Mercedes 3, Bj. 1922. Mit Wechselschriftsatz (65)

Angekommen: 17.12.2020
Modell: 3
Herkunft: Zella-Mehlis, Thüringen, Deutschland
Seriennummer: 78000
Baujahr: 1922
Mechanik: Vorderaufschlag
Farbband: 16 mm auf eigenen Spulen
Sonderzubehör: Tabulator mit externer Taste unter der Leertaste
Restauriert von: Heiko Stolten im Dezember 2020 / Januar 2021
Besonderheit: Seit Oktober 2021 mit zwei Schriftarten (Pica & Kursiv) ausgerüstet

Meine Idee ist nach knapp einem Jahr wahr geworden.
Seit November 2021 ist diese Mercedes 3 mit zwei verschiedenen Schriftsätzen ausgerüstet. Mit Pica (1 AR) und mit kleiner Schrägschrift (3 AR).

Dieses Mercedes, Modell 3 ist möglicherweise das einzige Exemplar das
mit zwei kompletten Schriftsätzen ausgerüstet ist.

Mehr dazu unten im Text.

Erstes Foto am Tag der Ankunft. Zustand: Ziemlich verdreckt und Restaurationsbedürftig!
Unten sieht man die Tabulatortaste unter der Leertaste

Etwas zur Mercedes 3

Erschienen ist das Modell 3 im Jahr 1911 als eine Verbesserung des Vorgängermodell 2. Das Modell 3 wurde bis 1923 gebaut. Die Mercedes 3, und das ist das Besondere, kann vom Anwender spielend leicht zerlegt werden. Und so wurde sie damals auch beworben.
Als „Die zerlegbare Schnellschreibmaschine Mercedes„.

Der Typenkorb kann mit wenigen Handgriffen komplett herausgenommen, und die Maschine auf diese Weise in Rahmen und Typenkorb zerlegt werden. Wenn man jetzt noch kurzerhand den Wagen abnimmt, was ebenso einfach ist, erhält man drei große Teile und einen tiefen Zugriff auf die Innereien der Maschine. so ist eine bequeme Reinigung möglich und es kann zudem ohne viel Aufwand ein Wagen mit unterschiedlichen Längen genutzt werden. Sogar die gesamte Tastatur kann bei Bedarf für verschiedene Belegungen, unterschiedliche Sprachen oder Schriftarten gewechselt werden.

Warum denn eine Mercedes?

Eben drum, wie oben erwähnt. Wegen der besonderen Möglichkeiten die sie anbietet. Welche Schreibmaschine sonst kann man so bequem zerlegen und wieder zusammen setzen?
Diese Mercedes ist zudem ein Exemplar mit Tabulator, was ein weiteres Kriterium für mich war sie zu kaufen. Zudem finde ich schöne Papierhalter toll. Nicht diese Stiftartigen die einfach nur heraus zu klappen oder auszufahren sind. Auch nicht solche die lediglich aus Draht in Wellenform gebogen sind und am Wagen herum schlackern. Ich mag jene bei denen sich bei ihrer Gestaltung darüber Gedanken gemacht wurde wie ein Papierhalter das Erscheinungsbild einer Schreibmaschine aufwerten kann.
Und diese Mercedes 3 hat genau so einen Papierhalter, einen der sie majestätischer wirken lässt. Beinahe so schön wie der Lyrahalter einer Stoewer Record.

Dies waren meine Gründe so eine Mercedes zu kaufen, denn eine Mercedes entsprach bisher nicht unbedingt meinem bevorzugtem Beuteschema. Das einzige was mich an einer Mercedes interessierte war das man sie innerhalb weniger Augenblicke in drei große Teile zerlegen kann. Naja, und es sollte wenigstens eine 100jährige sein, jünger sollte sie nicht sein. Das alles wollte ich einmal Life und in Farbe erleben. Gesagt, getan, denn diese entspricht meinen Kriterien und sie wird bald, im Jahr 2022 genau 100 Jahre alt! Ich hatte so eine schon einmal, für zu viel Geld allerdings, mit einem kursiven Schriftsatz gesehen. Die Idee sie eines Tages mit einem weiteren Schriftsatz auszurüsten zu können war ebenfalls ein Kriterium – Oder besser gesagt ein Traum!

