hingegen nutze die große Schript Schreibschrift nun in einer Contessa delux und auf einer IBM Kugelkopf-Schreibmaschine, einer Selectra III. Bon Voyage Gabi!

© 2018 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

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