Ziemlich viel Patina und Flugrost. Die Tastatur ist kaum noch zu erkennen.

Mein zweites ICH

Ich wollte keine weitere Schreibmaschine die derart verdreckt ist wie diese. Jedenfalls nicht zur Zeit, später vielleicht! Eine kleine Pause vom Restaurieren solcher Fast-Ruinen hatte ich mir innerlich ausgebeten. Zudem sollte die Mercedes laute Inserat Fünfzig Euro kosten. Absurd!

Was mich dann doch dazu brachte auf eine preislich so überzogene Annonce zu reagieren könnte eigentlich nur derjenige in mir beantworten der mir hin und wieder, so wie in diesem Fall, die Führung abnimmt. Und das macht „Er„, wenn ich es zulasse, sogar recht gut. Nun gut, ich hatte also meinem zweitem ICH, während ich mich zurück lehnte wieder einmal die Führung überlassen. Wir sind ein gutes und eingespieltes Team, das muss ich hier mal lobend anmerken.
Einzige Anweisung an „IHN„: „Ich habe zur Zeit keine Lust auf dreckige Eisenschweine„.

Es sei denn […] Nunja der Preis würde ein überzeugendes Argument darstellen. Das „ER“ so schlau war mich kurz vor der Mercedes mit zwei nahezu perfekt erhaltenen Schreibmaschinen regelrecht zu „langweilen„, nur um mir damit wieder Lust auf eine verdreckte zu machen, war ein raffinierter wie gewiefter Schachzug. Und das „ER“ sie, also die Mercedes, dann noch für Zwanzig Euro, Versand inklusive, an Land ziehen würde […] Gut gemacht mein Lieber – Respekt!

Und da steht sie nun! In einem erbärmlichen Zustand zwar, aber sie ist ohne Transportschäden angekommen. Das die Mercedes die erste sein würde die ich mit meinem zukünftigen Weihnachtsgeschenk bearbeiten werde konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. „
Ahah, deshalb also wieder eine dreckige“!!
Hinterher ist man ja immer schlauer.

Zustandsbricht

Alles in allem, und wenn ich der Mercedes eine Bewertungsnote geben sollte, wobei eine „6“ einer Ruine entsprechen würde und eine „1“ eine Neuwertige bezeichnen würde, dann gäbe ich ihr eine Vier Minus. Sie ist bis auf die Füße komplett, jedoch total vernachlässigt. Das sieht nach vielen Stunden Arbeit aus. Den Preis von 50 auf 20 Euro herunter zu handeln war in diesem Fall nicht unverschämt, sondern mehr als berechtigt.

So sieht’s aus!
1.) Farbband zerrissen, aber die speziellen 16 mm Spulen sind vorhanden. 16 mm Farbband habe ich!
2.) Völlig verstaubt, mit Patina überzogen und einiges an Flugrost. Wohl mindestens 50 Jahre Stillstand.
3.) Alle 4 Füße sind zerbröselt, die Schrauben aber vorhanden. Da muss Ersatz her.
4.) Der Wagen kreischt erbärmlich wenn ich ihn schiebe. Papier wird aber sauber eingezogen. Walzen drehen!
5.) Das Zugband ist ausgehakt, aber vorhanden und intakt . Kein Problem also.
6.) Die meisten Typen bewegen sich nur zögerlich. Das sollte auch kein Problem darstellen.
7.) Die Tastatur ist kaum zu erkennen, so viel Dreck lastet auf ihr. Ist aber putzbar.

Auf gehts

Auseinander nehmen! Das ist die erste und die spannendste Aktion. Innenleben, Rahmen und Wagen voneinander trennen soll bei diesem Modell ja ganz leicht sein.
Die Mercedes lässt sich, wenn man ihre Spezialität kennt, tatsächlich schnell auseinander nehmen. Zunächst dreht man die beiden seitlichen Schrauben heraus. Dann werden die linken und rechten Tasten, die Rück-und die Farbwahltaste entfernt (die sind nur aufgesteckt).

Nun kann man schon das gesamte Innenleben samt Tastatur nach vorne ziehen und heraus heben. Der Wagen wird einfach nach links geschoben, die Arretierung gedrückt und schon kann man ihn abnehmen. Normalerweise fädelt sich das Zugband jetzt selbstständig aus und beim aufsetzen wieder ein. Hier war das Zugband ausgehakt und ich musste es erst wieder einsetzen.

So sah das im Originalzustand aus. Die oberen zwei Tasten müssen entfernt werden.
Hier habe ich sie zur Ansicht wieder drauf gesetzt.

Bedienerfreundlichkeit lautet die Devise

Und an dieser Stelle offenbart mir die Mercedes ein weiteres Geheimnis. Alle Typenhebel lassen sich zum putzen und polieren ganz leicht entnehmen und wieder einsetzten. Das wusste ich noch nicht, denn einer fiel mir, sicherlich nur um mir zu zeigen das es geht, beim heraus heben des Typenkorbs von ganz alleine entgegen.
Klasse Maschine die Mercedes. Genial durchdacht und konstruiert. Ich bin wirklich begeistert. Im zusammen gebauten Zustand haben die Typenhebel keine Chance heraus zu fallen, dafür sorgt die geniale Konstruktion der Mercedes.
Ob die späteren Modelle der Mercedes genau so Bedienerfreundlich waren kann ich nicht sagen. Ich hatte bisher noch keine, gehe aber mal davon aus!

Hier kommen gerade die Typenhebel einer nach dem anderen gereinigt und poliert zurück.
Die „M-Taste“ ist probeweise schon mal geputzt.

Saugen und pusten

Diese Mercedes ist die erste Schreibmaschine die ich mit meinem diesjährigem Weihnachtsgeschenk bearbeiten kann. Meine Liebste hatte mir einen eigenen Kompressor geschenkt. Ach, das ist angenehm das ausblasen Zuhause und nicht in der Firma erledigen zu müssen. Erst mit dem Industriesauger aussaugen, dann mit dem Kompressor durchpusten – Super!
Das geht Ruck zuck, spart Zeit und die Maschine ist in Null-Komma-Nichts Staubfrei. Das manuelle ausbürsten mit einer alten Zahnbürste und dem gleichzeitigen aussaugen gehört nun endlich der Vergangenheit an.

Putzen und polieren

Ja, putzen und polieren! Was soll ich sagen? Das ist eine richtige Sisyphus Arbeit Hoch Drei. Nur für die Typenhebel brauche ich gut vier Stunden um sie wieder auf Hochglanz zu bringen. Vorher hatte ich sie alle für wenigstens 12 Stunden in Petroleum eingeweicht. Das Segment schreit ebenfalls nach Zuwendung und die feste Patina die sich in allen Ecken fest verankert hat wehrt sich standhaft dagegen beseitigt zu werden. Soll sie ruhig, denn sie wird über kurz oder lang Chancenlos sein.

Dann der Wagen! Ich hatte ihn weitestgehend zerlegt. Aber immer nur Stück für Stück, damit ich jedes Kleinteil und jede Schraube einzeln polieren kann ohne zu vergessen wo was hingehört. Ich schätze die Arbeit am Wagen dauerte etwa 6 Stunden.

Hoffnung kostet ja bekanntlich nichts, und somit kann ich mir eine gehörige Portion davon leisten. Es gibt nämlich bereits einen ersten Hoffnungsschimmer. Es sieht danach aus als würde bald alles wieder gut funktionieren. Die Maschine ist nach etwa 16 Stunden Arbeit wieder zusammen gebaut und macht was sie soll.

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Jetzt kommt das finish. Nun bekommt die Tastatur ihre ihr zustehende Aufmerksamkeit geschenkt. Die Tastatur habe ich mir Bewusst für zuletzt aufgehoben, denn was nützt mir eine schöne Tastatur wenn sich die Maschine unvorhergesehen als unbrauchbar erweisen würde?
Aber sie funktioniert, schreibt ruhig und alles ist so wie es sein soll. Alle Typenhebel bewegen sich, der Tabulator ist wieder Einsatzbereit, und alle Hebel und Schalter zeigen Wirkung. Perfekt! Also weiter machen!

Schrubben, polieren und entrosten steht jetzt an.

Stunden später … Teilweise schon gereinigt.

Nach weiteren drei bis vier Stunden strahlt wieder, wie es scheint. Der Lack ist noch recht gut in Schuss. Das Frontblech sieht schon mal wieder ganz annehmbar aus und der Rahmen hat auf seiner rechten Seite eine Probe-Politur erhalten. Das sieht schon mal sehr vielversprechend aus und so kann das Polieren auf den gesamten Rahmen ausgedehnt werden.

Kleinkram

Kleinkram – Das hört sich erst einmal nach ziemlich wenig an, ist aber das was oft am meinsten Zeit benötigt auch am arbeitsintensivsten ist.
Die Tabulatorleiste zum Beispiel. Die Reiter des Tabulators, die Skalenleisten vorne und hinten, Der Zeilenschalthebel und seine Abdeckungen, die Hebel und Hebelchen am Wagen, und, und, und… Alles will abmontiert, poliert und ordnungsgemäß wieder an seinen Platz zurück gebracht werden. Kleinkram eben!
Jedes noch so kleine Teil und selbst die winzigen Linsenschrauben wollen und sollen glänzen. Schließlich haben wir bald ein Jubiläum zu feieren, denn die Mercedes wird nächstes Jahr runde 100 Jahre alt. Und da soll sie doch schnieke aussehen, eben so wie eine elegante Mercedes-Dame.

Endspurt – Erwachen & Auferstehen

Ungefähr ab hier, also kurz bevor ich mich der Tastatur zuwende, fängt sie an, zunächst zaghaft, aber sie beginnt damit, mit mir eine Konversation eingehen zu wollen. Der Endspurt naht, und die Mercedes beginnt sich zu räkeln um zu erwachen.
Das ist der Unterschied zu den Schreibmaschinen die ich kaum oder gar nicht bearbeiten muss. Je länger ich mit einer, also aktuell mit dieser Mercedes zusammen sitze, desto intensiver wird unsere Beziehung. Je länger ich an einer Schreibmaschine herum poliere, bastel und schrubbe, desto näher kommen wir uns. Man könnte beinahe sagen, seit sie nicht mehr unter Staub und Dreck verborgen ist bekommt sie die Schnute auch wieder auf. Klingt absurd, aber so empfinde ich das. Sie beginnt sich wohl zu fühlen.

Wiedervereinigung – Reinkarnation – Wiedergeburt
und das erste Schreiben

Das neue 16 mm Farbband (Original verpackt zwar, aber dennoch uralt und leider nur ein altes DDR Produkt) ist schon eingefädelt. Jetzt soll die Schreibeinheit wieder in den Rahmen zurück geschoben werden um aus allen Teilen wieder eine komplette Schreibmaschine entstehen zu lassen.
Danach noch die zwei Stiftschrauben seitlich hinein drehen um die Schreibeinheit zu fixieren.

Mit der rechten Stiftschraube wird übrigens auch der Tipp-Mechanismus aktiviert, der im herausgedrehtem Zustand gesperrt ist. In der Bedienungsanleitung wird dies als „Schreibsperre für Unbefugte“ beschrieben. Lustig, nicht wahr? Eine prähistorische Datensicherung!

Jetzt noch das Frontblech montiert und sie ist steht wieder voll im Leben.

Zuletzt noch die zwei Funktionstasten aufgesetzt – Fertig! Eine weitere Mercedes, Modell 3, hat das Licht der Welt für ein weiteres mal und für ein zweites Leben erblickt. Rebirthing, Reinkarnation, Wiedergeburt, oder wie nennt man das wenn etwas wiedergeboren wird?
Der erste Schreibtest ist Erfolgreich und der zuvor völlig verrostete Tabulator ist wieder Bereit ordnungsgemäß all seinen Pflichten nachzukommen.

Das schöne an der Mercedes ist auch gleichzeitig das Besondere an ihr. Ich kann die Schreibeinheit wie beschrieben schnell auswechseln.
Hätte ich Beispielsweise eine oder mehrerer Schreibeinheiten, könnte ich flugs mal die Schriftart wechseln. Oder gleich eine gesamte Sprache. Zum Beispiel könnte man eine russische Tastatur einsetzen und hätte sofort die Möglichkeit in kyrillisch zu schreiben. Nicht das ich russisch könnte, aber die Möglichkeit bestünde. Oder arabisch, griechisch, jüdisch, was auch immer es gibt oder gab.

Mein Traum wäre „Zierschrift“, „Kursiv“, und wenn ich ganz doll träume „Fraktur“.

Eine Mercedes mit kursiver Schrift hatte ich bisher erst einmal gesehen, ebenso eine mit Fraktur. Sicherlich gab es sie auch mit Perl oder Raumsparschrift. Ich werde wohl nicht umhin kommen mir eine weitere Mercedes 3 Schreibmaschine zu besorgen um dann die Schreibeinheiten je nach Bedarf tauschen zu können. So zumindest sieht mein Traum im Dezember 2020 aus.

Soweit so gut erst einmal.
Im Oktober 2021 geht die Geschichte weiter und mein Traum wird wahr.
Ein neuer Schriftsatz kommt bei mir an.

Innerhalb eines Textes schnell mal die Schriftart wechseln können. So hatte ich mir das vorgestellt. Seit November 2021 geht das bei mir und dieser Mercedes 3. Kursiv und Pica innerhalb eines Textes.

Gibt es eine einzelne Schreibeinheit
für die Mercedes 3 ?

Mein Traum ist es, und das nicht erst seit gestern, sondern breits seit ich diese Mercedes 3 letztes Jahr bekommen hatte, mit ihr in verschiedenen Schriften schreiben zu können. Doch woher nehme ich so einen auswechselbaren Schriftsatz?
Einen Schrifsatz abseits der normalen Schreibmaschinenschrift Pica, und zwar ohne mehrere Mercedes 3 kaufen zu müssen nur um dann festzustellen das auch hier nur eine normale Pica vorhanden ist? Nein, es muss einen anderen Weg geben.

Das war die große Frage die mich immer mal wieder beschäftigt hatte. Mal mehr, mal weniger! Verkäufer von Schreibmaschinen sind im Punkto Schriftart fast immer damit überfordert mir sagen zu können welche Schrift vorhanden ist.

„Kommen Sie einfach vorbei und schauen nach“!

So oder ähnlich wird es mir dann geraten. Doch wie soll ich mal eben auf die Schnelle von Schleswig Holstein nach Bayern kommen um mir eine Schriftart anzusehen? Selbst wenn es genau die wäre nach der ich suche stünde das in keinem Verhältnis.

Mir war zu diesem Zeitpunkt auch nicht klar ob man damals einen Extra Schriftsatz für die Mercedes kaufen konnte. Sinnvoll wär’s ja gewesen. Ich hatte jedoch noch keinen einzelnen Schriftsatz entdecken können. Also musste ich sehen ob ich eine weitere, eine komplette Mercedes 3 dazu kaufen kann in der eine andere Schriftart vorhanden ist. Und das es Mercedes Maschinen mit anderer Schriftart gab, dass war mir schon Bewusst. Nur wo? Eine Mercedes 3 wird nicht gerade jeden Tag angeboten, und schon gar nicht mit besonderer Schriftart.

„Hmm, ob das was wird“?

Mein letzter Gedanke hierzu lautete in etwa:
„Ich hoffe mal auf Komissar Zufall und mein Glück“.

Ich hatte bereits eine Adler 16. Bei diesem seltenen Modell hätte ich , wenn ich einen gehabt hätte, den Schriftsatz tauschen können. Von diesem Modell waren jedoch nur noch drei existierende Exemplare bekannt. Diesen Schriftsatz zu tauschen also in absehbarer Zeit und zu einem halbwegs bezahlbarem Preis zu bekommen war schier aussichtslos. Eine Dreireihige Adler 8 wäre noch eine Alternative gewesen, aber ich wollte gerne eine Schreibmaschine mit vier Tastenreihen haben bei der die Schrift austauschbar ist. Dann fiel mir diese Mercedes 3 in die Hände und von da an ließ mich die Idee nicht mehr los.

Laut I.F.H.B. gab es scheinbar keine einzelnen Schriftsätze für die Mercedes 3. Das hatte ich im Oktober 2021 angefragt. Zumindest ist niemanden aus dem Sammlerkreis etwas darüber bekannt.
Wohl auch deshalb nicht weil ich offenbar der erste bin dem diese Glorreiche Idee, und zwar Jahrzehnte nach der Schreibmaschinen-Ära, kommt. Da kann Fachwissen, wenn es nicht abgefordert wird, schon mal verloren gehen. Das ist hinlänglich bekannt, und so entstehen ja auch Legenden.

Und es gibt ihn doch !
Einen einzelnen Schriftsatz für die Mercedes 3.
Die Mercedes 3 ist jetzt geboostert!

Ja, „geboostert“ Eine Wortschöpfung die erst seit Ende Sommer 2021 in aller Munde ist. Ich will diesen Ausdruck hier einmal verwenden um die Aufmerksamkeit damit einmal auf eine Schreibmaschine und nicht auf eine Krankheit zu lenken.
Knapp ein Jahr nachdem diese Mercedes bei mir eintraf, oder um genauer zu sein, nur elf Monate später steht er vor mir. Dieser ominöse, scheinbar nicht existente Schriftsatz. Dreckig zwar, angerostet auch, und sehr reinigungsbedürftig. Er stammt aus Holland wo ein lieber Sammlerkollege wohnt der ihn seiner Schlacht-Mercedes 3 entnommen hatte um ihn mir zukommen zu lassen.

Das ist er. Der komplett Schriftsatz mit kleiner Kursivschrift. Frisch aus Holland eingetroffen. Hier noch im ungereinigtem Zustand direkt nach der Ankuft in der Schreibstube Krempe.

Und das kam so!

Oktober 2021. Anfrage im Chat beim I.F.H.B.: Die Antwort lautete, wie oben schon beschreiben:

„…nichts bekannt“

Im nächsten Eintrag, wenig später im gleichen Chat, stellte ein anderer Kollege ein Foto eines solchen Schriftsatzes ein, und jetzt kommt der Knüller, mit samt eines dazugehörigen Koffers.
Es gab also sogar einen Koffer für so einen Extra Schriftsatz. So einen Koffer hatte wohl bisher noch niemand wahrgenommen, aber wohl auch noch nie nach einem gefragt.

„… gab es ihn also doch!“ „Boah, und jetzt will ich auch so einen Koffer haben … „

Und im dritten und wichtigsten Abschnitt des Chats erhielt ich das ersehnte Angebot für genau so einen Schriftsatz den ich suchte. Einer mit kleiner Schrägschrift wurde mir angeboten. Eben jener aus Holland der nun vor mir steht, der aus einer Schlacht-Mercedes stammt und flehentlich nach einer Reinigung schreiht.
Er passt! Er schreibt! Anfänglich noch verhalten und zögerlich, aber es klappt einwandfrei ihn in meine Mercedes zu implantieren. Mit etwas Übung schaffe ich das sogar in rasant kurzer Zeit. SUPER!

Einfach den kompletten Schriftsatz austauschen und den Text genau dort weiter tippen wo man vorher aufgehört hat. Das alles ist jetzt kein Problem mehr. Mit etwas Übung ist die Typeneinheit samt Tastatur innerhalb einer Minute ausgetauscht.

Schreiben mit der Mercedes 3

Das Schreiben mit der Mercedes 3 ist wirklich sehr angenehm, jedoch kommt sie an die Continental Standard nicht ganz heran. Das mag aber auch daran liegen das meine Continental 14 Jahre jünger ist. Im Neuzustand waren sie sich beide sicherlich ebenbürtig.
Die Mercedes tippt recht einfach und geschmeidig und sie hat den großen Vorteil, auch der Continental gegenüber, wie schon beschrieben, dass man die Schreibeinheit wechseln kann. Das macht die Mercedes wirklich einmalig für mich. Und dieses Modell hat noch mehr Charakter als die nachfolgenden Mercedes Modelle. Das ist zumindest meine persönliche Ansicht.

Ich vermute einmal, dass nach meinem Bericht die Preise für eine solche Mercedes steigen werden, denn nun werden weitere „Homo Scriptus“ Enthusiasten auch auf die Glorreiche Idee kommen ihre Mercedes mit weiteren Schriftsätzen auszurüsten. Ich wünsche allen Schreibmaschinen-Verrückten ein dreifaches Hallalie und eine erfolgreiche Jagd.

Und bitte …. Informiert mich wenn es bei Euch auch geklappt hat.

Eine Schreibmaschine – Zwei Schriftarten!

© 2021 Schreibstube Krempe
Fotos & Text by Heiko Stolten

Ein Gedanke zu “Mercedes 3, Bj. 1922. Mit Wechselschriftsatz (65)

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